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Brasilien: Scheinfriede in Rios Armenvierteln

Von

Slum in Rio: Idylle in der Seilbahn, Ungeziefer im Trinkwasser Fotos
Claus Hecking

Für die Fußball-WM 2014 räumt Rio de Janeiro in seinen Favelas auf. Mit Panzern und Kampfhubschraubern dringen Spezialeinheiten in die Slums ein, um Drogengangs zu verjagen. Dabei zeigt die Besetzung der Elendsviertel vor allem eines: was schiefläuft im Land.

Brasiliens Vorzeige-Slum sieht malerisch aus von hier oben. Sanft wie im Skigebiet schwebt die neue Seilbahn über ein Meer aus Wellblechdächern, Wassertanks, Satellitenschüsseln. Wäsche hängt in Hinterhöfen, Kinder tollen durch die Gassen, Lieferwagen rumpeln die Hügel des Complexo do Alemão am Nordrand Rio de Janeiros hinauf. Und in der roten Zehnergondel, acht Meter über dem Geschehen, klicken die Kameras der Touristen im Schnellfeuertakt. "Im Alemão leben glückliche Menschen", verkündet die Reklame auf der Kabine.

Doch je tiefer die Seilbahn ins Herz des Favela-Komplexes mit seinen 15 Elendsvierteln eindringt, desto mehr Graffiti prangen auf den unverputzten Backsteinmauern, desto mehr bewaffnete Uniformierte patrouillieren durch die Straßen. Plötzlich rumpelt es: Hart kracht die Gondel gegen die Begrenzung der Endstation. Favela Palmeiras, aussteigen, bitte. Alle, die sich trauen.

Am Ausgang stehen zwei Polizisten, kugelsichere Westen, die Hände an den Pistolenhalftern. "Alles okay hier", sagt der eine. Jahrzehntelang war dieser Ort eine No-go-Area. Wie fast alle der mehr als tausend Elendsviertel rund um Rio de Janeiro. Jeder vierte der zwölf Millionen Einwohner des Großraums lebt laut Stadtverwaltung in einer illegal errichteten Siedlung. Und der "Komplex des Deutschen", benannt nach einem frühen Siedler, war besonders verrufen: Epizentrum des Kokain-Handels, Heimat des Comando Vermelho, des Roten Kommandos. Die Gangster kontrollierten den Alemão und seine geschätzten 85.000 Einwohner, sie dealten, raubten, lieferten sich Bandenkriege mit den Nachbar-Slums - ungestört von der Polizei, die sich nur sporadisch herwagte.

Rio räumt auf, Rio wird sicher - so lautet die Botschaft

Aber dann bekam Brasilien die Fußball-WM, Rio die Olympischen Spiele 2016, und die Regierung des Bundesstaats Rio beschloss: Dieses Bild können wir den Besuchern nicht zeigen. Sie schickte das Militär in den Alemão, um das Rote Kommando zu verjagen. Ließ den Komplex besetzen, die schicke Seilbahn bauen als Transportmittel für die Einheimischen, Attraktion für die Touristen - und Symbol für die neue Zeit. Dann lud sie Staatsgäste in den Alemão ein, präsentierte ihnen das Viertel als Pilotprojekt im Kampf gegen Anarchie und Elend. Seither schicken sie alle paar Wochen Bilder ähnlicher Befreiungsaktionen in anderen Favelas um die Welt. Rio räumt auf, Rio wird sicher, so lautet die Botschaft ein Jahr vor der Fußball-WM.

Doch so prächtig die Fassade aussieht - tatsächlich kontrolliert das Gesetz gerade mal drei Dutzend der 1071 Favelas rund um Rio. Und dort ist der Frieden brüchig. Weil die Befreier die Missstände in den Armenvierteln nicht ernsthaft bekämpfen, den Einwohnern keine neue Perspektive geben, sie ihrem Schicksal überlassen. Genau diese Missstände sind es, die gerade Hunderttausende Brasilianer auf die Straße treiben.

