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Amoklauf in Afghanistan: Was geschah wirklich in Najib Yan?

Von und Shoib Najafizada, Islamabad und Kabul

In Südafghanistan wurden 16 Menschen getötet, das US-Militär präsentiert den Soldaten Robert Bales als einzigen Täter. Doch es gibt Gerüchte, wonach eine Gruppe amerikanischer Soldaten mordend das Dorf Najib Yan gezogen sei. Eine Spurensuche.

Afghanistan: Die Mordnacht von Najib Yan Fotos
REUTERS

Als Mullah Baran am frühen Sonntagmorgen zum Haus seines Bruders lief, fand er seine weinende Schwägerin mit sechs verängstigten Kindern vor. Sein Bruder, Mohammed Daud, lag auf dem Boden, mit einer Kugel im Kopf, getötet in der Nacht.

Daud ist einer von insgesamt 16 Menschen, die im Dorf Najib Yan in der afghanischen Provinz Kandahar am Sonntag, den 11. März, zwischen zwei und drei Uhr morgens umgebracht wurden. Unter den Opfern waren neun Kinder. Ein US-Unteroffizier mit psychischen Problemen war nach Angaben des US-Militärs der Schütze. Er habe seinen Stützpunkt in der Nacht verlassen, sei zu Fuß in das wenige Kilometer entfernte Dorf gelaufen und in drei Häuser eingedrungen. Dort habe er auf die Bewohner geschossen.

Ermittlungen ergaben später, dass einige Leichen von Kindern Brandspuren aufweisen. Der Täter, laut US-Militär der Staff Sergeant Robert Bales, habe versucht, sie anzuzünden. Der 38-Jährige sei nach der Tat zurück in den Stützpunkt gegangen und habe sich dort gestellt. Er wurde zunächst nach Kuwait und schließlich in die USA ausgeflogen. Die Armee begründete die Tat mit Ehe-, Geld- und Alkoholproblemen, Bales' Anwalt macht dessen Kriegserfahrung im Irak und in Afghanistan für den Amoklauf verantwortlich.

Doch seit dem Amoklauf gibt es Gerüchte, die Tat sei anders abgelaufen: Statt von einem Einzeltäter ist von einer Gruppe von mindestens 15 betrunkenen US-Soldaten die Rede, die mordend durch das Dorf gezogen sein sollen. Sie hätten sich lustig gemacht über die verängstigten Menschen und später die Leichen mit Chemikalien übergossen und angesteckt.

Durch Mundpropaganda werden Nachrichten oft dramatisiert

Überprüfen lassen sich weder die einen noch die anderen Angaben, die Region ist für Journalisten nicht ohne Gefahr für Leib und Leben zugänglich, eine unabhängige Berichterstattung nicht möglich. Auch Nachrichten afghanischer Medien sich wenig zuverlässig, da sie oft durch Mundpropaganda weitergegeben und auf dem Weg ausgeschmückt und dramatisiert werden.

Die Angaben von Mullah Baran stützen die Theorie, dass es mehrere Täter gegeben haben könnte. Seine Schwägerin habe ihm erzählt, dass sie mit ihrem Mann und den sechs Kindern in einem Zimmer geschlafen habe, als plötzlich amerikanische Soldaten in das Haus gestürmt seien. "Einer der US-Soldaten hielt meinen Mann an den Händen fest, während ein anderer, der noch in der Zimmertür stand, ihm in den Kopf schoss", zitiert Baran seine Schwägerin.

Baran sagte SPIEGEL ONLINE am Telefon, seine Schwägerin habe ihm den Vorfall so geschildert: "Sie sagte, sie hätten den Leichnam meines Bruders auf den Boden gelegt. Einer der Soldaten richtete seine Waffe auf den sechs Monate alten Sohn Hazratullah. Meine Schwägerin schrie ihn an: 'Ihr habt meinen Mann erschossen, aber was wollt ihr von meinem kleinen Kind?' Der andere Soldat trat dem fünfjährigen Nasibullah in den Magen, der Junge weinte und schrie. Dann ließen sie von der Familie ab und verschwanden."

"Eine Menge" Soldaten im Garten?

Die Frau behauptet, sie habe "eine Menge" US-Soldaten in ihrem Garten gesehen. Einige sollen sie angebrüllt haben. Sie habe sie nicht verstanden, aber den Eindruck gehabt, dass sie von ihr verlangten, zurück ins Haus zu gehen. "Sie zog sich also zurück, bis die Amerikaner verschwunden waren", sagt Baran. Als sie im Morgengrauen ins Freie getreten sei, habe sie Geräusche von Hubschraubern gehört.

Laut Baran erkannte die Familie anhand der Sprache, dass es sich bei den Eindringlingen um Amerikaner handelte. "Es ging alles ganz schnell, sie hatten keine Zeit sich zu wehren oder zu reagieren", so Baran.

Auch andere Dorfbewohner, so berichtet Baran, hätten längere Zeit Schüsse und Hubschrauber gehört, seien aber nicht nach draußen gegangen, weil die Taliban, die in der Region das Sagen haben, die Menschen aufgefordert hätten, nachts in ihren Häusern zu bleiben.

