Gewalt in Pakistan Schiiten blockieren Straßen mit Leichen

Tausende Angehörige von schiitischen Terroropfern protestieren im pakistanischen Quetta auf ungewöhnliche Weise: Nach Anschlägen mit mehr als 90 Toten haben sie mit den Leichen Straßensperren errichtet. Die Toten wollen sie erst beerdigen, wenn die Armee ihnen Schutz verspricht.

AFP

Von , Islamabad


Hunderte Menschen stehen am Samstag im pakistanischen Quetta auf den Straßen, auf ihren Schultern tragen sie Bahren, auf denen in weiße Tücher gehüllte Leichen liegen. Auch auf der Straße stehen die hölzernen Gestelle mit den Toten, sorgfältig nebeneinander aufgestellt. Es sind die Opfer der schlimmsten Terrorangriffe seit fünf Jahren in Pakistan. Bei drei Anschlägen, zwei in Quetta und einem im Swat-Tal, starben am Donnerstag insgesamt 120 Menschen.

Bei dem Anschlag mit den meisten Todesopfern - nach derzeitigem Stand 97 - waren schiitische Hazara das Ziel, eine seit Jahrzehnten verfolgte, aus Afghanistan stammende Minderheit. Etwa 80 dieser Toten liegen nun in aller Öffentlichkeit in der Alamdar Road, am Ort des Anschlags, als Zeichen des Protests. Am Samstag versammelten sich am zweiten Tag in Folge Männer, Frauen und Kinder bei Temperaturen unter null Grad Celsius mit ihren toten Angehörigen. Der Straßenverkehr ist blockiert, es gibt kein Durchkommen.

Nach islamischem Brauch sollen Tote unverzüglich beerdigt werden, aber die Schiiten verweigern in einem seltenen Akt der Nichtbefolgung der strikten Regeln die Bestattung und wollen ihre Angehörigen erst zu den Friedhöfen bringen, wenn die pakistanische Regierung der Minderheit mehr Schutz vor Terror und Verfolgung bietet. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch warnt, die Gewalt gegen schiitische Muslime - nicht nur gegen die Hazara - nehme stark zu. Nach 400 Toten im vergangenen Jahr deuteten die Anschläge vom Donnerstag darauf hin, dass sich die Lage weiter zuspitze. Einige Schiiten-Kommunen würden praktisch belagert. Noch nie seien so viele Schiiten im mehrheitlich sunnitischen Pakistan ermordet worden wie 2012.

Militär soll in Quetta für Schutz von Schiiten sorgen

Konkret verlangen Schiiten jetzt einen Rücktritt der Provinzregierung von Belutschistan und die Übernahme der Sicherheitsverantwortung in Quetta durch das Militär. "Wir werden unseren Protest erst beendet, wenn diese Forderung erfüllt ist", sagt ein Geistlicher der Hazara. "Wir wollen in Frieden und in Sicherheit in unserer Heimat Pakistan leben. Wir gehören hierher, und wir werden nicht weichen." Auch Human Rights Watch wirft dem pakistanischen Militär "Gleichgültigkeit" und "Desinteresse" vor, wenn es um Schutz von Schiiten gehe.

Pakistans Premierminister Raja Pervez Ashraf kündigte am Samstag an, das Frontier Corps solle in Quetta die Aufgaben der Polizei übernehmen. Außerdem forderte er die Regierung Belutschistan in einem Telefonat auf, "alles für die Sicherheit der Menschen in Belutschistan" zu tun, wie sein Sprecher mitteilte.

Ashraf versprach, die Familien der Todesopfer würden eine Million Rupien vom Staat erhalten, umgerechnet etwa 7700 Euro. Angehörige von Verletzten würden hunderttausend Rupien bekommen. Zudem sollen alle Verletzten per Militärflugzeug in ein besser ausgestattetes Krankenhaus nach Karatschi geflogen werden, sagte er.

Quetta gilt als heimliche Hauptstadt der Taliban. Viele hochrangige Kommandeure der Taliban, die nach dem Beginn des Anti-Terror-Kriegs aus Afghanistan fliehen mussten, sollen sich hier aufhalten, das höchste Gremium der Taliban ist nach der Stadt benannt, die "Quetta-Schura". Die Taliban, extremistische Sunniten, betrachten Schiiten als Ungläubige. Die Spaltung zwischen den beiden Ausrichtungen des Islam hat ihre Ursache in der unterschiedlichen Interpretation, wer der rechtmäßige Nachfolger des gemeinsamen Propheten Mohammed ist. Zu dem Anschlag gegen die Hazara bekannte sich die sunnitische Terrororganisation Lashkar-i-Jhangvi.

Geistlicher wagt Kritik am mächtigen Armeechef

Bei dem Anschlag am Donnerstag in einem Billardclub in dem überwiegend von Hazara bewohnten Viertel hatte sich zunächst ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt. Dabei starben mehrere Menschen. Wenig später, nachdem Helfer eingetroffen waren, explodierte ein weiterer Sprengsatz, nach Angaben der Polizei vermutlich eine Autobombe, und forderte weitere Menschenleben, darunter mehrere Helfer, ein Journalist und der junge Menschenrechtsaktivist Irfan Ali. Ali hatte kurz vor der zweiten Explosion noch getwittert, viele Hazara-Familien würden gerade aus Angst um ihr Leben die Stadt verlassen.

Zuvor war am Donnerstag an einer anderen Stelle in Quetta bereits eine Bombe explodiert und hatte zwölf Menschen in den Tod gerissen, hier waren vor allem Soldaten die Opfer. Aber auch Sunniten waren Opfer des Terrors am Donnerstag: In einer Moschee im Swat-Tal kamen bei einer Explosion 22 Gläubige ums Leben.

Ein hochrangiger schiitischer Geistlicher, Maulana Amin Shaheedi, wagte es am Freitag, Pakistans mächtigen Armeechef General Ashfaq Parvez Kayani wegen des unzureichenden Schutzes von Schiiten in Pakistan zu kritisieren. "Ich frage ihn: Was haben Sie in den vergangenen drei Jahre getan, die Sie zusätzlich im Amt sind? Was haben Sie uns gegeben außer noch mehr Tote?" Die Armee habe sich unfähig gezeigt, extremistische sunnitische Gruppen unter Kontrolle zu bringen.

Die Provinz Belutschistan wird seit Jahren aber auch von Kämpfen zwischen Unabhängigkeitskämpfern und Militär erschüttert. Die Streitkräfte gehen dabei nicht gerade zimperlich vor, immer wieder verschwinden Menschen, die verdächtigt werden, für ein unabhängiges Belutschistan zu arbeiten.

Und Belutschistan ist wiederum nur eines von vielen Problemen, mit denen Pakistan zu tun hat. Die Inflation ist hoch, Preise für Lebensmittel und Energie steigen rasant. Im kalten Winter fehlt es jetzt an Gas, Menschen erfrieren. Korruption ist seit Jahren weit verbreitet und hat unter der jetzigen Regierung zugenommen.

Für Montag hat ein bislang eher unbekannter Geistlicher deshalb eine Massenkundgebung gegen Korruption und Terror und für mehr Demokratie angekündigt. In der Hauptstadt Islamabad werden bis zu eine Million Menschen erwartet.

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