Schäubles Hilfsangebot Irak-Flüchtlinge wollen keinen Christen-Bonus

Gefangen in Angst und Armut: Flüchtlinge aus dem Irak kämpfen in Syrien und Jordanien ums tägliche Überleben. Innenminister Schäuble will Tausende von ihnen nach Deutschland holen - aber am liebsten nur Christen. Doch eine exklusive Rettung wollen die Betroffenen gar nicht.

Aus Damaskus und Amman berichtet Yassin Musharbash


Damaskus/Amman - Der Babysitter von Maysun, Jasim, Lubna, Amira und Fadia heißt Gott. "Ich bitte Gott, auf sie aufzupassen, und schließe ab", sagt ihre Mutter Basima. Zwei bis drei Stunden am Tag sind die Kinder dann allein in der Wohnung. Die Älteste, Amira, ist acht; die Zwillinge Jasim und Maysun sind anderthalb. Doch Amira fällt als Aufpasserin aus, denn sie ist zurückgeblieben. Und so muss Gott aushelfen. Bis jetzt ist es gut gegangen. Aber Basima weint jedes Mal, wenn sie das Haus verlässt.

Basimas Kinder im Wohnzimmer der Familie: "Ich bitte Gott, auf sie aufzupassen"
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Basimas Kinder im Wohnzimmer der Familie: "Ich bitte Gott, auf sie aufzupassen"

Basima ist keine schlechte Mutter, sondern eine verzweifelte. Sie muss putzen gehen, illegal, um die Familie durchzubringen. Ihr Mann, der traumatisiert ist, fällt ebenfalls aus. Die 30 Jahre alte Lehrerin lebt in menschenunwürdigen Verhältnissen im Damaszener Stadtteil Jaramana. In einem Kellerloch für 100 US-Dollar Miete im Monat. Es gibt dort zwei Zimmerchen, ein verschlissenes Bett, ein uraltes Kinderbettchen, einen orangefarbenen Teddybären, eine Kochstelle, eine Toilette, einen kaputten Schrank, ein bisschen Geschirr, ein paar Kartoffeln und Zwiebeln als Vorrat. Es gibt kein Fenster, keine Dusche, keine Farbe an den Wänden.

Es gibt praktisch kein Geld - und vor allem kaum Hoffnung. Maysun müsste eigentlich längst laufen, wie ihr Bruder; aber sie leidet unter Kalzium-Mangel, ihr Knochen sind zu schwach. "Ich kann nicht genügend Säuglingsnahrung kaufen", sagt die Mutter.

Die Familie stammt aus Bagdad. Eines Tages vor drei Jahren erhielten sie eine schriftliche Todesdrohung. Sie sind Sunniten, aber die Nachbarschaft war schiitisch. Sie sollten verschwinden. Als ihr Haus noch am selben Tag beschossen wurde, ließen sie alles stehen und liegen und retteten sich mit einem Bus nach Damaskus.

Zwei Millionen Iraker sind in Syrien und Jordanien gestrandet

Weder die Geschichte noch die Lebensumstände der Familie sind ein Einzelfall. Weit über eine Million Iraker sind seit 2003 nach Syrien geflohen, mindestens eine halbe Million nach Jordanien. Unter ihnen sind Reiche wie Arme, Städter wie Dörfler, Sunniten wie Schiiten - aber auch Christen und Angehörige anderer Minderheiten. Sie haben keine dauerhaften Aufenthaltsgenehmigungen und dürfen nicht arbeiten, was zusätzliche Probleme bringt wie Kinderarbeit und Prostitution.

Einer der Orte, an dem das Leiden an jedem Tag durch neue Details belegt wird, ist die schlichte Zentrale der katholischen "Schwestern vom guten Hirten" in der Altstadt von Damaskus. Die Nonnen tun, was sie können, um den Flüchtlingen zu helfen, vor allem den Christen. Schwester Marie-Claude, eine kleine, alte Dame mit einem Mädchenlächeln, bewirtet ihre Gäste mit Orangensaft. Sie schildert tragische Einzelschicksale: Vergewaltigungen, Todesdrohungen, Armut, Krankheitsfälle. Manchmal versagt dabei ihre Stimme. Die Schwester endet mit einer Frage: "Wollen Sie als Christen, als Europäer Ihre Verantwortung wahrnehmen und diesen Menschen helfen?"

Natürlich ist es eine rhetorische Frage. Denn ihre Gäste, eine Delegation bestehend aus den drei CDU-Bundestagsabgeordneten Arnold Vaatz, Ute Granold und Michael Brand sowie drei Kirchenvertretern, sind nur aus diesem Grund gekommen.

