Bürgerkrieg in Syrien: Regime und Rebellen rüsten zur Entscheidungsschlacht

Von Ulrike Putz, Beirut

Regime und Rebellen bündeln ihre Kräfte für die Schlacht um Kusair. Die einen verbünden sich mit Hisbollah-Kämpfern, die anderen schicken Verstärkung aus dem ganzen Land. Den Grund dafür offenbart ein Blick auf die Landkarte: Der Ort liegt strategisch so günstig, dass ein Sieg dort den Krieg entscheiden kann.

"Kusair ist gefallen" - das hört man oft in diesen Tagen: Seit das syrische Regime am 19. Mai eine schwere Offensive gegen das Provinznest an der libanesischen Grenze gestartet hat, ist die Schlacht um die 30.000-Einwohner-Stadt schon oft für beendet erklärt worden. Doch ein ums andere Mal haben sich die Erfolgsmeldungen des Regimes in Damaskus letztlich als falsch entpuppt. Kusair kämpft. Noch immer.

Etwa 180 Rebellen sind dort in den vergangenen zwei Wochen gefallen. Wie viele Tote es auf Regimeseite gegeben hat, ist nicht bekannt. Interessanter ist aber eine andere Zahl: 105 Hisbollah-Kämpfer, die die Assad-Truppen unterstützen, sollen in Kusair umgekommen sein. Das geben selbst Webseiten an, die der "Partei Gottes" nahestehen. Das heißt, dass die Rebellen den Elitekämpfern der libanesischen Schiitenmiliz heftig zusetzen. Zum Vergleich: Im knapp einen Monat langen Krieg der Hisbollah mit Israel verlor die Partei laut eigenen Angaben im Jahr 2006 nur 250 Mann - und das, obwohl sie der schlagkräftigsten Armee der Region gegenüberstand.

Um zu verstehen, warum die Hisbollah dem syrischen Regime in Kusair zu Hilfe geeilt ist und warum der Ort so heiß umkämpft ist, muss man einen Blick auf die Landkarte werfen. Die strategische Bedeutung Kusairs wird sofort klar: Solange die Rebellen die Stadt halten, haben sie zwei Autobahnen in ihrem Operationsfeld. Da ist einerseits die M5, die Damaskus mit Homs, Hama und im Norden Aleppo verbindet. Die M1 andererseits führt an die Küste, wo viele Angehörige der alawitischen Religionsgemeinschaft leben, der auch Präsident Baschar al-Assad angehört.

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Beide Straßen sind für das Regime immens wichtig. Über die M5 will es Nachschub und Truppen in den Norden bringen und so die Wende im Kampf um Aleppo herbeiführen. Die M1 hingegen verbindet Damaskus mit dem Mittelmeerhafen Tartus. Hier landet russisches und iranisches Kriegsgerät für Assad an, das an die Kriegsschauplätze im Landesinneren verteilt werden soll. Außerdem wird die M1 als Fluchtroute für alle Fälle gebraucht: Sollte das Regime in Damaskus entgegen aller Erwartungen doch in Bedrängnis geraten, könnten sich seine Köpfe über die M5 und dann die M1 an die Küste absetzen und dort einen Rumpfstaat verteidigen: Es ist seine geografische Lage, die Kusair zu einem der bislang wichtigsten Schlachtfelder dieses Krieges macht.

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Aufstand gegen Assad: Syriens langer Krieg
Kusair ist eine der Städte im Westen Syriens, die sich schon früh dem Aufstand angeschlossen haben. Die Rebellen hatten deshalb gut zwei Jahre Zeit, sich im Ort und den umliegenden Dörfern zu verschanzen. Die Waffenarsenale der Einheiten der Freien Syrischen Armee (FSA) sind bestens gefüllt. Nachschub kam bis vor der Offensive verlässlich über die nur 15 Kilometer südwestliche gelegene grüne Grenze mit dem Libanon.

Fehlgeleiteter Raketenangriff syrischer Truppen traf Hisbollah-Einheit

Was in Kusair wirklich geschah und geschieht, lässt sich aus der Ferne nicht sicher beurteilen. Doch Berichte von Quellen auf beiden Seiten geben folgendes Bild ab: Bei ihrem Angriff auf die Stadt setzte die syrische Armee mit etwa tausend Hisbollah-Kämpfern auf eine klassische Taktik. Zuerst bombardierten sie am Ortsrand gelegene Stadtviertel aus der Luft, dann rückten Bodentruppen vor. "Wir haben sie dicht an uns herankommen lassen, so dass ihre Artillerie den Beschuss einstellen musste", sagte ein als Raed bekannter Offizier der Maghawir Brigade der FSA in Kusair telefonisch SPIEGEL ONLINE.

Einmal in der Stadt, stießen die Stoßtrupps des Regimes auf heftigen Widerstand. Die Rebellen empfingen die Männer mit Sprengfallen und Minenfeldern und bremsten ihren Vormarsch, indem sie sie in Häuserkämpfe verwickelten. Die syrische Armee, die sich auf Wehrpflichtige stützen muss, soll heillos überfordert gewesen sein. Die Hisbollah-Kämpfer hadern Berichten zufolge mit einer für sie ungewohnten Situation: Bei ihren Auseinandersetzungen mit Israel haben sie im Südlibanon Heimvorteil und werden von einer sympathisierenden Bevölkerung gestützt. In Kusair hingegen sehen die verbliebenen Einwohner sie als ausländische Besatzer an.

