Schiiten gegen Sunniten Welle der Gewalt nach Anschlag auf Moschee

Nach dem Anschlag auf die Goldene Moschee in Samarra eskaliert die Gewalt zwischen Schiiten und Sunniten im Irak. Mehr als 80 Menschen kamen bei Krawallen bereits ums Leben. Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad machte Israel und die USA verantwortlich.


Bagdad - In das Leichenschauhaus von Bagdad seien seit gestern Nachmittag mindestens achtzig von Kugeln durchsiebte Leichen eingeliefert worden, teilte dessen stellvertretender Leiter mit. Die meisten der Getöteten sollen nach Angaben der Polizei Sunniten gewesen sein. Sie seien vor und in Moscheen angegriffen worden. Die Polizei verstärkte die Sicherheitsmaßnahmen vor den Moscheen der Stadt.

Wegen der anhaltenden Gewalt verhängte das irakische Innenministerium eine nächtliche Ausgangsperre über Bagad und das nördlich der Hauptstadt gelegene Gebiet. Die Ausgangssperre gelte ab heute von 20 bis 6 Uhr in Bagdad und der Provinz Salaheddin, in der Samarra liegt, teilte ein Ministeriumssprecher mit.

In den übrigen Provinzen würden die örtlichen Behörden über Ausgangssperren entscheiden. Außerdem wurden die irakischen Sicherheitskräfte nach Angaben des Sprechers in höchste Alarmbereitschaft versetzt.

In der nördlich von Bagdad gelegenen Stadt Bakuba eröffneten Unbekannte das Feuer auf eine sunnitische Moschee. Dabei wurden nach Polizeiangaben ein Mensch getötet und zwei weitere verletzt. Bei einem Bombenanschlag in der Stadt wurden heute zudem zwölf Iraker getötet. Nach Polizeiangaben waren unter den Toten acht Soldaten.

In Basra überfielen Unbekannte am Mittwoch ein Gefängnis und entführten zwölf sunnitische Häftlinge, darunter zwei Ägypter.

Die Angreifer hätten Polizeiuniformen getragen und elf der Entführten getötet, teilte die Polizei mit. Der Überfall sei offenkundig ein Akt der Vergeltung für den Anschlag auf die Moschee in Samarra gewesen.


Landesweit waren zuvor bereits hunderte Schiiten auf die Straße gegangen, um gegen die schwere Beschädigung der Moschee zu protestieren, die eines der wichtigsten schiitischen Heiligtümer ist. Vielerorts schworen sie Rache für das Attentat. In Sprechchören wurden fundamentalistische Wahabiten, eine vor allem in Saudi-Arabien heimische Richtung des sunnitischen Islams, für den Anschlag verantwortlich gemacht. Eine Demonstration im nordirakischen Kirkuk richtete sich zudem gegen den US-Botschafter im Irak, Zalmay Khalilzad.

Sunniten boykottieren Krisentreffen

Die irakischen Sunniten boykottierten ein von Präsident Dschalal Talabani nach der jüngsten Eskalation der Gewalt einberufenes Krisentreffen. "Die Regierung hat es versäumt, die Sicherheit unserer Stätten zu gewährleisten ... Sie hat diese Akte der Aggression nicht verurteilt", begründete der Vertreter der Front Irakische Eintracht, Ijad al-Samarrai, die Absage.

Das von Talabani anberaumte Treffen sollte ursprünglich am Vormittag stattfinden. Es wurde wegen Beratungen der Schiiten-Allianz, die die Regierung dominiert, auf den Nachmittag verschoben. Nach der Boykottankündigung der Sunniten war unklar, ob das Treffen überhaupt stattfinden würde. Die Irakische Eintracht errang bei der Wahl im Dezember 44 Mandate in dem 275 Sitze umfassenden Parlament.

Die religiöse Vertretung der irakischen Sunniten gab der geistlichen Führung der Schiiten eine Mitschuld an der Eskalation der Gewalt. Die Vereinigung der muslimischen Geistlichen weise bestimmten schiitischen Anführern wegen ihres Aufrufs zu Demonstrationen die Verantwortung zu, sagte ein Sprecher des sunnitischen Verbandes.

Damit zielte die Vereinigung offenbar auf das schiitische Oberhaupt im Irak, Groß-Ajatollah Ali al-Sistani, der gestern unmittelbar nach dem Anschlag zu Protesten aufgerufen hatte. Sistani mahnte die Menschen allerdings zugleich, friedlich zu demonstrieren und untersagte ausdrücklich Übergriffe auf sunnitische Moscheen. Eine solche Kritik am wichtigsten Vertreter der Schiiten ist im Irak beispiellos und dürfte die Spannungen verschärfen.

Irans Präsident Ahmadinedschad gab unterdessen den USA und Israel die Schuld für die Zerstörung der Moschee. Der Anschlag sei das Werk von "Zionisten und Besetzern", sagte Ahmadinedschad in einer vom Staatsfernsehen übertragenen Rede vor mehreren tausend Menschen im Südwesten Irans.

"Sie sind in den Schrein eingedrungen und haben ihn zerbombt, weil sie gegen Gott und Gerechtigkeit sind", sagte Ahmadinedschad. Es handle sich um "die Taten einer Gruppe von besiegten Zionisten und Besetzern, die unsere Gefühle treffen wollen". An die Adresse der USA gewandt sagte Ahmadinedschad: "Ihr müsst wissen, dass eine solche Tat euch nicht vor dem Zorn der muslimischen Nationen bewahren wird."

Irakische Behörden vermuten jedoch, dass hinter dem Anschlag auf die Moschee Abu Musab al-Sarkawi steckt, Statthalter des Terrornetzwerks al-Qaida im Irak. Der hatte schon vor Monaten einen "gnadenlosen Krieg" gegen die Schiiten ausgerufen.

als/ap/afp/reuters

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