Schmuggel aus Libyen Al-Qaida greift nach Gaddafis Waffen

Experten warnen seit Wochen, nun scheint der Ernstfall eingetreten: Waffen aus geplünderten libyschen Depots sind womöglich bei Qaida-Gruppen in Mali gelandet. Schmuggler sollen den Terroristen auch Luftabwehrraketen gebracht haben - sie eignen sich zum Abschuss von Kampf- und Passagierjets.

Von , Yassin Musharbash und Ulrike Putz

AP

Seit dem Ausbruch der libyschen Revolution Mitte Februar hatten internationale Waffenexperten dringlich davor gewarnt: Angesichts der Plünderung von in Rebellenhand gefallene Kasernen und Waffendepots der libyschen Armee bestehe die Gefahr, dass auch komplexe Waffensysteme auf den Schwarzmarkt und dadurch in die Hand von Terroristen gelangen könnten. Dies scheint sich nun bewahrheitet zu haben: Vor einigen Tagen sei ein Konvoi von acht mit Waffen beladenen Kleinlastern aus Ost-Libyen über den Tschad und Niger nach Nord-Mali gefahren, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf eine Quelle in algerischen Sicherheitskreisen. Dort seien die Waffen mit höchster Wahrscheinlichkeit in die Hände islamistischer Terrorgruppen geraten.

Es sei undenkbar, dass die Vertreter der nordafrikanischen Qaida-Gruppe AQIM (al-Qaida im Maghreb) in Mali "diese Gelegenheit nicht genutzt haben", so der algerische Beamte. Die Gruppe verfüge über exzellente Verbindungen zu den örtlichen Schmugglern. Diese überquerten nach Belieben die südlibysche Grenze. Laut dem Informanten soll AQIM bei den Schmugglern regelrechte Bestellungen von Waffen aus geplünderten libyschen Kasernen und Waffenlagern aufgegeben haben. "Und wir wissen, dass das nicht der erste Konvoi ist und die Sache weitergeht", sagte der Beamte.

Unter der gefährlichen Fracht der Pick-Ups seien unter anderem panzerbrechende Granaten, schwere Maschinengewehre, Sturmgewehre, Sprengstoff und Munition gewesen, hieß es. Doch auch russische Flugabwehrraketen des Typs "Strela-2" (Nato-Bezeichnung: SA-7 "Grail") seien auf den Lastern geortet worden: Experten warnen bereits seit Jahren davor, dass Terroristen versuchen könnten, mit tragbaren Flugabwehrraketen Militärflugzeuge und Passagiermaschinen vom Himmel zu holen. In Libyen wären in den kommenden Wochen und Monaten in erster Linie die Transportflugzeuge und Hubschrauber der Alliierten durch mobile Raketen bedroht - denn sie sind vor allem für langsam und niedrig fliegende Flugzeuge eine Gefahr.

Wie tödlich die "Strela-2" sein kann, zeigt auch in Blick ins Geschichtsbuch: In der Endphase des Vietnamkriegs etwa soll sie von 1972 bis 1975 knapp 600 Mal gegen US-Flugzeuge eingesetzt worden sein und 204 Mal getroffen haben. Eine ähnliche Quote ist aus dem Nahen Osten überliefert: Die ägyptische Armee soll mit 99 Raketen 36 Treffer gegen israelische Flugzeuge gelandet haben.

Libyen wurde vom russischen Waffenhersteller beliefert

Im ersten Golfkrieg gelang es einem irakischen Soldaten, mit einer "Strela-2" ein US-Kampfflugzeug vom Typ AC-130H "Spectre" abzuschießen. Alle 14 Besatzungsmitglieder kamen ums Leben. Die "Spectre" ist gut mit einem Passagierjet bei Start oder Landung zu vergleichen: Sie ist ähnlich groß und fliegt tief und langsam. Allerdings besitzt die "Spectre" im Unterschied zu zivilen Flugzeugen Schutzmaßnahmen gegen Flugabwehrraketen, darunter Hitzetäuschkörper. Doch selbst die konnten die im Januar 1991 abgeschossen Maschine nicht schützen.