Schäubles Kundschafter in Damaskus und Amman

Drei Tage in Damaskus und Amman: Die Delegation soll in Erfahrung bringen, wie die Möglichkeiten stehen, jenen Plan in die Tat umzusetzen, den Innenminister Wolfgang Schäuble vor acht Wochen ventilierte. Dass Deutschland eine signifikante Zahl irakischer Flüchtlinge aufnimmt. Christlicher Flüchtlinge.

Das klingt wie eine Mission, bei der nichts schiefgehen kann: Wer könnte gegen den Plan sein? Und bedürftige Glaubensgeschwister, die aus dem Irak geflohen sind, gibt es mehr, als Deutschland aufnehmen kann. Doch all dem zum Trotz: Was die Delegation schon bald und immer wieder erfährt, ist neben einer Myriade tragischer Schicksale auch die Erkenntnis: Die Idee, einfach einige tausend irakische Christen zu identifizieren und nach Deutschland auszufliegen, ist nicht so einfach umzusetzen.

Die erste dunkle Wolke zeigt sich schon nach wenigen Stunden - und zwar nach einem Gespräch mit lokalen Vertretern des Flüchtlingshilfswerks der Uno, dem UNHCR. Das UNHCR in Damaskus macht entschieden geltend, dass nur Bedarf, nicht Religion, bestimmen soll, wer raus darf und wer ausharren muss.

"Das deutsche Angebot ist großzügig, aber Diskriminierung ist der Grund, aus dem diese Menschen hier sind", sagt die lokale Sprecherin. Auf 65.000 beziffert sie die Fälle, die dringend ins Ausland gebracht werden sollten. Eine Liste mit 11.000 Namen, nach Priorität geordnet, habe sie in der Schublade. Nach ihren Vorstellungen sollen die Staaten, die Hilfe anbieten, diese Liste abarbeiten. Wenn Deutschland darauf beharre, nur Christen aufzunehmen, "dann müssen wir die deutsche Botschaft bitten, eine eigene Registratur aufzumachen".

Christliche Vermittler raten zur Gelassenheit

Der CDU-Abgeordnete Vaatz schnauft, wenn er die UNHCR-Linie hört, und fasst sich an den Kopf. Vaatz sieht vor seinen Augen eine historische Chance verschwinden. Denn in Deutschland, ist er sicher, gibt es eine Bereitschaft, irakische Christen aufzunehmen. Vielleicht auch verfolgte Jesiden und Sabäer. Aber Sunniten und Schiiten?

Doch der Zoff mit der Uno hat auch sein Gutes, er setzt in der Delegation Diskussionen in Gang. "Die CDU unterschätzt die Solidarität in den katholischen Gemeinden gegenüber Nicht-Christen", meint etwa Prälat Karl Jüsten, der Verbindungsmann der Katholiken zur Berliner Politik, und rät zur Gelassenheit.

