Umstrittener Hitler-Putin-Vergleich Schäubles Wahrheit

Schäubles Hitler-Vergleich war politisch unklug und falsch, aber ein anderer ist durchaus plausibel: Das heutige Russland zeigt auffällige Ähnlichkeiten mit dem Deutschland der Zwischenkriegszeit.

Bundesfinanzminister Schäuble: Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich
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Bundesfinanzminister Schäuble: Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich


Julija Timoschenko hat es getan, Hillary Clinton hat es getan. Und nun also auch Wolfgang Schäuble. Er hat Putin mit Hitler verglichen, die Annexion der Krim mit dem Anschluss des Sudetenlandes 1938. Die Empörung ist groß. Die Kanzlerin, die weiß, wie es sich anfühlt, mit Hitler verglichen zu werden, distanziert sich.

Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich, historische Vergleiche sind stets heikel und Hitler-Vergleiche politisch immer unklug. Vor allem aus dem Munde eines Deutschen. Da hilft es auch nichts, dass es Schäuble im Gespräch mit Schülern offenbar nicht darum ging, Putin zu verteufeln. Er hat den Hitler-Vergleich gerade nicht, wie sonst üblich, als Totschlagargument eingesetzt.

Trotzdem hat er politischen Flurschaden angerichtet, den ein deutscher Minister besser vermieden hätte. Der direkte Vergleich zwischen dem russischen Autokraten und jenem Mann, der für Dutzende Millionen Tote verantwortlich ist, ist falsch, er führt nicht weiter, er emotionalisiert. Aber ein anderer Vergleich - und der klingt auch bei Schäuble an - ist durchaus plausibel: Das heutige Russland zeigt ebenso auffällige wie beunruhigende Ähnlichkeiten mit dem Deutschland der Zwischenkriegszeit.

  • Wie das Deutsche Reich nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg sieht sich Russland nach dem Ende des Kalten Krieges als gedemütigtes Land, das sich mit einer schmachvollen Niederlage abfinden muss. Es musste die Verkleinerung seines Herrschaftsgebiets hinnehmen, es sieht sich isoliert, von Feinden umgeben, deren Ziel es ist, Russland weiter zu schwächen. Millionen Russen - wie damals Deutsche - finden sich außerhalb der Landesgrenzen.
  • Wie im Deutschland der dreißiger Jahre ist die Demokratie weithin diskreditiert. Denn die ersten demokratischen Gehversuche Moskaus in den neunziger Jahren gingen - wie im Deutschland der Weimarer Republik nach dem Ende der Monarchie - mit wirtschaftlichem Niedergang und finanziellen Krisen einher. Die meisten Russen fühlten sich aus der relativen Sicherheit des sowjetischen Systems in genau jenen Raubtierkapitalismus entlassen, den die sowjetische Propaganda als Schreckbild gemalt hatte. Demokratie wurde zum Synonym für politische Schwäche, die eine kleine Gruppe von Oligarchen zur Bereicherung nutzte, während ein Großteil der Bevölkerung verarmte.
  • Wie das damalige Deutschland reagiert Russland mit einer Rückbesinnung auf das Nationale, einem nationalen Sendungsbewusstsein, das die westliche Moderne als dekadent ablehnt.

Diese Ähnlichkeiten zu erkennen und zu beschreiben, heißt nicht, Russland zu diffamieren oder zu beschimpfen. Sie sind auch nicht zwingend ein Plädoyer für ein hartes Vorgehen gegen Moskau. Sie können vielmehr helfen, das russische Vorgehen zu erklären. Gerade uns Deutschen.

