Aus Kairo berichtet Ulrike Putz
Abdulrahman Ahmed ist sich sicher: Die Militärs hätten am Donnerstag beim Beschluss des Verfassungsgerichts ihre Hände im Spiel gehabt. "Natürlich ist Ahmed Schafik der Kandidat der Generäle. Schafik ist ein Mubarak-Mann, ein Vertreter des alten Regimes. Und trotzdem werde ich ihn wählen. Wir brauchen jemanden, der dieses Schiff aus dem Sturm lenkt", sagt Ahmed, Kassierer in Kairos Traditionscafé el-Fischawi.
Hat - nur 16 Monate nach der Revolution - Mubarak-Nostalgie die Ägypter ergriffen? Nein, sagt Ahmed. "Wir wollen nicht zum alten System zurückkehren. Aber wir haben die Nase gestrichen voll."
Freitagvormittag auf dem Chan al-Chalili-Basar in Kairo: Die Gespräche kreisen um Politik. Denn das Verfassungsgericht in Kairo hat eine Entscheidung gefällt, die Ägypten gut ein Jahr nach der Revolution ins politische Chaos stürzen könnte. Wegen Unregelmäßigkeiten bei den Wahlen müssen ein Drittel der Abgeordneten ihr Mandat zurückgeben, das Parlament soll aufgelöst werden. Gleichzeitig beschlossen die Richter, dass Schafik, ehemaliger Luftwaffenminister und Ministerpräsident unter dem gestürzten Diktator Husni Mubarak, am Wochenende zur Stichwahl für das Amt des neuen Präsidenten Ägyptens antreten darf. Dazu erklärten sie ein Gesetz für ungültig, das Mubaraks Politikern verbot, sich zur Wahl zu stellen.
Die Muslimbrüder, die das Parlament dominieren und mit Mohammed Mursi den zweiten Kandidaten in die Stichwahl schicken, prangerten die Doppelentscheidung umgehend als "Staatsstreich" des seit dem Sturz Mubaraks herrschenden Militärrats SCAF an.
Für die wenigen Männer, die sich trotz der Hitze und des anstehenden Freitagsgebets im el-Fischawi versammelt haben, steht ebenfalls fest, dass es bei der Entscheidung des Gerichts nicht mit rechten Dingen zugegangen sein kann. Das Militär habe sich der Richter bedient, um das unliebsame, islamistisch dominierte Parlament los zu werden. "Der SCAF hat gestern die Revolution getötet", sagt Kassierer Ahmed.
"Die Militärs haben - spätestens am Donnerstag - die Revolution rückgängig gemacht". Und "Schafik ist ihr Kandidat für das Präsidentenamt": Viele Ägypter glauben das. Deshalb wäre es eigentlich logisch, wenn sie statt Schafik jetzt den Muslimbruder Mursi wählen würden. Doch am Tag nach dem angeblichen Staatstreich der Generäle herrscht am Nil vor allem eins: Ermattung. In den Monaten seit der Revolution haben Ägyptens hoffnungsfrohe Jungdemokraten so viele Rückschläge einstecken müssen - die meisten schienen am Freitag nicht mehr die Energie aufbringen zu können, sich zu empören.
Enttäuschung über die Muslimbrüder
"Das Militär sichert sich in kleine Schritten die Macht, aus vielen Sandkörnern bauen sie einen Berg", sagt der Silberhändler Ahmed Saad. Schafik sei eine Puppe - trotzdem werde er ihn wählen. Dass Schafik die Unterstützung des Militärs genieße, sei einerseits beunruhigend, andererseits erfolgversprechend. "Mit der Rückendeckung der Armee wird er Dinge bewegen können", sagt Saad. Von den Muslimbrüdern hält er nichts: "Die haben seit ihrem Sieg bei den Parlamentswahlen doch nur viel versprochen und nichts geleistet."
Kairos Basarhändler sehnen sich nach einem starken Mann: Sie leben von den Touristen - und die bleiben seit der Revolution aus. In einem Land, in dem jeder achte Arbeitsplatz von der Tourismusindustrie abhängt, ist das eine Katastrophe. Die Händler fordern deshalb zuallererst Sicherheit und Ordnung. Wer dafür sorgt - der alte Mubarak-Getreue oder der Islamist - ist dabei zweitrangig.
Aber auch in Stadtvierteln, in denen viele Anhänger der Muslimbruderschaft leben, gibt es eher Resignation als Empörung. Im Schatten der großen Azhar-Moschee verkaufen Buchhändler religiöse Schriften. Kurz vor dem Gebet tummeln sich dort viele Gläubige. "Ich wähle Schafik, auch wenn ich nicht überzeugt bin", sagt Papierwarenhändler Mohammed Abdelzaher. "Jemand muss den Weg weisen." Die Wahl am Wochenende sei die zwischen Pest und Cholera. "Wir können uns zwischen einer altbekannten oder einen neuen Krankheit entscheiden."
Der Verkäufer Saleh Mohammed trägt zwar den Bart eines frommen Muslims, will seine Stimme aber trotzdem nicht den Muslimbrüdern geben. "Selbst wenn das Parlament neu gewählt werden muss, werden die Brüder wieder gewinnen. Und wenn sie dann auch noch den Präsidenten stellen, ist das zu viel Macht für eine Partei."
Mohammed will nicht wählen, so wie offenbar die meisten Ägypter: Die Begeisterung für das Privileg, frei und geheim abstimmen zu dürfen, hat schon nach wenigen Monaten stark nachgelassen. Im Winter beteiligten sich noch gut 60 Prozent an den Parlamentswahlen. Zur ersten Runde der Präsidentschaftswahlen im Mai kamen nur noch etwa 45 Prozent. Die jüngsten Entwicklungen könnten dafür sorgen, dass am Wochenende noch weniger Ägypter Lust haben, sich bei sengender Hitze stundenlang vor einem Wahllokal anzustellen.
In den Straßen hinter der Azhar-Moschee findet sich dann doch noch ein treuer Unterstützer der Muslimbrüder. "Ich wähle Mursi", kündigt Mohammed Ahmed an. Die Islamisten stünden für den Neuanfang, den Bruch mit dem alten System. Dass sein Kandidat gewinnen könnte, wagt der Kioskbesitzer jedoch nicht zu hoffen. Deshalb will er sich auch nicht fotografieren lassen. "Nach diesem Wochenende ist Schafik an der Macht. Und dann wird es hier eine Diktatur geben, wie wir sie noch nicht erlebt haben."
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