Schiiten-Rebellion im Irak Terrorprediger putscht gegen Besatzer

Überraschend hat sich für die US-geführten Besatzungsmächte im Irak eine weitere Front aufgetan. Schiiten unter der Führung des radikalen Predigers Muktada al-Sadr putschen gegen die Ordnungsmächte. Nun wollen die Amerikaner den Geistlichen verhaften. Am Abend sollen US-Truppen in die Sadr-Hochburg Kufa eingedrungen sein.

Von Alexander Schwabe




Sadr-City: Aktivisten der Mahdi-Armee stecken ein US-Fahrzeug an
AFP

Sadr-City: Aktivisten der Mahdi-Armee stecken ein US-Fahrzeug an

Nadschaf, die heilige Stadt der Schiiten, befindet sich im Ausnahmezustand. Die Menschen dort auch, wie eine Szene zeigt, die zurzeit in den Nachrichtensendungen zu sehen ist: Ziellos laufen Demonstranten durch verwüstete Straßen, Rauch, Trümmer, Autowracks. Plötzlich sind Schüsse zu hören. Die Salve ist noch nicht verhallt, da reißt sich ein junger Mann das Hemd vom Leib und rennt nicht etwa weg - sondern schreiend, mit nacktem Oberkörper und leeren Händen, in Richtung Tod.

Der Mann, vielleicht 20, ist ein Anhänger Muktada al-Sadrs, des radikalsten Schiitenführers im Irak. Dessen Milizen, die am Wochenende in drei Städten gleichzeitig zugeschlagen haben und einige Hochburgen kontrollieren, könnten für die Amerikaner gefährlicher werden als die Anhänger Saddams und islamistische Guerilleros zusammen.

Jetzt wollen die Amerikaner dem Treiben Sadrs durch dessen Festnahme Einhalt gebieten. Schon vor Monaten habe ein irakischer Richter einen Haftbefehl gegen Sadr ausgestellt, sagte ein Sprecher der Besatzungsmächte heute. Jetzt wolle man den Haftbefehl vollstrecken. Einen genauen Termin wollte der Sprecher bei einer Pressekonferenz jedoch nicht nennen. "Sie werden es erfahren." Momentan trauen sich die USA noch nicht zuzuschlagen, da sich Sadr derzeit in einer Moschee in der mittelirakischen Stadt Kufa verschanzt hat.

Am Abend drangen amerikanische Truppen nach Angaben des arabischen Nachrichtensenders al-Dschasira jedoch nach Kufa ein. Eine Reporterin des Senders berichtete über Explosionen, die in der Stadt zu hören seien. Nähere Einzelheiten waren zunächst nicht bekannt.

Über Wochen sah es so aus, als könnten die Amerikaner die zur Macht strebenden Schiiten im Irak in Schach halten. Der mächtigste Schiit im Land, Großajatollah Ali al-Sistani, hatte Anfang des Jahres zwar kräftig mit dem Säbel gerasselt. Eine Welle des Terrors würde durchs Land rollen, sollten die Amerikaner die Macht nicht bald an das irakische Volk abtreten, doch dann kam es im März zwischen dem Regierungsrat, der Besatzungsbehörde und dem als gemäßigt geltenden Glaubensfürsten zu einer Verständigung über die künftige Machtverteilung im Land.

Muktada al-Sadr: Der junge Wilde unter den Predigern
REUTERS

Muktada al-Sadr: Der junge Wilde unter den Predigern

Die Drohungen Sistanis hatten den Druck auf Washingtons Statthalter Paul Bremer erhöht - aber auch den Machtkampf unter den Schiiten verschärft: Wenn der Gemäßigte aggressiver wird, kommen auch die Extremisten unter Zugzwang. Während Sistani weiterhin politische Ziele verfolgte, die ein Zusammenleben der drei großen ethnischen Gruppen im Irak, Schiiten, Sunniten und Kurden ermöglichen könnten, geht es dem Heißsporn Sadr darum, die Schiiten zu radikalisieren und sich Macht-Enklaven zu sichern.