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insgesamt 75 Beiträge
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mfetzer 01.04.2014
1. Die Wahrheit
Wenigstens einer unserer Politiker der Rückrat hat und die Wahrheit verkündet. was ist falsch an seiner Betrachtungsweise. Ich schreibe hier auch mit meinem vollen Namen und bin ein Putin Gegner schon seit Jahren. ich habe in Facebook eine Gruppe aufgebaut Putin una persona non grata. Wieso. Hier zu diskutieren mit den meisten Putin auftragsschreibern ist mühevoll, weil sie mit Argumenten argumentieren die man alle getrost in den Müll werfen kann. Der EX KGB Mann kann den Zerfall seines geliebten Großreiches Sowjetunion nicht verkraften. Die Ostpolitik Willi Brands war nicht deshalb erfolgreich, weil sie Breshnev irgendwelche Zugeständnisse abgerungen hat, sondern weil sie in den Ostblockstaaten die Bildung einer aufgeklärten Mittelschicht begünstigte, die in der Lage war, die eigene Propaganda als Lügengebilde zu erkennen, und die sehen konnte, wie gut Menschen in freien, offenen Gesellschaften leben. Der Druck der Verhältnisse hat in der Sowjetunion mit Gorbatschow einen Mann an die Macht gebracht, mit dem Verständigung grundsätzlich erst möglich war, Diese gebildete Mittelschicht, die von einer freien und offenen Gesellschaft in Russland träumt, die gibt es heute schon. Verständigung mit Putin ist unmöglich. Wir müssen die Kräfte in Russland stärken und motivieren, die Putins Diktatur überwinden wollen. Eine Politik der Verständigung wird erst dann erfolgreich sein, wenn in Russland eine verständigungsbereite Person die Macht inne hat. Würde mich auch freuen mehrere Diskussionsteilnehmer in meiner Gruppe zu begrüßen.
tel33 01.04.2014
2. Vergleiche
Man muss Herrn Putin nicht mit Hitler vergleichen, dazu besteht kein Anlass. Erst Recht nicht, wenn man sich die Ergebnisse ihrer Politik betrachtet. Allerdings gibt es für die Vorgänge auf der Krim in der jüngeren europäischen Geschichte nur eine einzigen vergleichbaren Vorgang, mit zumindest in der Vorgehensweise erstaunlichen Parallelen - den Anschluss des Sudetenlandes an das Deutsche Reich 1938. Dies sollte man schon anmerken dürfen...
AlbertGeorg 01.04.2014
3. Schäubles Vergleich war richtig
Zitat von sysopDPASchäubles Hitler-Vergleich war politisch unklug und falsch, aber ein anderer ist durchaus plausibel: Das heutige Russland zeigt auffällige Ähnlichkeiten mit dem Deutschland der Zwischenkriegszeit. http://www.spiegel.de/politik/ausland/schaeuble-irrt-mit-hitler-vergleich-hat-recht-mit-weimar-parallele-a-961997.html
Schäuble hat Putin nicht mit Hitler verglichen, sondern die Annexion der Krim mit der Annexion des Sudetenlandes. Dieser Vergleich ist richtig! Auch muss man anmerken dürfen, dass Hitler zu dem Zeitpunkt der Annexion noch keine Millionen Tote zu vertreten hatte! Zum jetzigen Zeitpunkt hat Putin sicherlich etwa soviel Tote zu vertreten wie Hitler zum damaligen Zeitpunkt. Hoffentlich haben wir aber das Glück, dass sich damit die Parallelen erschöpfen!
fc-herrenturnverein 01.04.2014
4. Der gleiche Tenor ...
Zitat von sysopDPASchäubles Hitler-Vergleich war politisch unklug und falsch, aber ein anderer ist durchaus plausibel: Das heutige Russland zeigt auffällige Ähnlichkeiten mit dem Deutschland der Zwischenkriegszeit. http://www.spiegel.de/politik/ausland/schaeuble-irrt-mit-hitler-vergleich-hat-recht-mit-weimar-parallele-a-961997.html
... wie gestern in der Welt. Mir macht unsere Presse richtig Angst. Ein Hitler-Vergleich ist immer falsch. Aus Deutscher Sicht. Aber heute, wo die merkelsche Pragmatik immer siegt, ist alles zulässig. Und besonders, wenn die Bevölkerung einfach nicht kriegswillig ist. Dann Bedarf es solcher Bezichtigungen. Alles hat heute den Anschein: Wir sollen auf einen Krieg vorbereitet werden? Warum? Dafür, dass aus den Ruinen Europas Schäubles Vereinigte Staaten von Europa entstehen? Falls das die Absicht ist, dann wäre hier ein Hitler-Vergleich vielleicht gar nicht so falsch.
mfetzer 01.04.2014
5. verbessere
politisch klug und richtig. Die Aussagen entsprechen der Wahrheit. Und leider ist es mit der Wahrheit der meisten Politiker nicht mehr weit her. Putin gehört geächtet bis Russland endlich mal einen Präsidenten bekommt, den es braucht. Putin der lupenreiner Despot vernichtet wirtschaftlich sein Volk. Schäuble hat einfach und schlicht gesagt mit seiner Aussage das ausgedrückt, was sich manche Duckmäuser nicht zu sagen trauen.
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