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Schifa-Krankenhaus Gaza: Im Spital der lebenden Toten

Aus Gaza-Stadt berichtet Ulrike Putz

Während des Krieges wurde das Schifa-Hospital in Gaza-Stadt weltweit zum Begriff: Ein paar Ärzte versorgten dort Tausende Opfer, im Keller versteckte sich angeblich die Hamas-Führung. Ein Besuch der Klinik zeigt: Der Kampf ist auch nach dem Waffenstillstand lange nicht vorbei.

Ahmeds Augen sind halb geöffnet, aber sie sehen nichts. Sein Brustkorb hebt und senkt sich: Es ist das einzige Zeichen der Hoffnung. Die Kugel, die Ahmed durch die Stirn ins Gehirn gefahren ist, hat entscheidende Zentren verletzt. "Er ist dem Tod näher als dem Leben", sagt der Chef der Intensivstation.

Ahmed Hassanin ist das wohl jüngste Opfer des Gaza-Krieges. Nicht, weil er erst sieben Jahre alt ist, sondern weil er fünf Tage nach Kriegsende angeschossen wurde. Am Donnerstag spielte er mit anderen Kindern vor dem Haus seiner Familie, plötzlich lag er am Boden. "Wir dachten, ein Stein habe ihn am Kopf getroffen", sagt sein Vater auf dem Krankenhaus-Flur.

Erst in der Poliklinik stellten Ärzte fest, dass Ahmed eine Kugel im Kopf hat. Mit Blaulicht wurde er aus dem Dorf im Osten des Gaza-Streifens ins Schifa-Hospital in Gaza-Stadt überführt. "Wir wohnen sehr nah an der Grenze zu Israel, gestern wurde dort wieder geschossen", erinnert sich Ahmeds Vater. Auf dem Röntgenbild des Schädels seines Sohnes sieht man eine Kugel im Gehirn stecken. Für den Arzt Omar Ahmed, der seit 20 Jahren Geschosse aus seinen Patienten herausoperiert, steht der Schuldige schnell fest: "M16", sagt er. "Die wird von der israelischen Armee benutzt."

Das M16-Sturmgewehr gehört zwar zur Standardausrüstung der israelischen Armee, doch ob die Kugel im Kopf des Jungen tatsächlich von einem Israeli abgefeuert wurde, wird sich vermutlich nie klären lassen. Auch Hamas-Kämpfer benutzen gelegentlich M16-Gewehre, und die bei den Palästinensern weiter verbreitete Kalaschnikow AK-74 - die modernere Nachfolgerin der AK-47 - verschießt Projektile von nahezu identischen Maßen wie das M16.

Das Schifa-Hospital in Gaza-Stadt: Während des dreiwöchigen Krieges Israels gegen die Hamas war es ein Ort der Rettung - und ein Ort des Sterbens. Tausende von Opfern wurden hier angeliefert. Schwerverletzte lagen schreiend auf den Fluren, in Abstellkammern. Menschen, die bei Normalbetrieb eine Chance gehabt hätten, wurden zum Sterben in die Ecke abgeschoben. Familien mussten ihre Verwandten mit einer Luftpumpe von Hand beatmen, weil auf der Intensivstation Landunter herrschte. Wer niemanden hatte, der ihm Essen brachte, hungerte. Dazwischen Verzweifelte, die ihre Angehörigen suchten.

Inmitten dieser Vorhölle arbeiteten die Ärzte bis zum Zusammenbruch. "Mir sind drei Patienten hintereinander auf dem Boden des OPs gestorben, während ich einen vierten operierte", sagt Nafiz Abu Schaban, Chef der Abteilung für Brandwunden. Der Andrang auf seiner Station war besonders groß: Hunderte Menschen wollten behandelt werden - viele von ihnen mit Verletzungen, die durch Israels Einsatz der hochumstrittenen Phosphor-Munition entstanden sein sollen.