Als am Samstag Mustafa al-Jakubi, Sadrs Sprecher verhaftet wurde, nutzte der radikale Schiitenführer die Gunst der Stunde. Er rief zu Massendemonstrationen auf. Zadiq al-Haschimi, der einen der Protestzüge anführte, sagte: "Dieser Aufmarsch der Mahdi-Armee wurde von seiner Eminenz, dem Oberkommandierenden Said Muktada al-Sadr befohlen. Diese Armee kann jeden Moment angreifen. Sie ist eine Zeitbombe, die nach eigenem Gutdünken hochgehen wird."

Die Bombe ging schnell hoch. Sadrs Milizen schlugen an mehreren Orten zu. In Bagdad versuchten seine Kämpfer im fast nur von Schiiten bewohnten größten Armenviertel der Stadt, Polizeiwachen und Verwaltungsgebäude unter ihre Kontrolle zu bringen. Mindestens sieben US-Soldaten wurden in einem Hinterhalt getötet, 24 weitere verletzt. Nach Angaben von Ärzten kamen bei den blutigsten Kämpfen seit dem offiziellen Ende des Krieges auch rund 90 Iraker ums Leben.

US-Panzer in Sadr-City, Bagdad: Bewohner demonstrieren gegen die Besatzer
AFP

US-Panzer in Sadr-City, Bagdad: Bewohner demonstrieren gegen die Besatzer

In der heiligen Stadt Nadschaf, wo die Grabmoschee des Schiitengründers Imam Ali, Schwiegersohn des Propheten Mohammed, steht, griffen Sadr-Einheiten in schwarzen Uniformen eine Kaserne an, in der spanische Soldaten untergebracht sind. Bei den Kämpfen kamen ein amerikanischer und ein Soldat aus El Salvador ums Leben, 22 Iraker wurden getötet.

Gestern wurde gemeldet, Sadrs Mahdi-Armee habe neben Nadschaf auch Kufa, wo Imam Ali 660 erstochen worden war, völlig im Griff. Die irakische Polizei sei entmachtet. Der Polizeichef von Kufa sei ermordet worden, der von Mahmudija ebenfalls. Sadrs Büro habe zum Generalstreik und zum Heiligen Krieg aufgerufen.

In Basra besetzten in der Nacht rund tausend radikale Schiiten das Haus des Gouverneurs Wael Abdul Latif. Dieser suchte das Weite, nachdem Teile der Wachen zu den Aufständischen übergelaufen waren und weder britische Truppen noch die irakische Polizei eingegriffen hatten.

Der füllige Prediger hatte seit Anfang des Krieges als junger Wilder unter den Schiiten Furcht und Schrecken verbreitet. Der Hass auf die USA war mächtiger als die Sorge, dass ein Abzug der Amerikaner ins Chaos führen könnte. In einem Interview mit dem SPIEGEL sprach Sadr den USA nicht nur die Fähigkeit, sondern gar den Willen ab, im Irak für Sicherheit zu sorgen. Mordanschläge auf schiitische Geistliche versuchte er den Amerikanern in die Schuhe zu schieben.

Mordaufträge gegen die schiitische Konkurrenz

Viele Gläubige im Schiitengebiet sagten jedoch hinter vorgehaltener Hand, Sadr, dem wenig theologische Kompetenz bescheinigt wird, stecke hinter der Ermordung hoher Geistlicher. Ende August wurden fast hundert Menschen in den Tod gerissen, als auf dem Vorplatz der Grabmoschee in der Pilgerstadt Nadschaf eine Autobombe explodierte, just in dem Moment als Tausende Gläubige nach dem Freitagsgebet aus dem Gotteshaus kamen. Der Anschlag galt Ajatollah Mohammed Bakir al-Hakim, dem Führer des "Obersten Rates der Islamischen Revolution im Irak", der dabei ebenfalls ums Leben kam.

