Schießerei an US-Schule Amerika hat kapituliert

Wieder eine Schulschießerei in den USA: Zwei Tote, darunter der Täter. Amerika trauert. Aber es bringt nichts, sagen die Washington-Korrespondenten von SPIEGEL ONLINE. Die Amerikaner werden ihre Waffenseuche niemals ernsthaft bekämpfen.

AP

Von und , Washington


Alle paar Monate kommt eine solche Meldung. In furchtbarer Regelmäßigkeit. Die Nachrichtenkanäle unterbrechen ihr Programm, "Breaking News", irgendein Schulgebäude oder ein Kino oder ein Einkaufszentrum irgendwo im Land erscheint auf dem Bildschirm: Vogelperspektive, Blaulicht, rennende Leute. Mal im Westen, mal im Osten, mal in der Mitte Amerikas. Am Freitag hat es eine High School im Bundesstaat Washington getroffen.

Diese Schießereien sind für uns als USA-Korrespondenten mittlerweile zum traurigen Naturereignis geworden: Die Hurrikan-Saison im Spätsommer, das Schneechaos im Winter, eine Schießerei pro Quartal.

Wir mögen es nicht mehr hören. Und wir haben die ritualisierten Reflexe satt.

Auf CNN schluchzt regelmäßig die Moderatorin, beim rechten Sender Foxnews verteidigen sie das Recht aufs Waffentragen, beim eher linken MSNBC attackieren sie die Waffenlobby. Irgendwann, ein paar Stunden nach dem Vorfall, drückt der Präsident den Angehörigen der Opfer sein Mitgefühl aus. Wenn es viele Tote waren, dann per Statement vor der Kamera. Sind es weniger, kommt das Mitgefühl per Mail. Barack Obama sagt zu solchen Anlässen gern, dass er in diesem Moment nicht Präsident, sondern auch ein Vater sei; dass Amerika das nicht dulden dürfe und dass Amerika auch nicht so sei.

Aber Amerika ist genau so. Dieses in vielen Belangen grandiose Land und seine in vielen Belangen wundervollen Menschen haben sich entschlossen, mit der Waffenseuche zu leben. Daran wird sich nichts ändern.

Spätestens seit Newtown ist das klar. Nachdem dort im Dezember 2012 ein Attentäter in der Sandy-Hook-Grundschule 20 Kinder getötet hatte, versuchte Obama, das lasche Waffenrecht zu verschärfen. Er ist damit gescheitert. Und wenn das herzzerreißende Massaker in Newtown nichts ändern konnte, dann wird kein künftiges Shooting etwas ändern.

Kugelsichere Schulrucksäcke sollen das Problem lösen

Wenn man nicht in Infrastruktur investiert, dann stürzen mehr Brücken ein. Wenn man keine Gurte in Autos einbaut, sterben mehr Menschen bei Autounfällen. Und wenn man etwa 270 Millionen Waffen im Land akzeptiert, dann gibt es eben mehr Schießereien und Amokläufe.

Aber Amerika will und wird eben nicht die Wurzel des Problems bekämpfen, sondern nur die Symptome. In Maryland zum Beispiel verkauft eine Firma kugelsichere Rückenverstärkungen für Schulrucksäcke, in verschiedenen Farben.

Vor einem Jahr haben wir Johnny Price in Texas getroffen. Kräftig gebaut, Waffe am Gürtel, ein Mann wie aus einem Westernfilm. Ein guter Kerl mit kräftigem Händedruck. Irgendwie sehr sympathisch. Und so ganz und gar anderer Meinung als wir.

Price ist staatlich geprüfter Waffentrainer und seit Newtown gibt er Lehrern kostenlose oder ermäßigte Kurse, um die "Lizenz für das verdeckte Tragen von Handfeuerwaffen" zu erwerben. Price will Lehrer bewaffnen, damit sie im Notfall Attentäter in den Schulen stoppen können. Rund 1600 Lehrer hatte er damals schon ausgebildet. Er bekämpft also die Symptome der Waffenseuche, die er niemals so nennen würde, und er verbreitet die Seuche gleichzeitig weiter. Weil er Waffentragen mit Freiheit gleichsetzt und glaubt, dass ihm Obama seine Waffen wegnehmen will. Dies ist die Reportage, die wir damals über seinen Lehrerkurs gedreht haben:

SPIEGEL ONLINE

In einer perfekten Welt, sagte Johnny Price, gäbe es nicht die Notwendigkeit, Lehrer an der Waffe zu trainieren. Aber man lebe eben nicht in Europa, sondern in Amerika. "Da sind viele Waffen da draußen, es ist zu spät, um das hinzukriegen." Price hat die Seuche akzeptiert.