Stephan Reimers, Jüstens Gegenpart auf evangelischer Seite, glaubt ebenfalls an die Macht des Kompromisses: Man müsse eben Sprachregelungen finden, nicht immer nur von Christen reden. Schlage man vor, sich der verfolgten Minderheiten und einiger Härtefälle anzunehmen, werde man sich schon einigen - in Deutschland ebenso wie mit dem UNHCR.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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FHB71 23.05.2008
1. Welcher kranke Gedanke steckt denn dahinter?
Ich bin sehr schockiert. Seit wann macht man Hilfe von der Religionszugehörigkeit abhängig, das ist ja skandalös. Menschen in Not sind Menschen und Christen in Not sind keine rettenswerteren Menschen als andere! Religion sollte, vor allem in einem sekulären Staat wie Deutschland, aus der Politik rausgehalten werden. Die Moral, die mit einem solchen Vorhaben deutlich wird, bedeutet doch der Welt, dass die CDU Nicht-Christen als Menschen zweiter Klasse ansieht.
A&O 23.05.2008
2. lospolter, schimpf
Zitat von FHB71Ich bin sehr schockiert. Seit wann macht man Hilfe von der Religionszugehörigkeit abhängig, das ist ja skandalös. Menschen in Not sind Menschen und Christen in Not sind keine rettenswerteren Menschen als andere! Religion sollte, vor allem in einem sekulären Staat wie Deutschland, aus der Politik rausgehalten werden. Die Moral, die mit einem solchen Vorhaben deutlich wird, bedeutet doch der Welt, dass die CDU Nicht-Christen als Menschen zweiter Klasse ansieht.
Erst mal nachdenken. Deutschland und auch die EU sind doch nicht die einzig möglichen Aufnehmerländer. Das christliche Abendland ist schon vom Grundsatz her sicherlich nicht das erstrebenswerte Ziel vieler muslimischer Flüchtlinge und wenn man darüber nachdenkt, was die sich dann hier anschauen müssten (halbnackte Frauen in der Werbung, Hunde auf der Strasse, Schweinefleisch im Supermarkt etc.) dann ist doch vielleicht für diese Kreise ein anderes Ziel besser. Man sollte ja die sunnitischen oder schiitischen Völker der Umgebung nicht aus der Verantwortung entlassen. Immerhin kochen die ja alle kräftig mit an der Suppe des Chaos in der Region. Da hat man es dann auch nicht so weit nach Hause, wenn sich die Umstände wieder bessern sollten.
rempfi, 23.05.2008
3. lieber fhb
Rein von der Sachlage her, gebe ich ihnen recht. es ist schon ein wenig seltsam, dass herr schäuble nur "christen hier haben möchte". allerdings gebe ich denjenigen, die alle möchte, dass wir uns überhaupt irgendwelche menschen aus dem irak ins land holen zu bedenken, dass diese auch verpflegt, verwohnt etc. werden müssen. vielleicht machen sie sich einmal darüber gedanken. bevor ich, und dazu stehe ich im zusammenhang dieser diskussion, tausende irakische christen ins land hole, sollte ich als politiker in der lage sein, zuerst einmal die probleme der eigenen bevölkerung mit steigenden kosten, armut, arbeitslosigkeit etc. in den griff bekommen. ps. da ich (leider trotz aus- und weiterbildung und hunderten bewerbungen), keine stelle finde, kann ich der idee von herrn schäuble absolut nichts abgewinnen. für mich ist das ein typischer schäuble... abhören, wg. islamischem terrorismus, aber sich gleichzeitig iraker (egal welcher religionszugehörigkeit) ins land holen. bullshit, absoluter bullshit, von den kosten einmal ganz abgesehen... übr. bei 10.000 menschen und einem angenommenen aufwand nur ca. 1200 euro im monat ca 1,2 milliarden euro im jahr.. und das ohne personalkosten etc. noch fragen ? geben sie dieses geld lieber sinnvollerweise dort aus wo es eigentlich hingehört... entweder -erhöhung der hartz IV-Sätze - Bildung- und Forschung - Kindergärten und Kinderganztagesbetreuung das wäre mE nach die sinnvollere Alternative. Herr Schäuble darf übrigens gerne in den Irak gehen und dort seine Tätigkeit fortsetzen.
stilus 23.05.2008
4. Nur so eine Idee.....
Es ist ja nur so eine Idee, aber hat man mal darüber nachgedacht, den Menschen, egal welcher Religion, erst einmal vor Ort zu helfen? Ich denke, es ist für diese Leute nicht so einfach, (mal eben so) in einen neuen Kulturkreis verfrachtet zu werden. Daher denke ich: Erst einmal vor Ort helfen und dann in Ruhe handeln, anstatt das Problem über`s Knie zu brechen. Dieser Fall zeigt ganz eindeutig, dass wir Deutschen lernen müssen, nicht immer nur Schwarz-Weiss zu denken. Es ist eine Erkenntniss, so alt wie die Welt: Ein hungriger Magen knurrt überall auf der Erde die gleiche Melodie. Und werden Menschen irgendwo auf diesem Planeten verltzt oder getötet, so hat das Blut bei allen die gleiche rote Farbe. Unsere Hau-Ruck-Mentalität sollten wir wie gesagt dazu verwenden, die Verhältnisse vor Ort schleunigst zu ändern! Das schließt weitergehende Aktionen für Notfälle natürlich nicht aus!!
Helly, 23.05.2008
5. Warum nicht?
Zitat von FHB71Ich bin sehr schockiert. Seit wann macht man Hilfe von der Religionszugehörigkeit abhängig, das ist ja skandalös. Menschen in Not sind Menschen und Christen in Not sind keine rettenswerteren Menschen als andere! Religion sollte, vor allem in einem sekulären Staat wie Deutschland, aus der Politik rausgehalten werden. Die Moral, die mit einem solchen Vorhaben deutlich wird, bedeutet doch der Welt, dass die CDU Nicht-Christen als Menschen zweiter Klasse ansieht.
Das ist seit ungefaehr 1400 Jahren so. Wohlfahrt ist im Islam zwar ein wichtiges Thema, jedoch sind die Nutzniesser der islamischen Wohlfahrt ausschliesslich Moslems. Nichtmoslems koennen indes keinerlei Unterstuetzung erwarten, sondern muessen in islamischen Staaten sogar noch Extrasteuer als Unglaeubige bezahlen und sind auch ansonsten Buerger zweiter Klasse. Aus dem gleichen religioesen Grund werden Sie es z.B. nie erleben, dass Araber Hilfsfonds gruenden, wenn es in einem christlichen Land Ueberschwemmungen gibt. Warum sollten Christen nun nicht auch einmal ihresgleichen den Vorzug geben?
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