Zorn in Ägypten über Schmähvideo: Doppeltes Spiel der Muslimbrüder
Ägyptens Muslimbrüder spielen bei den Protesten gegen das antiislamische Schmähvideo eine unrühmliche Rolle: Nach innen tun sie wenig, um den Volkszorn zu besänftigen. Nach außen biedert sich die Regierungspartei bei internationalen Beobachtern an. Doch das doppelte Spiel geht nicht auf.
Die ägyptische Muslimbruderschaft hat in letzter Minute ihren Aufruf zu Protesten gegen das Schmähvideo gegen den Propheten Mohammed zurückgerufen. In einem Tweet teilte sie mit: "Die Muslimbruderschaft sagt die landesweiten Proteste für diesen Freitag ab und kündigt an, dass sie lediglich auf dem Tahrir-Platz anwesend sein wird für einen symbolischen Protest gegen den Film."
Es sollte wohl ungefähr so viel heißen wie: Wir wollen gar nicht groß demonstrieren, nur ein wenig. Der halbherzige Rückruf in letzter Minute hat aber offenbar nicht dazu beigetragen, die aufgebrachten Ägypter zu beruhigen. Viele hatten sich bereits am Freitagmittag in Kairo versammelt. Am Ende protestierten erneut Zehntausende wütende Muslime gegen den Film. Vor der US-Botschaft in Kairo versammelten sich Randalierer, die Steine auf die Polizei schleuderten. Laut Augenzeugen warfen die Polizeibeamten die Steine zurück und vertrieben die Protestierenden mit Tränengas.
In der Stadt al-Arisch im Norden der Sinai-Halbinsel formierten sich nach dem Freitagsgebet drei verschiedene Demonstrationszüge. In einem von ihnen marschierten schwarz gekleidete Männer mit. Sie riefen: "Obama, du Feigling, die Armee von Osama Bin Laden ist überall." Das berichtete ein dpa-Reporter vor Ort.
Ohne Zwischenfälle verliefen die von den Muslimbrüdern organisierten Proteste vor den Moscheen des Landes. Dabei waren Slogans wie "Das Volk sagt, nur den Propheten darf man nicht antasten" und "Wir opfern uns alle für dich, oh Prophet". Einige Demonstranten forderten die Ausweisung der US-Botschafterin, weil der im Internet veröffentlichte Film in den USA produziert worden war.
Widersprüchliches Verhalten der Muslimbrüder
Das widersprüchliche Verhalten der Muslimbruderschaft offenbart die schwierige Situation, in der sich die Islamisten befinden: Einerseits müssen sie sich vor ihrer Basis beweisen. Viele Ägypter sind in Aufruhr, nachdem auch das ägyptische Staatsfernsehen gegen das Schmähvideo mobil macht. Viele Ägypter erwarten ein Signal von den Muslimbrüdern, dass sie derartige Attacken gegen den Islam nicht dulden. Andererseits stellen die Muslimbrüder einen Teil der Regierung und sind damit realpolitischen Interessen unterworfen: Für Ägypten ist es gefährlich, den wichtigen amerikanischen Verbündeten zu verärgern. Die USA verhandeln mit Kairo derzeit über den Erlass von einer Milliarde Dollar Schulden und über neue Kredite, die das klamme Land dringend benötigt.
Zudem bekommt das ägyptische Militär regelmäßig großzügige Schecks aus Washington. Dementsprechend wütend dürfte Washington über die Aufrufe der ägyptischen Muslimbruderschaft zu neuen Protesten gewesen sein, nachdem bei solchen am Dienstag ein Mob die US-Botschaft in Kairo attackierte und deren Sternenbanner gegen eine salafistische Flagge austauschte.
Mursi ringt sich zu ein paar Worten des Bedauerns durch
US-Präsident Barack Obama rief am Donnerstagabend seinen ägyptischen Amtskollegen Mohammed Mursi an, um ihm klarzumachen, dass er dabei sei, die guten Beziehungen zu Washington aufs Spiel zu setzen. Obama soll sich, so berichtet die "New York Times", über mangelnde Anteilnahme und Kooperation beklagt haben. Schließlich fand der ägyptische Islamist, der zurzeit auf Europareise ist, doch noch ein paar Worte des Bedauerns. Er verurteilte die tödliche Attacke auf das US-Konsulat im libyschen Bengasi und versprach, die US-Botschaft in Kairo zu schützen.
Das Schwanken der ägyptischen Muslimbruderschaft zwischen Populismus fürs heimische Publikum und Realpolitik spiegelte sich am Donnerstag auch auf Twitter wider: Auf Arabisch rief die Muslimbruderschaft weiterhin zu Protesten auf. Unterdessen twitterte sie auf Englisch in Richtung des internationalen Publikums: "Wir sind erleichtert, dass niemand aus der amerikanischen Botschaft von Kairo verletzt wurde, und hoffen, dass die amerikanisch-ägyptischen Beziehungen die Turbulenzen der Ereignisse vom Dienstag aushalten."
Die US-Botschaft in Kairo twitterte zurück: "Danke. Übrigens, habt ihr eure eigenen Arabischen Feeds gelesen? Ich hoffe, ihr wisst: Die lesen wir auch."
Mit Material von dpa
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Freitag, 14.09.2012 – 18:04 Uhr
- Drucken Versenden
- Nutzungsrechte Feedback
- Kommentieren | 12 Kommentare
Fläche: 1.002.000 km²
Bevölkerung: 81,121 Mio.
Hauptstadt: Kairo
Staatsoberhaupt:
Mohammed Mursi
Regierungschef: Hischam Kandil
Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Ägypten-Reiseseite
- Fotostrecke: Protest und Randale in Ägypten
- Unruhen in arabischen Ländern: Wer steckt hinter dem Mohammed-Film? (13.09.2012)
- Ägyptischer Präsident: Mursi verurteilt Attacken gegen US-Botschaften (13.09.2012)
- Ägyptens neuer Präsident Mursi: Staatschef ohne Macht (25.06.2012)
- Ägyptens neuer Präsident: Muslimbruder Mursi sucht Allianz mit Iran (25.06.2012)
MEHR AUS DEM RESSORT POLITIK
-
Abgeordnete
Bundestagsradar: Alle Fakten, alle Abstimmungen, alles Wissenswerte -
Regierung
Schwarz-gelbe Koalition: Das ist Merkels Kabinett -
Umfragen
"Sonntagsfrage": Der aktuelle Trend anhand von Umfragen -
Nachgefragt
Abgeordnetenwatch auf SPIEGEL ONLINE: Ihr direkter Draht in die Politik -
Rundgang
Kanzleramt, Bundestag, Ministerien: Das ist das politische Berlin






Möchten Sie ein anderes Land erkunden?