Im November 2002 dann wurde eine Boeing 757 der israelischen Arkia Airlines mit 271 Passagieren an Bord über der kenianischen Hafenstadt Mombasa beschossen. Die beiden "Strela-2" verfehlten ihr Ziel nur um wenige Meter. Der Anschlag wurde später al-Qaida zugeschrieben.

Als noch gefährlicher als die "Strela" gilt die russische "Igla-S", von der Nato als SA-24 "Grinch" bezeichnet. Ende März entdeckte ein Experte die auf einem Lkw montierte Rakete auf Bildern des US-Nachrichtensenders CNN aus Libyen. Tagelang wurde gerätselt, wie die hochmodernen Waffen in das Arsenal von Diktator Muammar al-Gaddafi gelangen konnten. Ende März bestätigte dann der russische Hersteller KBM die Lieferung von "Igla-S" in das nordafrikanische Land. Ein Sprecher spielte die Gefahr allerdings herunter: Die Raketen könnten lediglich auf Lkw montiert werden. Um die "Igla-S" von der Schulter abzufeuern, sei ein anderer Auslösemechanismus notwendig - und der sei nicht nach Libyen gelangt.

Die USA machen die Rebellen auf die Gefahr aufmerksam

Die "Igla-S" soll Flugzeuge aus einer Entfernung von sechs Kilometern angreifen und in einer Flughöhe von bis zu 3500 Metern treffen können. Ihr Ziel findet die mehr als 2000 km/h schnelle Rakete mit einem Infrarot-Wärmesensor und per Bilderkennung. Unklar ist, wie viele "Igla-S" Libyen in seinen Arsenalen hat. Auch ist ungeklärt, ob wie die "Strela-2" auch die "Igla-S" aus den Depots der Militärs in die Hände von Rebellen und weiter in die von Terroristen gelangt ist.

Das US-Außenministerium reagierte besorgt auf den Bericht, algerische Sicherheitskreise hätten libysche Waffen in Mali geortet. Die USA hätten die Rebellen in Ostlibyen auf das Problem aufmerksam gemacht, sagte Außenamtssprecher Mark Toner am Montag. "Wir haben unsere Sorgen sehr deutlich gemacht, und sie haben versprochen, sich darum zu kümmern."

In Algerien haben die jüngsten Ereignisse im Nachbarland größte Sorge ausgelöst, dass Libyen zur neuen Terroristenhochburg in Nordafrika werden könnte. "Es ist sehr leicht, Libyen in ein neues Somalia zu verwandeln", schrieb Samer Riad, Redakteur bei der algerischen "El-Khabar" Zeitung. Die in Libyen kämpfende Koalition müsse die Aktivitäten von AQIM in Libyen genauestens beobachten.

Erste Qaida-Führer nach Libyen eingesickert

Einige Nordafrika-Experten warnen jedoch vor Hysterie: Es sei zumindest vorstellbar, dass Algerien aus eigenem Interesse heraus die Gefahren in Nordafrika übertreibe, so der Nordafrika-Experte Andrew Lebovich in einem aktuellen Blog-Eintrag. Algerien kämpft seit fast zwei Jahrzehnten gegen radikale Islamisten. Die Sicherheitskräfte des Landes überwachen auch die Aktivitäten extremistischer Muslime außerhalb Algeriens.

Libyen ist für al-Qaida aus mehreren Gründen interessant: Angesichts der chaotischen Verhältnisse dort ist es ein ideales Operationsgebiet für Terrorgruppen. Zudem floriert der Schwarzmarkt mit Waffen, und Libyen kann als strategisches Sprungbrett für Operationen in Ägypten dienen. Es ist deshalb naheliegend, dass al-Qaida versuchen wird, sich in Libyen festzusetzen.

