Qaida-Herrschaft in Mali: Die Scharia-Richter von Timbuktu

Ortsschild in Mali: "Willkommen in Timbuktu: Bei Eintritt Anwendung der Scharia" Zur Großansicht
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Ortsschild in Mali: "Willkommen in Timbuktu: Bei Eintritt Anwendung der Scharia"

Im Norden Malis herrschte bis zum Einmarsch der Franzosen das Terrornetzwerk al-Qaida. Jetzt entdeckte Dokumente aus dem Scharia-Gerichtshof in Timbuktu zeigen, was die Radikalislamisten unter Recht verstehen - und welche Anweisungen ihr Chef den Richtern erteilte.

Timbuktu - Besonders lang hatte das "Islamische Emirat von Timbuktu" nicht Bestand. Neun Monate, von April 2012 bis zum Einmarsch französischer Truppen im Januar 2013, regierten Radikalislamisten die nordmalische Stadt. Es reichte, um die Welt in Schrecken zu versetzen. Vermeintlichen Dieben wurde die Hand abgehackt, historische Mausoleen wurden mit Pickeln und Äxten zerstört.

Die Anhänger des Terrornetzwerks al-Qaida im Islamischen Maghreb wollten bis ins Detail das Leben der Bevölkerung in Mali regulieren. Dies zeigen Hunderte von Dokumenten der Radikalen, die Journalisten in der Polizeistation und dem Scharia-Gerichtshof von Timbuktu fanden.

Der Gerichtshof mit neun Richtern war danach in drei Kammern unterteilt: Eine befasste sich mit "Mord, Diebstahl, Ehebruch, Alkohol, Rauchen, Fluchen und Hexerei" - den Schwerverbrechen. Eine andere war für Scheidungen und Eheschließungen zuständig, und die dritte widmete sich Streitereien um Geld und Land. Jeder Verhandlungsfall wurde von den Islamisten fein säuberlich dokumentiert.

  • Alkohol: Am 16. August 2012 musste sich Ibrahim bin Al-Hussein vor Gericht verantworten, weil er Wein getrunken und in seinem Laden verkauft hatte. Dies habe der Angeklagte zugegeben. Der Mann wurde zu 40 Peitschenhieben und einer Strafe von umgerechnet rund 100 Dollar verurteilt. Sein Laden wurde vorübergehend geschlossen.
  • Flirten und Fluchen: Am 15. Oktober 2012 musste sich Assa bint Omar vor Gericht verantworten. Der Frau wurde vorgeworfen, Umgang mit Männern gehabt und geflucht zu haben. Sie bestritt die Vorwürfe, doch das Gericht verurteilte sie zu 60 Peitschenhieben.
  • Sexverweigerung der Ehefrau: Ahmad bin Mido beschwerte sich vor Gericht, dass seine minderjährige Frau Fatima bint Abdu nicht mit ihm schlafen wolle. Sie bat das Gericht um Erlaubnis, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen. Bevor die Islamisten in Timbuktu die Macht übernahmen, hatte Ahmad bin Mido wegen Misshandlung seiner jungen Frau im Gefängnis gesessen. Die Richter verboten Fatima bint Abdu die Scheidung und erklärten, es sei die Pflicht der Frau, ihrem Mann zu gehorchen und "dessen Rechte" zu erfüllen. Sie erlaubten ihr allerdings, aus dem gemeinsamen Haus auszuziehen und wieder bei ihren Eltern zu leben, da sie ihren Gatten offensichtlich fürchte und hasse.
  • Dresscode für Frauen: Eine Broschüre der Islamisten erklärte in Französisch und Arabisch, wie sie sich zu präsentieren hätten: keine Männerkleidung oder westliche Klamotten, keine Farben nur dunkle, weite Gewänder, die den ganzen Körper verhüllten. Bloß nicht durchsichtig oder kurvenbetont, kein Make-up und kein Parfüm. Frauen wurden vor Gericht als Bürger zweiter Klasse behandelt. Standen Mann und Frau vor Gericht wie bei Ehestreiten, bekam fast immer der Mann recht.

Die Chefs von al-Qaida im Islamischen Maghreb mahnten zur Zurückhaltung

Allerdings waren auch der Macht der Moralpolizei und Islamisten-Krieger Grenzen gesetzt. Abd al-Hamid Abu Zaid, einer der Oberen von al-Qaida im Islamischen Maghreb, legte in einem zweiseitigen Memorandum die Grundzüge der Gesetzgebung im "Islamischen Emirat" fest. Demnach dürfe niemand das Haus eines Bürgers betreten ohne Erlaubnis des "Emirs von Timbuktu". Wer dies war, ist unklar. Auch sollten die Radikalislamisten nicht ohne guten Grund die Handys von Bürgern auf verdächtige Musik oder Videos untersuchen.

Auch der Chef von al-Qaida im Islamischen Maghreb, Abdelmalek Droukdel, hatte die Radikalislamisten in Timbuktu in einem Brief davor gewarnt, zu schnell und brutal religiös inspirierte Gesetze anzuwenden. Man dürfe die örtliche Bevölkerung nicht verärgern.

