Saudi-Arabiens König Abdullah Der gute Mann von Riad

Bislang galt Saudi-Arabiens Nahost-Friedensplan dem Westen als eine Totgeburt, heute nennt ihn Israel "revolutionär". Worauf also noch warten? Jetzt sollte man die Araber beim Wort nehmen.

Von , Dammam


Saddam Hussein regierte noch in Bagdad, und Jassir Arafat saß, von Ariel Scharon wie eingemauert, in seinem Hauptquartier in Ramallah fest. In Haifa, Tel Aviv und Jerusalem hatten palästinensische Selbstmordattentäter innerhalb weniger Wochen 20 israelische Zivilisten umgebracht, in Gaza und in der Westbank errangen die Israelis einen Pyrrhussieg nach dem anderen – ein neuer Tiefpunkt in Nahost war erreicht.

Saudi-Arabiens König Abdullah: Zu einer neuen Art von Panarabismus gefunden
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Saudi-Arabiens König Abdullah: Zu einer neuen Art von Panarabismus gefunden

Da flog, anstelle seines kranken Bruders König Fahd, Saudi-Arabiens Kronprinz Abdullah zum Arabergipfel nach Beirut und legte mitten in der Krise einen Friedensplan auf den Tisch: Wenn Israel sich auf die Grenzen von 1967 zurückziehe, das Rückkehrrecht der palästinensischen Flüchtlinge anerkenne und die Gründung eines Palästinenserstaates mit der Hauptstadt Ostjerusalem zulasse, dann werde die arabische Welt ihre Beziehungen mit dem jüdischen Staat normalisieren. Eine bestechende Perspektive: Kibbuz-Orangen auf dem Souk von Damaskus, israelische Touristen in den Shopping Malls von Dubai, die grüne Fahne des Königsreichs auf dem Dach einer saudi-arabischen Botschaft in Jerusalem.

Das war im März 2002, die Welt stand unter dem Schock des 11. Septembers. Ein Friedensplan ausgerechnet aus Saudi-Arabien, dem Herkunftsland von Osama bin Laden und 15 der 19 Attentäter? Israel und der Westen hörten die Botschaft wohl – allein, es fehlte ihnen der Glaube. Ein "extrem wichtiger Vorschlag", lobte die damalige US-Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice, doch "nicht mit allen Elementen" könne man arbeiten, über andere müsse man erst verhandeln. Gut gemeint, kommentierte die israelische und die westliche Presse, doch bevor es zu diesem Frieden komme, müsse noch viel Wasser den Jordan hinunterlaufen.

"Die Schuld liegt bei uns, den Führern der arabischen Welt"

Letzte Woche in Riad haben die 22 Staatschefs der Arabische Liga ihre Erklärung von Beirut erneuert. Kronprinz Abdullah, inzwischen selbst König, hatte ihnen vorher eine Standpauke gehalten, wie sie noch nie auf einem Arabergipfel zu hören war: Blutvergießen im besetzten Irak, Paralyse im Libanon, eine schwache Führung im Sudan, ein Bürgerkrieg nach dem anderen in Somalia. "Die Schuld liegt bei uns selbst", so der greise König, "bei uns, den Führern der arabischen Welt."

Nicht dass allein die Araber versagt hätten in den fünf Jahren seit der Erklärung von Beirut: Die Bush-Regierung hat im Irak einen Krieg begonnen, der, genau wie Ligachef Amr Mussa vorausgesagt hatte, "das Tor zur Hölle" aufstieß. Israel führte im Libanon einen Feldzug, den Vizepremier Schimon Peres heute für einen "Fehler" hält – und der Hassan Nasrallah, den Chef der radikalislamischen Hisbollah, zu einem arabischen Volkshelden machte. Und die Europäer, hin- und hergerissen zwischen transatlantischer Bündnistreue und dem Bedürfnis, auch selbst einmal etwas auf die Beine zu stellen, suchen bis heute vergeblich nach einer kohärenten Nahost-Strategie.

Fast alle haben verloren in den vergangenen fünf Jahren – bis auf Männer wie Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad, dem sein Selbstbewusstsein inzwischen so zu Kopf gestiegen ist, dass man ihm wünscht, ein weiser Mullah holte ihn alsbald auf den Boden der Realität zurück.

Eine Fügung, die man nutzen sollte

In Wahrheit ist die Sorge aller um Irans Atomprogramm eine Chance für den Nahost: Selten waren die Interessen der Araber, der Israelis, der Europäer und der Amerikaner so deckungsgleich wie heute. Eine Fügung, die man nutzen sollte.

Die andere Fügung ist, dass der Saudi-König Abdullah auf seine alten Tage zu einer neuen Art von Panarabismus gefunden hat. Es mag mitreißendere und visionärere Araberführer gegeben haben, doch selten einen, der so pünktlich auf der politischen Bühne erschien. Er hat das Alter, junge Männer wie den Syrer Baschar al-Assad in die Pflicht zu nehmen. Er hat den Einfluss, die zerstrittenen Fraktionen in Palästina und im Libanon zusammenzuführen. Er hat ein ökonomisches Gewicht, das auch die Amerikaner nicht ignorieren können. Und er hat die Weisheit, selbst heute mit den Iranern zu reden – und zwar ohne von vornherein ihre Gegnerschaft zu betonen.

Abdullah, schlug der "New York Times"-Kolumnist Thomas Friedman letzte Woche vor, solle es dem Ägypter Anwar al-Sadat gleichtun und zu einer Friedensfahrt nach Jerusalem aufbrechen. Wer das Selbstverständnis eines 83-jährigen arabischen Monarchen kennt, ahnt, dass es wohl andersherum laufen müsste. Die Israelis sollten nach Riad fahren, und der Westen, auch die Nahost-Reisende Angela Merkel, sollte sie dazu ermutigen. Es wird nicht mehr sein als ein weiterer Versuch im Nahen Osten, doch ein besserer Augenblick wird lange auf sich warten lassen.

Dass Abdullahs Neffe Prinz Bandar sich hinter den Kulissen bereits mehrfach mit Israelis getroffen hat und dass Israels Premier Ehud Olmert den Saudi-Plan jetzt für eine "revolutionäre Entwicklung" hält, ist ein gutes Zeichen – auch wenn er das wortgleiche Dokument vor fünf Jahren nicht einmal ignoriert hat.

"Du führst einen Krieg mit der Armee, die du hast, nicht mit der, die du gerne hättest", hat der ehemalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld gesagt. Man kann sein großes Wort getrost auch anders wenden: "Du machst Frieden mit Gegnern, die du hast, nicht mit denen, die du gerne hättest."

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