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Scharfschützen in Afghanistan: "Bundesregierung sagt nicht die volle Wahrheit"

Auf wen schießen sie eigentlich? 140 deutsche Scharfschützen waren 2010 in Afghanistan im Einsatz - doch Angaben über ihre Aktivitäten sind spärlich, kritisiert Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele im Interview. Er fordert von der Bundeswehr Informationen über Zielpersonen und Opfer.

Bundeswehr-Scharfschützen beim Übungsschießen in Kunduz: "Unbefriedigende Antworten" Zur Großansicht
REUTERS

Bundeswehr-Scharfschützen beim Übungsschießen in Kunduz: "Unbefriedigende Antworten"

SPIEGEL ONLINE: Ein US-Militärgericht verhandelt derzeit gegen US-Soldaten, die in Afghanistan als sogenanntes "Kill Team" gezielt Zivilisten jagten und umbrachten. Glauben Sie, dass so etwas auch in der Bundeswehr passieren kann?

Ströbele: Nein. Aber angesichts solch grausiger Fotos will ich doch genauer wissen, was die Soldaten, für deren Tun wir als Abgeordnete verantwortlich sind, in Afghanistan treiben. Die Bundesregierung sagt nicht die volle Wahrheit. Von der Existenz der seit 2007 tätigen geheimen "Task Force 47" aus Soldaten und Nachrichtendienstlern, aus deren Befehlsstand der verheerende Luftangriff auf die Menschen und Tanklaster bei Kunduz 2009 geleitet wurde, haben wir fast nebenbei zufällig erfahren. Auch die geheimen Einsätze der US-" Task Force 373" im Norden, wo Deutschland die Verantwortung hat, wurden ganz überraschend bekannt. Und jetzt wurde auf meine Fragen zum Einsatz von Scharfschützen von der Bundesregierung nur allgemein auf Einsatzregeln verwiesen, aber nichts Konkretes über die Auswahl der Zielpersonen geantwortet.

SPIEGEL ONLINE: Was befürchten Sie?

Ströbele: Die Zahl der Scharfschützen ist in den letzten Jahren ständig gestiegen und ist inzwischen sechs Mal so groß wie 2006. Deren Einsatz scheint ein Hit zu sein. Doch nach welchen Kriterien diese sogenannten "Sniper" die Zielpersonen aussuchen und auf sie scharf schießen, sagt das Verteidigungsministerium nichts. Mich interessiert brennend, wie ausgeschlossen wird, dass auch Zivilpersonen ins Visier geraten und getötet werden.

SPIEGEL ONLINE: Welche Informationen vermissen Sie - und was irritiert Sie?

Ströbele: Die Antworten der Bundesregierung sind sehr unbefriedigend. Sie behauptet, die Scharfschützen dürften nur bei einer unmittelbaren Verknüpfung mit Kampfhandlungen gegen Personen tätig werden, die an den konkreten Feindseligkeiten teilnehmen. Und die Bundeswehr beteilige sich nicht an dem "Targeted Killing", dem gezielten Töten von auf einer Liste genannten Personen. Aber es gibt Berichte eines Scharfschützen, der in Tschahar Dar eingesetzt war und auf Zielpersonen sogar Tag und Nacht wartete, die er nicht kennt, und auf die er dann aus 800 bis 1000 Meter Entfernung schießen soll, ohne dass es vorher zu Kampfhandlungen kommt, an der die Zielperson beteiligt ist. Gerade für solche Einsätze sollen Scharfschützen ausgebildet werden.

SPIEGEL ONLINE: Was vermuten Sie?

Ströbele: Ich befürchte, dass die Kriterien für die Auswahl von Zielpersonen, auf die mit tödlicher Wirkung geschossen werden darf, zumindest unzureichend klar festgelegt sind und dass deshalb die Gefahr besteht, dass auf an Feindseligkeiten unbeteiligte Zivilisten geschossen wird. Auch über die Zahl der Getöteten gibt es angeblich keine Angaben. Ich bezweifle, dass die Bundeswehr nicht registriert und nicht weiß, wie viele Zielpersonen von deutschen Scharfschützen getötet wurden. Immerhin sollen nach Auskunft der Bundesregierung allein 2010 etwa 140 deutsche Scharfschützen in Afghanistan im Einsatz gewesen sein.