Die Aufforderungen der Qaida-Chefs erklären womöglich, warum in Timbuktu die Herrschaft der Radikalislamisten weniger brutal war als die in der nordmalischen Stadt Gao. Dort hatten andere Gruppen das Sagen - erst Tuareg-Rebellen, dann Radikalislamisten der Gruppen Ansar Dine und der Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika (MUHAO). Während es in Gao über ein Dutzend Amputationen gab, wurde in Timbuktu nur ein einziger Fall bekannt.

In dem Brief entwarf Droukdel auch die Strategie von al-Qaida in Nordafrika und warnte, dass ihre Macht in Timbuktu noch nicht gefestigt sei. Man solle sich selbst zurückhalten und verbündeten Gruppen wie den separatistischen Tuareg-Rebellen den Vortritt lassen. Kurzfristige Zugeständnisse seien notwendig für langfristige Erfolge. Im Falle einer internationalen Militärintervention solle man sich vorübergehend wieder in die Wüste zurückziehen.

ras

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insgesamt 46 Beiträge
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1. Gerechtigkeit...
splizzroc 17.02.2013
Diese Banditen müssen von der Macht gelöst werden und sich für ihre Verbrechen verantworten!!! Solche Menschen braucht die Welt nicht, die andere unterdrücken und ihre krankhaften Ideologien durchsetzen wollen.
2. nur Macht und kein Glaube
wolke4 17.02.2013
da geht es nur darum, Macht auszuüben über die Menschen. Bis in die Privatsphäre hinein. Und es gibt keine Gnade. Moslems sagen, im Islam wird Jesus auch als einer der Propheten verehrt. Wie passt den das bei den Islamisten unter einen Hut mit diesem menschenverachtenden Verhalten?
3. Timbuktu Dresscode gegen Flirtversuche
jjcamera 17.02.2013
Zitat von sysopIm Norden Malis herrschte bis zum Einmarsch der Franzosen das Terrornetzwerk al-Qaida. Jetzt entdeckte Dokumente aus dem Scharia-Gerichtshof in Timbuktu zeigen, was die Radikalislamisten unter Recht verstehen - und welche Anweisungen ihr Chef den Richtern erteilte. Scharia in Mali: Neue Dokumente zeigen Rechtsprechung in Timbuktu - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/scharia-in-mali-neue-dokumente-zeigen-rechtsprechung-in-timbuktu-a-883677.html)
Wenn wir den Dresscode von Timbuktu bei uns einführen, braucht sich wenigstens keine Frau mehr über Flirtversuche a la "Dirndlausfüllung" beschweren.
4. im Mittelalter stehen geblieben
neue_mitte 17.02.2013
Zitat von sysopIm Norden Malis herrschte bis zum Einmarsch der Franzosen das Terrornetzwerk al-Qaida. Jetzt entdeckte Dokumente aus dem Scharia-Gerichtshof in Timbuktu zeigen, was die Radikalislamisten unter Recht verstehen - und welche Anweisungen ihr Chef den Richtern erteilte.
Wie kann den immer wieder felsenfest behauptet werden, dass Islam=Frieden bedeutet und jeden Tag sehen wir das ganze Gegenteil, wie da in Mali? Also entweder sind deutlich zu viele Anhänger des Islam bleed und deppert... das würde die Erklärungsversuche der Beschwichtiger im Lande erklären, dass das nichts mit dem Islam zu tun hätte, wenn etwas passiert, das aber ganz stark danach aussieht. Oder es ist einfach so, dass die Religion und sehr viele Anhänger im Mittelalter stecken geblieben sind. Die Welt hat sich weiterentwickelt, Europa hat die früher unglaubliche Macht des Klerus gebrochen, nur der Orient/Maghreb blieben irgendwo in 1400 stehen. Vielleicht sehnen sich auch zu viele Menschen nach eben dieser Macht, die alles private bis ins Detail vorschreibt. Die einen, weil sie sonst mit der Freiheit nichts anzufangen wissen (und dann mit 23 schon 10k € Schulden haben, Ausbildung geschmissen, keinen richtigen Job und auch noch Zwillinge -> siehe Artikel SPON) und die anderen, die meinen es für alle Menschen besser zu wissen, was für sie gut ist. Bei sowas ist auffällig oft die Farbe grün im Spiel... Ich warte hier noch, dürfte nicht lange dauern, dass jemand kommt und alles für rechtens erklärt. Weil, sind ja Gesetze, an die müsse man sich halten. Egal, wie menschenverachtet und frauenfeindlich, na - Gesetz ist Gesetz. Anzutreffen in jedem Forum über schreiendes Unrecht im islamischen Raum. Hätte sie nicht... wäre sie auch nicht gesteinigt, ausgepeitscht oder oder oder geworden.
5. Qaida-Herrschaft in Mali
che1973 17.02.2013
Immer wieder zeigt es sich wie religiöser Wahn Menschen,Kulturen und Infrastrukturen schädigt oder vernichtet und das weltweit.Beispiele gibt es seit Menschengedenken auf der ganzen Welt!
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Menschenrechtsverletzungen in Mali: Die Toten im Brunnen

Bevölkerung: 15,370 Mio. Einwohner

Fläche: 1.240.194 km²

Hauptstadt: Bamako

Staatsoberhaupt:
Ibrahim Boubacar Keita

Regierungschef: Moussa Mara

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