Scheich Jassin Der Freund, der Arafat das Leben schwer macht

Eigentlich macht er einen ganz friedlichen Eindruck. Fast sanftmütig wirkt der 64-Jährige, wenn er mit zur Seite geneigtem Kopf und einem stets feinen Lächeln im Gesicht vom Kampf gegen Israel spricht.

Von Dominik Baur


"Annahme des Clinton-Plans wäre politischer Selbstmord": Scheich Ahmed Jassin
Dominik Baur

"Annahme des Clinton-Plans wäre politischer Selbstmord": Scheich Ahmed Jassin

Und Scheich Ahmed Jassin spricht oft vom Kampf gegen Israel, dem "Heiligen Krieg". Denn der gebrechliche Mann - seit einem Tauchunfall in seiner Jugend ist Jassin an den Rollstuhl gefesselt - ist Gründer und Chef einer der gefährlichsten Terrororganisationen des Nahen Ostens, der Hamas. Als "geistliches" Oberhaupt wird der radikal-islamische Scheich gern bezeichnet, und er selbst vergleicht sich mitunter auch mit dem Papst. Mit der Planung von Selbstmordattentaten will er nichts direkt zu tun haben. Wann und wo zugeschlagen wird, dafür seien andere zuständig. Das erledigten die Kassem-Brigaden völlig selbständig. "Wenn der Papst etwas sagt, hören die Gläubigen ihm zu", sagt der fast blinde Mann mit der Fistelstimme. "Aber sie tun, was sie wollen, ohne Rücksprache zu nehmen."

In einem Fischerdorf bei Ashkalon kam Jassin 1936 zur Welt. 1948 machte sich der Junge mit seiner Familie auf die Flucht. Der erste israelisch-arabische Krieg verschlug sie in den damals ägyptisch kontrollierten Gaza-Streifen. Dort wuchs Jassin auf und engagierte sich nach dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 in der fundamentalistischen Moslembruderschaft. Die war damals noch vor allem religiös ausgerichtet. Erst 1984 entschieden sich Jassin und seine Jünger für den bewaffneten Kampf gegen Israel. Damals wurde der Krieger, der weder Arme noch Beine bewegen kann, zum ersten Mal von den Israelis verhaftet und zu 13 Jahren Haft verurteilt. Ein Jahr später allerdings kam er bei einem Gefangenenaustausch schon wieder frei. Zwei Jahre nach dem Ausbruch der Intifada kam Jassin erneut in israelischen Gewahrsam. Diesmal dauerte es acht Jahre, bis er 1997 im Tausch für eine Hand voll Mossad-Agenten freigelassen wurde. Während Jassin im Gefängnis saß, erreichte der Terror seiner Kämpfer - mittlerweile nannten sie sich Hamas - seinen Höhepunkt.

Steine gegen Handgranaten eintauschen

Jassin wohnt in einem kleinen Häuschen in Gaza-Stadt. Bescheiden. Der Blick aufs Meer ist hier, unweit der Flüchtlingsunterkünfte, der größte Luxus. Gern empfängt er Journalisten aus aller Welt in seinem Heim und doziert dann über Recht und Unrecht in Palästina. "Palästina ist das ganze Land zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer", sagt Jassin. Über den Bombenanschlag auf einen israelischen Schulbus Mitte November freut er sich. Das sei ein "qualitativer Fortschritt" von Intifada Nummer zwo. Überhaupt: Die Steine sollten gegen Handgranaten eingetauscht werden.

Jassin selbst bezeichnet sich als Freund Jassir Arafats und stimmt doch politisch in fast nichts mit ihm überein. Leute wie Jassin machen es dem Palästinenserpräsidenten so gut wie unmöglich, einen Friedensvertrag abzuschließen. Arafat, so vermuten viele, wäre zu einigen Kompromissen mit den Israelis durchaus bereit. Aber eine "Hudna" (Waffenstillstand), wie sie Jassin als äußerstes Zugeständnis anbietet, ist für die Israelis völlig inakzeptabel: Israel, so fordert der Hamas-Führer als Bedingung, müsste alle 1967 besetzten Gebiete räumen, sämtliche Siedlungen auflösen und das heilige Jerusalem mit den Palästinensern teilen.

Die beharrliche Haltung der Hamas-Kämpfer, die mit ihrem "Heiligen Krieg" letztendlich nicht weniger als die Zerstörung Israels und die Gründung eines islamischen Staates Palästina erreichen wollen, könnte Arafat letztendlich daran hindern, sein Lebenswerk - die Ausrufung eines palästinensischen Staates - zu vollenden. "Wollen Sie auf meine Beerdigung kommen", hat Arafat US-Präsident Bill Clinton im vergangenen Sommer in Camp David gefragt, als der auf eine geteilte Kontrolle über den Tempelberg zu sprechen kam. Erst jüngst hat der in der Bevölkerung äußerst beliebte Scheich eine neue Warnung an Arafat gesandt: Die Annahme des Clinton-Plans für einen israelisch-palästinensischen Friedensvertrag würde den politischen Selbstmord Arafats und des palästinensischen Volkes bedeuten. Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr.



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