Schnulzenpoet Berlusconi Dem Cavaliere laufen die Frauen davon

"Jetzt suche ich dich, und du bist nicht da." Silvio Berlusconi leidet. Auf CD lässt er das Volk nun teilhaben an seinem Schmerz. Wer den italienischen Premier und Schnulzentexter um den Schlaf bringt, ist offensichtlich: die Frauen. In so mancher Hinsicht.

Von Dominik Baur


Der Premier und sein Barde: Berlusconi (r.) mit Mariano Apicella
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Der Premier und sein Barde: Berlusconi (r.) mit Mariano Apicella

Hamburg - Wenn Silvio Berlusconi nicht schlafen kann, dichtet er gerne. Zeilen zu neapolitanischen Liebesliedern textet der Ministerpräsident und Medienmogul dann. Mit viel Herz und noch mehr Schmerz. Um Liebe, Treue und vor allem Eifersucht geht es in den Texten des leidenschaftlichen Klavierspielers und Amateur-Songwriters.

"Ohne Dich, ohne Dich ist der Tag leer", heißt es da. Oder: "Ich rufe Dich, aber Du antwortest nicht". Und: "Ich bitte dich, aber Du willst nicht". Es trieft. Beim Dichten gehen mit dem Cavaliere, wie die Italiener ihren Premier gern nennen, die Gefühle durch - und bekanntlich nicht nur da.

Seit ein paar Tagen gibt es den italienischen Premier auch auf CD. Auf der Scheibe "Meglio una Canzone" ("Besser ein Lied") trällert Berlusconis Hausbarde Mariano Apicella die Texte seines Chefs. Ihn hatte Berlusconi einst in einem Nobelhotel in Neapel getroffen. Der Schnulzensänger ist jedoch kein Eros Ramazotti. Und auch kein Adriano Celentano. Apicellas Job war es, die Hotelgäste im Restaurant mit seiner Gitarre an den Tisch zu geleiten.

Der Premier, der selbst in jungen Jahren sein Brot als Sänger und Conferencier auf Kreuzfahrtschiffen verdiente, war dennoch begeistert. Er nahm den Tischsänger umgehend unter Vertrag. Wenn dem reichsten und mächtigsten Manne Italiens seither der Sinn nach musikalischer Ablenkung steht, muss Apicella sofort alles stehen und liegen lassen und mit seiner Gitarre in den Palazzo Chigi oder eine der vielen Villen des Premiers eilen.

"Meglio una canzone": Seit ein paar Tagen gehen Berlusconis Schnulzen über den Ladentisch
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"Meglio una canzone": Seit ein paar Tagen gehen Berlusconis Schnulzen über den Ladentisch

Und jetzt also das Gemeinschaftsprojekt der ungleichen Freunde, die CD. Seit ein paar Tagen ist sie im Handel. Auf dem Cover lustwandelt ein verliebtes Pärchen einem verträumten Sonnenuntergang entgegen. Die Texte handeln zwar auch von Liebe, sind jedoch weit weniger heiter. Von Einsamkeit ist in den 14 Liedern die Rede, von unerwiderter Liebe. Und vom Betrogenwerden. Da fühlt sich einer verlassen. Von einer Frau. Von einer?

Jenseits aller Schnulzen: Silvio Berlusconi hat in der Tat seit einiger Zeit ein Problem mit Frauen. Nein, nicht weil er die 16-jährige Reyyan Uzuner, die Tochter des türkischen Premier, bei ihrer Hochzeit mit einem ungehörigen Handkuss völlig verstörte.

Auch nicht weil Alessandra Mussolini, die Enkelin des Duce, ihrem Regierungschef neuerdings immer öfter die kalte Schulter zeigt, indem sie bei gesellschaftspolitischen Themen ins Lager des Gegners wechselt und ihren Regierungschef massiv angeht, weil er ihren Großvater mit Saddam verglichen habe. Dabei hatte Berlusconi nur angemerkt, Mussolinis Faschismus sei eine "gutartigere Diktatur" als diejenige des irakischen Despoten gewesen.

Frauen brachten Berlusconi an die Macht

Nein, das Frauenproblem des 67-Jährigen liegt woanders. Der Premier fühlt sich von den italienischen Frauen insgesamt im Stich gelassen. "Betrogen von den Frauen", lautet jetzt die Schlagzeile des "Espresso", einer der wenigen nicht von Berlusconi kontrollierten Zeitschriften im Lande. Das Magazin veröffentlichte eine Umfrage, wonach nur noch 43 Prozent der Frauen für Berlusconis Regierungsbündnis Casa delle libertà ("Haus der Freiheiten") stimmen würden; seine eigene Partei Forza Italia käme bei der weiblichen Hälfte des Wählervolks sogar nur noch auf 27 Prozent, gerade einmal auf drei Prozent mehr als die Postkommunisten.

