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Scheidender Premier: Berlusconi vergleicht sich mit Diktator Mussolini

Silvio Berlusconis politische Karriere mag zu Ende gehen, doch er tritt weiter in jedes Fettnäpfchen. In einem Zeitungsinterview verglich sich Italiens Noch-Regierungschef nun mit dem Diktator Mussolini. Seltsam mutete auch eine "Verräter"-Liste an, die er im Parlament anlegte.

Silvio Berlusconi: "Zähle nichts mehr" Zur Großansicht
REUTERS

Silvio Berlusconi: "Zähle nichts mehr"

Rom - Er hat seinen Rückzug angekündigt, aber die Entscheidung ist Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi offenbar nicht leichtgefallen. In einem der ersten Interviews nach seiner Ankündigung, sein Amt niederlegen zu wollen, signalisierte Berlusconi, dass er sich hilflos fühle - und bemühte dazu einen zweifelhaften Vergleich: Er erinnere sich an ein Buch mit Briefen des faschistischen Diktators Mussolini an seine Geliebte Claretta, sagte Berlusconi der Zeitung "La Stampa". An einer Stelle schreibe Mussolini: "'Verstehst du denn nicht, ich zähle hier gar nichts mehr. Ich kann nur noch Empfehlungen abgeben'. Tja, und so fühle ich mich auch."

Natürlich sei er selbst aber "kein Diktator", fügte Berlusconi auf eine entsprechende Frage des Journalisten hinzu, "auch wenn Sie das jahrelang geschrieben haben".

Berlusconi hatte am Dienstag angekündigt, dass er sein Amt niederlegen wolle, sobald das Parlament seine Spar- und Reformpläne verabschiedet habe. Mit den Reformen soll verhindert werden, dass Italien noch tiefer in die europäische Schuldenkrise hineingezogen wird. Es hatte tagelang Druck auf Berlusconi gegeben, zuletzt auch von der Lega Nord, Berlusconis wichtigstem Koalitionspartner - offenbar trauten immer weniger Italiener Berlusconi zu, das hochverschuldete Land aus der Krise zu führen.

Es ermüde ihn, "nicht mehr die Leitlinien diktieren und die Politik dazu bringen zu können, zu tun, was ich möchte", sagte Berlusconi der Zeitung. "Als freier Bürger fühle ich mich mächtiger als als Ministerpräsident."

Es ist nicht das erste Mal, dass Berlusconi Mussolini zitiert. Im Mai 2010 hatte er bei einem Besuch in Paris Bezug auf den "großen und mächtigen Diktator" genommen, gleichfalls um zu verdeutlichen, dass seine Macht beschränkt sei. 2003 hatte sich Berlusconi bereits für die Aussage entschuldigen müssen, Mussolini habe "niemanden getötet".

Acht "Verräter" - Berlusconi notiert im Parlament

Benito Mussolini, der sich "Duce" ("Führer") nennen ließ, übernahm ab 1922 die Macht in Italien und verbündete sich mit Hitler. Er wurde 1943 abgesetzt. Italienische Widerstandskämpfer erschossen ihn 1945, als er nach Deutschland fliehen wollte.

Am Dienstag hatte Berlusconi bei einer Abstimmung im Parlament über den Rechenschaftsbericht 2010 keine Mehrheit bekommen. Acht Abgeordnete seines Lagers hatten sich der Stimme enthalten. Nach der Niederlage notierte der wütende Premier nach einem Bericht der "Tagesthemen" auf einem Zettel die Zahl acht. Daneben schrieb er das Wort "Verräter".

Einen Nachfolger hat Berlusconi bereits auserkoren. Angelino Alfano werde bei den nächsten Wahlen für seine Partei kandidieren, sagte der Premier. Berlusconi hatte den früheren Justizminister Alfano vor einigen Monaten als Chef seiner Partei Volk der Freiheit vorgesehen. Der 41-jährige Alfano repräsentiert eine neue Politikergeneration am Ende der 17 Jahre langen Berlusconi-Ära.