Das Interview führte John Goetz

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1.
Manimal, 29.03.2011
Was beschwert sich denn Herr Ströbele? Er hat doch die Soldaten dort hin geschickt! Was hat er geglaubt, dass Soldaten dort tun?
2. Gefährlich
allereber 29.03.2011
Zitat von sysopAuf wen schießen sie eigentlich? 140 deutsche Scharfschützen waren 2010 in Afghanistan im Einsatz - doch Angaben über ihre Arbeit sind spärlich, kritisiert Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele im Interview. Er fordert von der Bundeswehr Informationen über Zielpersonen und Opfer. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,753757,00.html
Viele Natosoldaten erschießen ihre eigenen Leute. Oft Scharfschützen mit gefährlichen Gehirnschäden. Oft Lusttöter. Ein dummer Soldat. Ein guter Soldat.
3. Der Rekord ist 2474m
founder 29.03.2011
Laut Wikipedia liegt der Weltrekord für Sniper im Kiregseinsatz bei 2474m (http://en.wikipedia.org/wiki/.50_BMG). Der Weltrekord wurde in Afghanistan aufgestellt Jetzt überlegt mal, wie gut man auf die Entfernung was sieht, und von woher man noch abgeschossen werden kann.
4. Komische Anfrage
heinzelmann200 29.03.2011
Zitat von sysopAuf wen schießen sie eigentlich? 140 deutsche Scharfschützen waren 2010 in Afghanistan im Einsatz - doch Angaben über ihre Arbeit sind spärlich, kritisiert Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele im Interview. Er fordert von der Bundeswehr Informationen über Zielpersonen und Opfer. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,753757,00.html
Was verstehen die unter Scharfschützen? Scharfschützen gehören zu jeder normalen Einheit um auf größerer Infanteriekampfdistanz Ziele zu eliminieren (Material) oder Personen auszuschalten (verletzen/töten). Also die gleiche Aufgabe die auch jeder Nicht-Scharfschütze hat mit dem Unterschied, daß die Scharfschützen die Fähigkeit besitzen (sollten) mit genaueren Gewehren dies auch auf ein paar hundert Meter mehr mit einem Gewehr erledigen zu können. Das kommt dann mit 140 Scharfschützen genau hin und entspricht auch der Antwort der Bundesregierung. Als zweites und davon unabhängig gibt es noch Scharfschützen, die von höherer Ebene (Bataillion/Brigade) gesteuert relativ unabhängig arbeiten um feinliche Ziele zu eliminieren. Auch hier würde die Erklärung der Bundesregierung passen, aber selbstverständlich gibt es davon bei dem kleinen Kontigent - falls überhaupt - ein paar Teams. Jedenfalls keine 140. Diese dürfen sich natürlich nicht an der Ermordung von Zivilpersonen beteiligen, das ist klar. Kann mir auch nicht vorstellen, daß dies irgendein Bundeswehrsoldat im Auftrag macht, ein solcher Auftrag wäre ja einfach nur ein Mord. Bei den Amerikanern kann das anders sein, die führen ja auch ganz andere Aufträge aus und sind nicht durch Gesetze "behindert".
5. Ich bin mir ...
jupiter999 29.03.2011
... ziemlich sicher das der Herr Ströbele gar nicht weiß das Scharfschützen nicht nur "scharf schiessen" sondern auch ausgebildete Aufklärer und Beobachter sind. In dieser Rolle feuern die keinen Schuss ab sondern verbringen den ganzen Tag damit durch ein Fernglas zu schauen und alles was in der Gegend passiert im Auge zu behalten. Sie beobachten den Feind, spionieren in sozusagen aus und koordinieren das Feuer von Artillerie. Sie spielen z.b eine wichtige Rolle bei der Sicherung deutscher Stützpunkte in Afghanistan. Werden beispielsweise wiedereinmal Raketen auf das Feldlager Kunduz abgefeuert ist es gut möglich das die Warnung von einem Scharfschützen kommt der dann damit beschäftigt ist herauszufinden von wo das ganze angeflogen kam damit die Artillerie genau diesen Punkt unter Feuer nehmen kann und hoffentlich den Gegner erwischt bevor er weit genug wegkommt.
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Zur Person
dpa
Hans-Christian Ströbele, 1939 in Halle an der Saale geboren, ist Rechtsanwalt und sitzt für die Grünen im Bundestag. 2002 bis 2009 war er stellvertretender Vorsitzender seiner Fraktion. Er kümmert sich vorrangig um innen- und rechtspolitische Fragen und ist Mitglied des Parlamentarischen Kontrollgremiums, das die Arbeit der Geheimdienste prüft.

Fotostrecke
Afghanistan: Die Machenschaften des "Kill Teams"

Fläche: 652.864 km²

Bevölkerung: 26,023 Mio.

Hauptstadt: Kabul

Staatsoberhaupt:
Ashraf Ghani Ahmadsai

Regierungschef: Abdullah Abdullah

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