"Ich habe Angst, ohne Dich zurückzubleiben": Berlusconi-Gattin Veronica Lario (Archivfoto von 1994)
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"Ich habe Angst, ohne Dich zurückzubleiben": Berlusconi-Gattin Veronica Lario (Archivfoto von 1994)

Vor zweieinhalb Jahren, als Berlusconi bei den Wahlen antrat, lief noch alles so gut. Die Chemie stimmte zwischen Silvio und den Frauen. Die Italienerinnen schwärmten für den umstrittenen Kandidaten. "Was glauben Sie, wie viele Frauen auf dieser Welt mit mir ins Bett gehen wollten, und ich weiß leider nichts davon?", fragte der immergrinsende Verführer einmal eine Reporterin - und wies gleich noch darauf hin, dass er laut seinem Arzt den Körper eines 40-Jährigen besitze.

Die Charme-Offensive zahlte sich für den Mailänder Milliardär aus. Als wahlentscheidend galten die weiblichen Wähler damals. Vor allem die Hausfrauen hätten Berlusconi ins Amt gehoben, urteilten die Wahlexperten und stellten eine direkte Proportionalität zwischen dem Konsum der besonders bei den Hausfrauen beliebten Berlusconi-Sender und der Wahlentscheidung für Berlusconi fest. Während Forza Italia 31 Prozent der Gesamtstimmen erhielt, konnte die Partei bei den Frauen mit 36 Prozent punkten.

"Wo bist du, meine große Liebe?"

Seit über einem Jahr fällt die Beliebtheit des Regierungschefs kontinuierlich. Nur noch 28 Prozent der Italiener geben an, viel oder sehr viel Vertrauen in ihn zu haben. Besonders verübeln sie dem Cavaliere, dass er keine Ordnung in sein zerstrittenes Kabinett bringt. Ständige Querelen lähmen die Politik in der römischen Koalition. Auf die Erfüllung von Wahlversprechen wie "Meno tassi per tutti" ("Weniger Steuern für alle") warten die Italiener bislang vergeblich. Auch die Kriminalität konnte die Berlusconi-Regierung nicht wie versprochen senken.

Unerwiderte Liebe: Einsamer Premier Berlusconi
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Unerwiderte Liebe: Einsamer Premier Berlusconi

Freilich gibt es keine Hinweise darauf, dass es sich Berlusconi mit spezifischen Politikinhalten in besonderem Maße mit den Italienerinnen verscherzt hat, aber ganz offensichtlich zieht der Charme des Premiers auch bei seinen weiblichen Ex-Fans nicht mehr.

"Aber wo bist du, meine große Liebe?" fragt Berlusconi in einem seiner Songs. "So viele Fehler du gemacht hast, so viele habe auch ich gemacht. Ich weiß, ich bin nie so gewesen, wie du mich wolltest. Jetzt suche ich dich, und du bist nicht da, und ich finde dich nur noch in meinen Gedanken - meine Schuld." Den ihn verschmähenden Wählerinnen galten diese Worte in Wirklichkeit wohl nicht. Darüber, wer die eigentliche Adressatin der Lieder ist, herrscht bei italienischen Medien jedoch kaum Zweifel: Veronica Lario alias Veronica Berlusconi.

Dafür, dass es mit der eigenen Ehefrau nicht mehr ganz so gut klappt, gibt es genügend Anzeichen. Seit seiner Amtsübernahme ließ sich Veronica Berlusconi kaum mehr an der Seite ihres Gatten sehen. Empfängt der Premier beispielsweise George und Laura Bush, so muss er dies ohne weibliche Begleitung tun. Ihren Gatten sehe sie kaum, bekundet die Signora, allenfalls hin und wieder im Fernsehen.

Affäre mit einem Linken?

Sie selbst sieht man in der Öffentlichkeit eigentlich nur bei ihren regelmäßigen Theaterbesuchen. Bei diesen Gelegenheiten gelingt es italienischen Reportern jedoch seit einiger Zeit immer öfter, ein paar Worte mit der Gattin des Premier zu wechseln. Dann lässt sie durchaus auch mal Sympathie für die Grünen erkennen oder für Satiren, die ihren Mann aufs Korn nehmen.

Im vergangenen Jahr sprach man gar von einer außerehelichen Affäre. Und als ob das nicht an sich schon genug wäre: ausgerechnet eine Liaison mit einem Linken unterstellte man Frau Berlusconi. Im Verdacht stand der Philosoph und ehemalige Bürgermeister von Venedig, Massimo Cacciari. Der Premier heizte die Gerüchte damals sogar noch an. Bei einem Auftritt mit dem dänischen Ministerpräsidenten Anders Fogh Rasmussen scherzte Berlusconi mit dem ihm eigenen, aber nicht für jedermann verständlichen Humor: "Rasmussen ist der schönste Premierminister Europas; ich müsste ihn wohl mit meiner Ehefrau bekannt machen, denn er ist viel schöner als Cacciari."

Der Ministerpräsident hat es also nicht leicht. In seinem Nebenberuf als Schnulzentexter kann Silvio Berlusconi jetzt zumindest seinen Schmerz in die Welt hinausrufen: "Ich habe Angst, ohne Dich zurückzubleiben. Verlass mich nie, bleib hier bei mir, lass mich nicht allein, ich brauche dich."



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