Als am Freitagabend die Bilder der jüngsten Schulschießerei durchs Land gehen, rufen wir ihn an. Er sagt, Teenager sollten keinen unbeaufsichtigten Zugang zu Waffen haben, die Eltern seien da in der Pflicht. Die Politik, glaubt er weiterhin, habe keine Chance, irgendetwas auszurichten: "Für Veränderungen ist es zu spät."

Im vergangenen Jahr hat Johnny Price weitere rund 500 Lehrer an der Waffe ausgebildet.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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specialsymbol 25.10.2014
1. Die Gesellschaft kapituliert - aber nicht vor Waffen
Schon vor Jahren wurde gezeigt und wiederholt bestätigt: nicht die Waffen sind das Problem, sondern die Gesellschaft. Die Ausgrenzung, die Demütigungen, die mangelnden Möglichkeiten zur freien Entfaltung. Aber darüber zu diskutieren - unmöglich. Am Ende trägt man möglicherweise selber zur Situation bei, das möchte keiner hören. Da ist es doch viel einfacher sich die Sündenböcke woanders zu suchen, möglichst in einer Randgruppe - seien es Gothic-Anhänger, Heavy-Metal-Hörer, Computerspieler oder Waffenbesitzer. Vor allem in den Medien ist das ein beliebtes Mittel.
spmc-128066580216679 25.10.2014
2. leider
wenn ich mit meinen amerikanischen freunden rede, dann treffen meine europäische und deren amerikanische Sichtweise aufeinander, die auch im Artikel beschrieben wurden. Soweit ich das noch in Erinnerung habe, sollte nach Newton das Gesetz bezüglich Schnellfeuerwaffen 'nur' nicht verlaengert werden, weil es gerade zu dieser Zeit auslief. Und wie die Autoren schrieben, gerade weil sich nach Newton nichts geändert hat, wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Es ist schade, aber so ist es und so bleibts.
tsitsinotis 25.10.2014
3. Danke für diesen traurigen,
aber wahren Artikel. Es müsste eine Massenbewegung zur Ächtung von Privatwaffen geben - aber die Waffenlobby hat wohl die "besseren" Thinktanks, oder wie das heißt...
BuenaBanana 25.10.2014
4. Wann merken
die deutschen Journalisten endlich, dass nicht die Verfügbarkeit von Waffen die Ursache für Amokläufe ist? Kein Mensch läuft Amok, weil er ein Messer in seiner Schublade oder einen Revolver im Schrank findet. Die Ursache für Amokläufe ist Mobbing. Ständige Schikanen durch Mitschüler, Eltern und Lehrer. Das ist der Grund warum wir in Deutschland - ein Land mit den strengsten Waffengesetzen - relativ zur Bevölkerung betrachtet nicht signifikant weniger Amokläufe als die Amerikaner oder Finnen haben. Die Amerikaner haben ihr second amendment aus einem sehr guten Grund. Es geht nicht darum sich gegenseitig abknallen zu können. Es war die Erfahrung der Diktatur durch eine fremde Macht, die sie dazu veranlasste das second amendment in ihre Verfassung aufzunehmen. Einige arabische Länder hatten vor Beginn des arabischen "Frühlings" die striktesten Waffengesetze der Welt. Wenn man wirklich etwas gegen Amokläufe tun möchte, sollte man an den Ursachen arbeiten. Daran dass wir uns immer mehr in eine Gesellschaft entwickeln in der die Starken auf die Schwachen treten. Der Umgang miteinander ist wichtig. Außerdem vielleicht ein bisschen besser die Aufmerksamkeit für Mobbing bei den Lehrkräften und Eltern fördern.
pommespuppe 25.10.2014
5. da hat aber
...jemand ganz schön die "Faxen dicke". Endlich mal ein emotionaler Bericht über das Unvermögen des "Big Brother"! Natürlich kommt es zu solchen tragischen Ereignissen, wenn man jedem Vollpfosten erlaubt, eine Waffe zu tragen. Und...was nützt dem Kind eine kugelsichere Tornistereinlage, wenn es im Klassenraum sitzt, oder auf dem Schulhof spielt? ...ganz schön blöd, die Amis
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