Vor genau einem Jahr wurde der aus dem Londoner Exil zurückkehrende, Amerika-freundliche Schiitenführer Abd al-Madschid al-Chui nahe der Goldenen Moschee in einen Hinterhalt gelockt und erstochen. Hinter dem Komplott soll auch Jakubi stecken, jener Sprecher Sadrs, der nun von US-Soldaten verhaftet wurde.

Die Festnahme hat der 30-jährige militante Schiitenführer zu Recht als Kampfansage verstanden. Von Anfang an hatte Sadr gegen die Besatzungsmächte gehetzt. In dem SPIEGEL-Interview sagte er, die amerikanische Besatzung müsse so schnell wie möglich beendet werden. Er beteuerte, keine Schießbefehle zu erteilen, die Amerikaner sollten mit friedlichen Mitteln aus dem Land getrieben werden: mit Appellen, Massenprotesten und politischer Überzeugungsarbeit.

In Wahrheit hat Sadr nie auf etwas anderes gesetzt als das Konzept der Gewalt. Seine Macht basiert nicht auf dem Respekt der Gläubigen vor theologischer Autorität, wie etwa bei Großajatollah Sistani. Sadrs Macht kommt aus den Gewehrläufen.

Bereits vor den Massendemonstrationen vom vergangenen August gegen die Amerikaner mit rund 30.000 Sympathisanten allein in Bagdad, hatte Sadr längst die "Armee des Mahdi" gegründet - zunächst unter dem Vorzeichen einer Bürgerwehr gegen Kriminalität. Inzwischen ist sie eine paramilitärische Truppe. Die Kämpfer werden vor allem unter den sozial Schwachen und radikalen Studenten rekrutiert.

Unter ihnen genießt al-Sadr Ansehen, denn er trägt einen großen Namen unter den Schiiten. Sein von Husseins Schergen 1999 ermordeter Vater Mohammed Sadek al-Sadr genoss hohes theologisches Ansehen. Er war ein alter Rivale al-Sistanis. Der ermordete Dawa-Führer Ajatollah Mohammed Baker al-Sadr war sein Onkel.

Alptraum der Amerikaner

Der amerikanische Zivilverwalter im Irak, Paul Bremer, hat den Kleriker inzwischen zum Geächteten erklärt: "Wir haben eine von Muktada al-Sadr angeführte Gruppe, die sich den gesetzlichen Behörden, der Koalition und den irakischen Beamten, entzogen hat", sagte Bremer heute in Bagdad.

Die Amerikaner stehen vor der vielleicht schwierigsten Lage seit dem Terroranschlag auf die Uno im vergangenen August. An den Terror im sunnitischen Dreieck, der im März einen neuen Höhepunkt erreichte, hatte sich die US-Army fast gewöhnt. Doch nun droht der ganze Süden aus den Fugen zu geraten. Die Schiiten stellen die Bevölkerungsmehrheit im Irak. Sollte sich Sadrs Putsch zu einem Aufstand ausweiten, würde der schlimmste Alptraum der Amerikaner Wirklichkeit werden. In Washington wird man bereits nervös. Politiker fordern, die Machtübergabe an irakische Institutionen zu verschieben.

Dies käme Sadr gelegen. Er hätte mehr Zeit, Sistani im Kampf um die Macht unter den Schiiten weiter zu schwächen. Und er könnte die Amerikaner zu weiteren Gegenschlägen reizen. Jeder tote Schiit jedoch steigert den Hass unter den Gläubigen - und den Zulauf für Sadr. Die Schiiten sind ohnehin anfällig für einen Kampf gegen die Besatzungsmacht. Bereits in den zwanziger Jahren führten sie die Rebellion gegen die Briten an. Und sie leiden noch immer unter einem Trauma: Im Golfkrieg 1991 wurden sie von den Amerikanern im Stich gelassen, nachdem sie sich gegen Saddam Hussein auf deren Zuraten hin erhoben hatten.

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