"Am Anfang wussten wir nicht, womit wir es zu tun hatten, und haben die Patienten nach der Erstversorgung nach Hause geschickt", sagt Abu Schaban. Stunden später seien die Verletzten wieder da gewesen, mit rauchenden Wunden. "Der Phosphor hatte weiter gebrannt, riesige Löcher, teils bis auf den Knochen." Die Ärzte passten sich an: Alles Fleisch, das mit Phosphor in Berührung gekommen war, schnitten sie heraus. Der Anästhesist der Station hat selbst Brandnarben am Hals: Während einer Operation sprang ein Bröckchen des Brandmittels aus der Wunde eines Patienten und verbrannte ihn.

Palästinensische Chirurgen haben den traurigen Ruf, in der Behandlung von Kriegsverletzungen Weltklasse zu sein, vor allem, wenn nur das allernotwendigste Arbeitswerkzeug vorhanden ist. "Wir haben ja sehr viel Übung", sagt Abu Schaban sarkastisch. Doch die Wunden, die dieser Krieg verursachte, hätten selbst er und seine Kollegen noch nicht gesehen.

Da, wo sie der Phosphor traf, ist Sabah Abu Halimas Körper von der Brust bis zu den Füßen mit münzgroßen schwarzen Krusten übersät. Mit ihrem Mann und ihren zehn Kindern hatte sich die Bäuerin ins Wohnzimmer ihres Hauses in Lahia im Norden des Gaza-Streifen geflüchtet. Dann ging ein Regen aus Feuer nieder. Ausdruckslos zählt die Mutter auf, wer am dritten Tag der israelischen Bodenoffensive ums Leben kam: Ihr Mann Sadala, 45, dem die Explosionen genau so den Kopf abrissen wie ihrem Sohn Abdelrahim, 14. Ihre Söhne Zeid, 10, und Hamsa, 8, die Koransuren wisperten, als sie neben ihrer schwer verletzten Mutter starben.

Und Schahed, die einzige Tochter, 15 Monate alt. "Ich stillte sie, als sie ins Feuer geschleudert wurde", sagt die Mutter. Dreimal habe ihre Tochter nach ihr geschrien, dann habe nur noch das Feuer gebrüllt.

Sabah Abu Halima ist die einzige Überlebende ihrer Familie, die noch im Schifa-Hospital ist, die anderen wurden in Spezialkliniken ins Ausland gebracht. Sie liegt zusammengekrümmt auf der Seite, sie hat nur einen Wunsch: "Ich will mich unter den Israelis in die Luft jagen." Ali, ihr Vierjähriger, steht verstört neben dem Bett seiner Mutter. "Er muss wachsen, der Hamas beitreten und unsere Familie rächen", sagt die.

"Nur die Toten haben das Ende des Krieges gesehen", schrieb der griechische Philosoph Plato. Für die Überlebenden ist der Krieg hingegen nie vorbei. "Wir bereiten die Klinik auf die nächste Runde vor,", sagt der Hamas-Mann in der Krankenhausverwaltung. Die meisten schweren Fälle seien ins Ausland überführt, die Gesundenden entlassen worden. "Wir müssen die Betten frei haben, falls es wieder losgeht."

Die Hamas-Spitze soll sich während des Krieges in einem Bunker tief unter dem Krankenhaus verschanzt und so die Patienten zu menschlichen Schutzschilden gemacht haben – was weiß er davon? Der Hamas-Mann lacht: "Gehen Sie doch in den Keller, Sie werden nichts finden."

Seit dem Waffenstillstand sind viele Hilfsgüter über die Grenze nach Gaza gelangt, auch für die Klinik. "Wenn man ganz zynisch ist, hat der Krieg dem Hospital auf lange Sicht genützt", sagt ein sichtlich erschöpfter Arzt auf der Intensivstation. Seit Jahren hätten sie auf mehr Beatmungsgeräte, Dialyse-Maschinen, Spezialinstrumente gewartet. "Es hat uns einen Krieg mit 1300 Toten und über 5000 Verletzten gekostet, sie zu bekommen", sagt der Neurochirurg.

Von westlichen Standards ist das Schifa-Klinikum trotzdem Lichtjahre entfernt. Die Patienten schlafen unter Synthetikdecken ohne Bezug, durch die durch Druckwellen zerborstenen Fenster weht Regen und Kälte in die Zimmer. Straßenkatzen huschen vorbei: Sie sind Kriegsgewinnler, haben im Spital ein friedliches Plätzchen gefunden. Sie sind die einzigen.

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