Galileu Vieira steigt in Flipflops die Metallleiter hoch; hinter dem 52-Jährigen krabbeln Kakerlaken über die Innenwand des Hauptwassertanks. "Da unten ist überall Ungeziefer, in unserem Trinkwasser", ruft der Chef der Anwohner-Selbstverwaltung von Palmeiras. "Wir werden krank, weil die Eroberer nichts tun." Seit drei Jahrzehnten repariert und organisiert Lebensmittelhändler Vieira alles Mögliche in Palmeiras; er ist der gute Geist der Favela rund um die Seilbahn-Endstation. Und gerade mal wieder richtig sauer auf die Funktionäre.

Wieder und wieder hat er die Behörden in den vergangenen zwei Jahren gebeten, endlich die versprochene Desinfektionsanlage anzuschließen. Aber nichts geschieht. "Kein sauberes Wasser, keine Müllabfuhr, keine medizinische Versorgung: Die Politiker haben uns belogen", sagt Vieira, seine Augen funkeln vor Zorn. "Unter den Traficantes war es nicht schön. Aber das Leben funktionierte besser."

Die Drogenbosse gaben notleidenden Familien Geld für den Arzt oder Essen, sie spendierten Jugendlichen schon mal eine Party, stellten Arbeitslose als Kuriere an. Und wenn die Anwohner-Selbstverwaltung eine Straße pflastern wollte, bekam sie ein paar Sack Zement hingestellt. Heute muss sie die staatlichen Stellen bitten, und die ignorieren in der Regel ihre Begehren. "Zwei von drei Familien in Palmeiras wünschen sich nun die Traficantes zurück", sagt Vieira.

"Wir brauchen keine Maschinengewehre mehr"

Was haben sie gezittert am "D-Day", wie sie den 26. November 2010 hier nennen: als die Militärpolizei mit Panzern und Fallschirmjägern einmarschierte. Als Kampfhubschrauber über dem Alemão kreisten und sich Feuergefechte mit den Traficantes lieferten. 36 Menschen starben, dann gaben die Gangster den Widerstand auf, flohen durch Geheimtunnel in andere Viertel - oder versteckten die Kalaschnikow, tauchten in der Masse unter. Damals tanzten einige Einwohner in den Straßen: weil sie überlebt hatten. Und auf bessere Zeiten hofften.

Heute beherrscht die Befriedungspolizei des Bundesstaats den Alemão. Blaue Geländewägen mit Kuhfänger patrouillieren durch die Straßen; Edelstahllamellen kleben vor den Fenstern der Polizeistation Nova Brasilia, zum Schutz vor Steinen und Kugeln. "Das Gebiet ist sicherer, wir brauchen keine Maschinengewehre mehr auf unseren Beobachtungsposten", sagt Oberkommandant Marcio Rodrigues. "Jetzt müssen wir das Vertrauen der Menschen gewinnen." Zurückgewinnen.

Eine Schar Kinder steht vor dem überschwemmten Spielplatz unter der Seilbahn. Seit Tagen sind Rutschen und Schaukeln unter Wasser - wie immer, wenn es richtig geregnet hat. Die überdimensionale Pfütze ist ein Brutgebiet der Dengue-Mücken, der ganze Platz eine Fehlkonstruktion: eilig von den Behörden aus dem Boden gestampft vor dem Besuch von Prinz Harry. Damals, im März 2012, schwebte der Blautblüter aus England in Palmeiras ein, spielte mit den Kindern ein bisschen Fußball für die Kameras und wurde anschließend durch blitzsaubere Straßen geführt. Den Abfall auf dem Weg hatte eine Putzkolonne vorher abgeräumt - in die Hinterhöfe der Anwohner.

Jeder Dritte ist Analphabet

"Seither haben sie nicht hier blicken lassen", sagt Galileu Vieira und zeigt auf die drei zerbrochenen orangefarbenen Tonnen der Müllabfuhr. Drum herum häufen sich Dosen, Plastiktüten, Obstreste, Einwegspritzen. Es stinkt nach Urin, eine Maus huscht über die Halde, darunter verläuft eine Wasserleitung. Warum machen die Bewohner nicht selbst ihren Dreck weg? "Vielen fehlt die Bildung", verteidigt sie Vieira. Jeder Dritte hier sei Analphabet.