Bislang hatte AQIM nicht in Libyen operiert. Zwar tauchten immer wieder libysche Dschihadisten an Kriegsschauplätzen in Irak oder Afghanistan auf. Doch habe al-Qaida "wenige, wenn überhaupt" aktive Kader in Gaddafis Reich, so der Londoner Analyst und Ex-Dschihadist Noman Benothman in einem aktuellen Papier. Dies könnte sich ändern: Am 15. Januar, so Benothman, seien erstmals zwei AQIM-Führer von Mali aus nach Libyen eingesickert, um die Situation auszukundschaften. Jetzt, wo Gaddafi so gut wie aus dem Weg geräumt sei, werde die die Qaida-Zentrale versuchen, eine libysche Dependance zu errichten, schreibt Benothman. So wolle al-Qaida sich durch die Hintertür den Zugang nach Ägypten erschließen.

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Seite 1
Michael KaiRo 05.04.2011
1. Ein Witz?
Zitat von sysopExperten warnen seit Wochen, nun scheint der Ernstfall eingetreten: Waffen aus geplünderten libyschen Depots sind*womöglich*bei al-Qaida-Gruppen in Mali gelandet. Schmuggler sollen den Terroristen auch Luftabwehrraketen gebracht haben - sie eignen sich zum Abschuss von*Kampf- und Passagierjets. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,755201,00.html
Soll das jetzt ein Witz sein? Diese sagenumwobene "al-Qaida" soll bisher keine Luftabwehrraketen besessen haben? Oder dient solch ein Beitrag dazu, den nächsten CIA-Terrorplot vorzubereiten? Mannomann, wer glaubt eigentlich noch an dieses "al-Qaida"-Märchen? Außer Kindern, denen die Eltern diese Mär erzählen, damit sie später was vernünftiges lernen, z.B. um Spion zu werden.
Core Dump, 05.04.2011
2. Was?
Zitat von Michael KaiRoSoll das jetzt ein Witz sein? Diese sagenumwobene "al-Qaida" soll bisher keine Luftabwehrraketen besessen haben? Oder dient solch ein Beitrag dazu, den nächsten CIA-Terrorplot vorzubereiten? Mannomann, wer glaubt eigentlich noch an dieses "al-Qaida"-Märchen? Außer Kindern, denen die Eltern diese Mär erzählen, damit sie später was vernünftiges lernen, z.B. um Spion zu werden.
Willst du etwa behaupten das du den Artikel nicht gelesen hast? Laut Artikel wurde in der Vergangenheit bereits ein israel. Passagierflugzeug beschossen, die deiner Meinung nach "sagenumwobene" Terrororganisation hat also offensichtlich schon in der Vergangenheit ueber solche Waffen verfuegt.
cucco 05.04.2011
3. Abenteuer in Afrika ..
Zitat von Michael KaiRoSoll das jetzt ein Witz sein? Diese sagenumwobene "al-Qaida" soll bisher keine Luftabwehrraketen besessen haben? Oder dient solch ein Beitrag dazu, den nächsten CIA-Terrorplot vorzubereiten? Mannomann, wer glaubt eigentlich noch an dieses "al-Qaida"-Märchen? Außer Kindern, denen die Eltern diese Mär erzählen, damit sie später was vernünftiges lernen, z.B. um Spion zu werden.
..und natürlich im Namen der Menschenrechte werden regelmässig zum Alptraum. Solange das Wunschdenken der USA ( sprich Realitätsferne aus Ignoranz) stärker ist als die Umsicht, münden die Träumereien der USA in Katastrophen. Dabei ist es egal, wie man die Terrorgruppen nennt. wie die Anschläge zeigen.
sukowsky, 05.04.2011
4. Wenm wundert es!
Wenm wundert es! Man hat in Libyen das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Was Nun Herr Obama .... Herr Sarkozy und andere?
Rodri 05.04.2011
5. ...
Danke, Sarkozy und Obama, für ein zweites Somalia vor unserer Haustür... man sind die beiden Präsidenten dämlich...
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