Berlusconis Rücktrittsankündigung zeigte am Mittwoch keine beruhigende Wirkung auf die Märkte. Die Renditen italienischer Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit stiegen auf über sieben Prozent. Griechenland, Irland und Portugal mussten bei diesem Renditeniveau unter den Rettungsschirm schlüpfen.

hen/dpa/AFP

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insgesamt 46 Beiträge
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1. Den haben sie
systemmirror 09.11.2011
an den Füßen aufgehängt. Bunga,bunga bei der Domina. Mal was anderes.
2. Gleiches Ende
whoopi 09.11.2011
Zitat von sysopSilvio Berlusconis politische Karriere mag zu Ende gehen, doch er tritt weiter in jedes Fettnäpfchen. In einem Zeitungsinterview verglich sich Italiens Noch-Regierungschef nun mit dem Diktator Mussolini. Seltsam mutete auch eine "Verräter"-Liste an, die er im Parlament anlegte. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,796781,00.html
Vielleicht ereilt B. ja am Ende das gleiche Schicksal wie Mussolini.
3. er ist unschuldig!
niepmann 09.11.2011
Zitat von sysopSilvio Berlusconis politische Karriere mag zu Ende gehen, doch er tritt weiter in jedes Fettnäpfchen. In einem Zeitungsinterview verglich sich Italiens Noch-Regierungschef nun mit dem Diktator Mussolini. Seltsam mutete auch eine "Verräter"-Liste an, die er im Parlament anlegte. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,796781,00.html
Berlusconi leidet an einem Tunnelblick - wie so viele von uns. Seine Besonderheit: Das Licht am Ende des Tunnels ist er selbst. So sieht er das."Gestern bin ich mir wieder begegnet. Ich habe mich zum Diner eingeladen, und Wir hatten Freude mit einem Osso buco und Unserer männlichen Stärke!"
4. Dr.
braintainment 09.11.2011
Die Amtszeit war peinlich, warum sollte der Abgang nicht auch peinlich werden? Übrigens ist Mussolini mit seiner Geliebten gehängt worden... hoffe er hat das bei seinem Vergleich berücksichtigt!
5. Lernen!
deppvomdienst 09.11.2011
Vielleicht ist es eine natürliche Gesetzmäßigkeit, dass ein zu langes Verweilen an der Spitze die Perspektive ins Groteske verschieben kann: Umgeben von seinem selbst erschaffenen Hofstaat mit Einflüsterern und Schranzen, die sich darin gefallen, ihren Meister auf dem Schild zu tragen - und zu behalten, statt ihm zu sagen, wo er die Bodenhaftung zu verlieren droht und in Selbstherrlichkeit abgleitet - allem Guten Willen zum Trotz. Also - mehr als eine Wiederwahl sollte verboten werden: in Italien, in Russland, in USA ... und auch bei uns!
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Steckbrief Italien
Italien ist die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone. Das Land hat im Gegensatz zu Griechenland zwar eine recht solide Wirtschaft, leidet aber ebenfalls unter einer gigantischen Staatsverschuldung. Die wichtigsten Daten im Überblick:
Wirtschaftsleistung 2011
1589 Milliarden Euro, zum Vergleich:

Deutschland: 2589 Milliarden Euro

Griechenland: 222 Milliarden Euro
Wirtschaftswachstum 2011
+0,7 Prozent, zum Vergleich:

Deutschland: 2,9 Prozent

Euro-Zone: 1,6 Prozent
Wirtschaftswachstum 2012
+0,6 Prozent
Staatsverschuldung
1911 Milliarden Euro, zum Vergleich:

Deutschland: 2133 Milliarden Euro

Griechenland: 351 Milliarden Euro
Staatsverschuldung in Prozent des BIP
120 Prozent. Das ist doppelt so viel wie nach dem europäischen Stabilitätspakt eigentlich erlaubt.
Neuverschuldung 2011
4,0 Prozent. Laut Stabilitätspakt dürften es nur 3,0 Prozent sein.
Arbeitslosenquote
8,3 Prozent. In der Euro-Zone sind es 10,0 Prozent.

Quelle: EU-Kommission

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