USA und Isaf halten an ihrer Einzeltätertheorie fest

Auch einige afghanische Parlamentarier gehen davon aus, dass "mehr als ein Dutzend Soldaten" an der Tat beteiligt waren. Das habe die Untersuchung einer Parlamentskommission ergeben, sagte der Abgeordnete Nahim Lalai Hamidsai am Wochenende. Demnach hätten alle befragten Zeugen von "15 bis 20" Uniformierten gesprochen. Für diese Theorie spreche auch, dass die betroffenen Häuser sehr weit auseinander liegen. Innerhalb der relativ kurzen Zeit hätte ein Einzeltäter nicht ein Massaker dieses Ausmaßes anrichten können.

Die US-Armee und die Isaf, die die Afghanen nach der Tat um Entschuldigung baten, halten an der Einzeltäter-Darstellung fest: der mutmaßliche Mörder sei Robert Bales. Der allerdings kann sich seinem Anwalt zufolge an die Tat nicht erinnern. "Er erinnert sich, was vor und nach der fraglichen Zeit passierte. Aber er erinnert sich nicht an die Zeit dazwischen", sagte John Henry Browne dem Sender CBS News, nachdem er seinen Mandanten erstmals im Militärgefängnis Fort Leavensworth in Kansas gesprochen hatte.

Viele Afghanen haben genug von dem US-geführten Einsatz und empfinden die Soldaten als Besatzer. Eine Gruppentat wäre für sie ein weiterer Beweis für die üblen Absichten der ausländischen Truppen. Für die US-Armee ist der Vorfall in jedem Fall verheerend. Noch schlimmer als ein verwirrter Einzeltäter wäre aber, wenn tatsächlich eine ganze Einheit mordend durch ein Dorf gezogen wäre.

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insgesamt 129 Beiträge
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1. Forensik und Fakten oder Gerüchte
aramcoy 20.03.2012
Es sollte doch anhand der Geschosse in den Leichen und an den Tatorten leicht nachweisbar sein, um wie viele Waffen es sich handelte, und ob die einer Person oder mehreren Personen zuzuordnen sind. Also ordentlich untersuchen (nach Möglichkeit von unabhängigen Ermittlern) und dann die Fakten auf den Tisch.
2. Nicht das este Mal...
mr_smith 20.03.2012
Zitat von sysopREUTERSIn Südafghanistan wurden 16 Menschen getötet, das US-Militär präsentiert den Soldaten Robert Bales als einzigen Täter. Doch in Najib Yan berichten Zeugen von einer ganzen Gruppe amerikanischer Soldaten, die mordend und brüllend durch das Dorf gezogen sein sollen. Eine Spurensuche. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,822421,00.html
Wäre ja nicht das erste Mal, dass die Amis ein Massaker verüben. Und die Beweislast muss ja erdrückend sein, dass SPON sogar sich gezwungen sieht darüber zu berichten.
3. Wo kämen wir denn da hin!
Duzend 20.03.2012
Zitat von sysopREUTERSIn Südafghanistan wurden 16 Menschen getötet, das US-Militär präsentiert den Soldaten Robert Bales als einzigen Täter. Doch in Najib Yan berichten Zeugen von einer ganzen Gruppe amerikanischer Soldaten, die mordend und brüllend durch das Dorf gezogen sein sollen. Eine Spurensuche. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,822421,00.html
Wenn in der Einflusssphähre der USA ein schweres Verbrechen geschieht und man danach mit rechtsstaatlichen Mitteln alles an seine Aufklärung setzen würde, wäre das so befremdlich? Ob die Häuser benachbart oder weit von einander entfernt sind, lässt sich in jedem Fall zweifelsfrei klären. Und die Afghanen, die Aussagen zum Tathergang machen, sind einfach nur Zeugen - vielleicht wenig glaubhafte. Das würde sich bei einer Vernehmung angesichts der Zeugen für die Gegendarstellungen ja dann herausstellen. Was uns dieser Vorfall vor Augen führt, ist ganz einfach die Macht der Gewohnheit, mit der wir bereits gar nicht mehr davon ausgehen und akzeptieren, dass die Amerikaner in ihren Verfahren keine Afghanen als Zeugen begfragen (oder nur solche, die sie vorher bearbeitet haben). Diese Nation, so grossartig sie ansonsten sein mag, ist in diesen und anderen Punkten ganz einfach eines nicht mehr: nachahmenswert.
4. erinnert..
dianipark 20.03.2012
Zitat von sysopREUTERSIn Südafghanistan wurden 16 Menschen getötet, das US-Militär präsentiert den Soldaten Robert Bales als einzigen Täter. Doch in Najib Yan berichten Zeugen von einer ganzen Gruppe amerikanischer Soldaten, die mordend und brüllend durch das Dorf gezogen sein sollen. Eine Spurensuche. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,822421,00.html
mich doch alles an vietnam. wenn werden die amerikaner jemals zur rechenschaft gezogen? und wieder haben die amis "glorreich" einen krieg verloren.
5. Ich weiss auch nicht was passiert ist,
PKE 20.03.2012
aber ich weiss, dass die Amis oft und gerne gelogen haben und bewusst die Öffentlichkeit in die Irre geführt haben.
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Fotostrecke
Afghanistan: Einzelhaft für den Amokläufer

Fläche: 652.864 km²

Bevölkerung: 26,023 Mio.

Hauptstadt: Kabul

Staatsoberhaupt:
Ashraf Ghani Ahmadsai

Regierungschef: Abdullah Abdullah

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