Zudem hat die Hisbollah Probleme mit ihren Verbündeten: Die syrische Armee tauge nichts, beklagte sich ein hochrangiger Hisbollah-Offizier im Libanon. Er bestätigte SPIEGEL ONLINE, dass ein fehlgeleiteter Raketenangriff syrischer Truppen eine Hisbollah-Einheit getroffen habe. Mehrere Libanesen seien dabei umgekommen. Hisbollah-Männer hätten daraufhin erbost das Kommando in Kusair übernommen.

Doch trotz dieser Probleme und der erbitterten Gegenwehr der Rebellen rücken die von Luftwaffe und Artillerie unterstützen Angreifer langsam, aber sicher vor. Die Gefechte konzentrieren sich derzeit auf den von Rebellen gehaltenen Norden und Westen der Stadt, der Süden und der Osten sind seit längerem in der Hand des Regimes. Am Mittwoch eroberten Regimesoldaten den nordöstlich von Kusair gelegene Militärflughafen al-Dabaa und schnitten dadurch eine Rückzugroute der FSA-Truppen ab. Am Donnerstag marschierten sie in Arschun im Nordwesten der Stadt ein.

Die FSA-Führung hat nun beschlossen, alle zu entbehrenden Einheiten aus anderen Gebieten in Syrien abzuziehen und als Verstärkung nach Kusair zu schicken. In den vergangenen Tagen sollen nach Rebellenangaben 1700 Kämpfer in der Stadt eingetroffen sein. Die Aufständischen in Kusair haben sich auf einen langen Stellungskrieg eingerichtet. Ein Abu Islam genannter Aktivist in Kusair sagte SPIEGEL ONLINE, die Rebellen könnten ein Jahr Belagerung aushalten. "Bislang sind die Regimetruppen nicht weiter als einen Kilometer in die Stadt eingedrungen - und weiter werden sie nie kommen", so der Aktivist.

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insgesamt 287 Beiträge
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1.
Battlemonk 30.05.2013
Vor wenigen jahren unter assad lebten christen juden und muslime in syrien friedlich nebeneinander. die menschen waren nicht reich hatten jedoch alles was sie zum überleben brauchten. heute ist syrien die hölle auf erden menschen verhungern und sterben an krankheiten für die es früher medizinsiche versorgung gab. Selbst krankenhäuser und heiligtümer sind nicht vor den rebellen sicher, doch sie schänden nicht nur kirchen sondern auch moscheen. die rebellen sind der feind des friedens egal welcher religion man angehört
2.
Trollvottel 30.05.2013
Die grosse Schlacht ist schon gelaufen. Syria Latest 26 May 2013 : 85% of Al Qaeda / FSA Terrorists killed by Syrian Soldiers - YouTube (http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=wXDcPpDg8As)
3. SAA vor wichtigem Sieg
robert.haube 30.05.2013
Den sehr kenntnisreichen Artikel von Frau Pütz kann man aktuell ergänzen: Laut sana und alalam hat die syrische Armee den Einschließungsring komplett geschlossen. Verstärkung aus Richtung Aleppo-Homs wurde und wird weit außerhalb abgefangen und bekämpft. Die Stadt Kuseir selbst sei militärtechnisch in 16 Quadrate eingeteilt worden, von denen mittlerweile 12 erobert worden seien. Einige Tage würde es schon noch dauern, bis alle Rebellen-Nester "ausgeräuchert" seien.
4. Bescheidene Frage:Für was war der Krieg jetzt eigentlich gut?
Vanagas 30.05.2013
Zitat von sysopRegime und Rebellen bündeln ihre Kräfte für die Schlacht um Kusair. Die einen verbünden sich mit Hisbollah-Kämpfern, die anderen schicken Verstärkung aus dem ganzen Land. Den Grund dafür offenbart ein Blick auf die Landkarte: Der Ort liegt strategisch so günstig, dass ein Sieg dort den Krieg entscheiden kann. Schlacht um Kusair: Schwere Verluste auf allen Seiten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/schlacht-um-kusair-schwere-verluste-auf-allen-seiten-a-902842.html)
Eine bescheidene + simple Frage an beide Kriegsparteien : Für was war der Krieg jetzt eigentlich gut ?
5.
kanario 30.05.2013
Zitat von sysopRegime und Rebellen bündeln ihre Kräfte für die Schlacht um Kusair. Die einen verbünden sich mit Hisbollah-Kämpfern, die anderen schicken Verstärkung aus dem ganzen Land. Den Grund dafür offenbart ein Blick auf die Landkarte: Der Ort liegt strategisch so günstig, dass ein Sieg dort den Krieg entscheiden kann. Schlacht um Kusair: Schwere Verluste auf allen Seiten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/schlacht-um-kusair-schwere-verluste-auf-allen-seiten-a-902842.html)
Auch wenn es nicht ganz zum Thema passt eine interessante Meldung: Turkey arrests extremists with sarin gas for Syria (http://english.ruvr.ru/news/2013_05_30/Turkey-arrests-extremists-with-sarin-gas-for-Syria-media-0554/)
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