So wie Sandro und Ana Mara. Halb 11.30 Uhr mittags, die Schaben krabbeln bereits über die Wände ihrer Bretterbaracke, da liegt die Familie noch immer im Bett: die beiden arbeitslosen Eltern und ihre Kinder, sechs und acht Jahre alt. Niemand sorgt dafür, dass sie zur Schule gehen.

Immerhin: Unten im Tal, eine dreiviertel Stunde Fußmarsch von hier, hat die Stadt den "Platz des Wissens" errichtet, ein Bildungszentrum mit Computerräumen, 3-D-Kino und Video-Lernstudios. Hier können Kinder und Jugendliche Kurse belegen: Filmen, Fotografie, Webdesign. Für die kommenden drei Jahre plant die Stadt 200 solcher Institutionen in den Problemvierteln. Doch das Angebot ist knapp: Den 85.000 Einwohnern des Alemão stehen nur 240 Plätze pro Semester zur Verfügung; jeder dritte Teilnehmer bricht die Schulung vorzeitig ab. "Sie müssen Geld verdienen", sagt der Lehrer.

Und so lungern Dutzende junge Männer auf den Straßen herum. "Niemand gibt ihnen eine richtige Arbeitsstelle. Was glauben Sie, wovon die leben?", fragt Galileu Vieira. Die "Coca" ist allgegenwärtig im Alemão.

Doch trotz aller Verärgerung über die Obrigkeit haben sich bislang nur wenige hier an den großen Demos beteiligt. Es bringe nichts, heißt es im Viertel, da unten im Tal protestiere die Mittelklasse für ihre Interessen. Und spätestens 2016 werde das Comando Vermelho sowieso zurück kehren, glauben Bewohner: nach Olympia, wenn sich Rio nicht mehr so ums Image sorgen muss.

Erst vor ein paar Wochen hat die Drogenmafia ihre Macht demonstriert. Als die Polizei einen der Ihren erschoss, ordnete sie die Schließung der Geschäfte im Viertel an. Am nächsten Tag war alles dicht im Alemão.

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insgesamt 24 Beiträge
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1. Recht so
Beobachter123 28.06.2013
Niemand behauptet, dass das ein Kinderspiel wird. Es ist ein langer und steiniger Weg zu besseren Verhältnissen. Ich finde es gut, dass der Staat seine Mach festigt. Bei ihm sollte das Gewaltmonopol liegen!
2. Ja ja
mahony1985 28.06.2013
Super spon nach der türkei ist jetzt brasilien dran welches land kommt als nächstes
3.
thanks-top-info 28.06.2013
interessanter Artikel
4. ??????
go2dive 28.06.2013
"Warum machen die Bewohner nicht selbst ihren Dreck weg? "Vielen fehlt die Bildung", verteidigt sie Vieira. Jeder dritte hier sei Analphabet." Muss man intelligent sein oder lesen und schreiben können um ein Empfinden für Ordnung zu haben oder seinen Müll selbst zu entfernen?
5.
CompressorBoy 28.06.2013
Zitat von sysopClaus HeckingFür die Fußball-WM 2014 räumt Rio de Janeiro in seinen Favelas auf. Mit Panzern und Kampfhubschraubern dringen Spezialeinheiten in die Slums ein, um Drogengangs zu verjagen. Dabei zeigt die Besetzung der Elendsviertel vor allem eines: was schiefläuft im Land. http://www.spiegel.de/politik/ausland/scheinfriede-in-rio-de-janeiros-armenvierteln-a-906587.html
Als ob es fürs Dreck-Wegmachen "Bildung" bräuchte... Wenn ich das lese, wird mir klar, warum es in den Favelas aussieht wie es aussieht...
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