Unabhängigkeits-Wahlkampf Camerons riskanter Schotten-Poker

Nur noch zehn Tage bis zur Abstimmung, und die Mehrheit in Schottland will laut einer Umfrage die Unabhängigkeit. Doch David Cameron hält sich im Wahlkampf zurück - aus Angst, die Schotten zu verprellen. Die Strategie könnte ihn sein Land kosten.

AP

Von , London


Zehn Tage, um Großbritannien zu retten - mit diesem Schlachtruf geht die britische Politik in den Endspurt vor dem schottischen Referendum am 18. September. Nachdem sich in einer Umfrage am Sonntag erstmals eine Mehrheit der Schotten für die Unabhängigkeit ausgesprochen hat, sind die Engländer endlich aufgewacht. Es geht um das Überleben ihres Staates.

"In zehn Tagen könnten wir alle wie Zombies rumlaufen, auf beiden Seiten der schottischen Grenze", warnte Londons Bürgermeister Boris Johnson in seiner "Telegraph"-Kolumne. "Ein fundamentaler Teil unserer Identität wäre zerstört." Es sei höchste Zeit, sich für Großbritannien starkzumachen.

Ausgerechnet der britische Premierminister wird bei dieser letzten Kraftanstrengung jedoch eine untergeordnete Rolle spielen. Einen einzigen Auftritt plant David Cameron in Schottland vor der Abstimmung. Dabei war er am Wochenende sogar in Schottland, um die Queen auf ihrem Sommersitz in Balmoral zu besuchen. Es wäre ein Leichtes gewesen, dies mit einer Marktplatzrede zu verbinden. Doch der Regierungschef verzichtete.

Damit bleibt Cameron seiner Linie treu: Während des gesamten Wahlkampfs hat er sich nur wenige Male in Schottland blicken lassen - aus Angst, dass er mehr Wähler verschrecken als gewinnen könnte. Seit der De-Industrialisierung unter Margaret Thatcher in den achtziger Jahren sind die Konservativen in Schottland quasi unwählbar. Camerons Beliebtheitswerte sind zwar etwas höher als die seiner Partei, doch nur 23 Prozent der Schotten haben Vertrauen in den Tory-Chef.

Camerons verunglückte Wahlkampfauftritte

Wann immer Cameron sich in den vergangenen Monaten in den Norden getraut hat, erntete er negative Schlagzeilen. Anfang des Jahres verlegte er ein Kabinettstreffen ins schottische Aberdeen und traf sich mit Managern aus der Ölbranche. Sein Widersacher Alex Salmond, Anführer der Unabhängigkeitsbewegung, redete unterdessen mit Bauern. Der Eindruck war verheerend: Hier die Elite unter sich, dort der Mann des Volkes.

Bei seinem jüngsten Besuch in Glasgow Ende August bewies Cameron erneut ein unglückliches Händchen: Er hielt eine Rede beim jährlichen Galadinner des Arbeitgeberverbands CBI. Der Regierungschef pries die Union von England und Schottland als den "ältesten und erfolgreichsten Binnenmarkt der Geschichte". Doch hängen blieb vor allem, dass der vornehme Engländer mal wieder unter Seinesgleichen speiste. Schadenfroh wurde die Nachricht aufgenommen, dass ein Sparmenü serviert werden musste, weil die Wahlkampfregeln die Ausgaben pro Event auf 10.000 Pfund beschränken.

Ein Fernsehduell mit Salmond hat Cameron verweigert. Er wollte den Nationalistenführer nicht aufwerten, indem er ihm auf Augenhöhe gegenübertritt. Dafür muss er sich nun von Salmond bei jeder Gelegenheit anhören, gekniffen zu haben.

Angesichts des dramatischen Stimmungsumschwungs in den vergangenen Tagen werden nun Zweifel an Camerons Strategie laut, dem Premier wird zu wenig Engagement vorgeworfen. Der Regierungschef müsse mehr Präsenz zeigen und einen emotionalen Appell an die Schotten richten, fordert Fraser Nelson, Herausgeber des konservativen Wochenmagazins "Spectator". Er müsse aus dem Herzen sprechen, die gemeinsame Britishness beschwören.

"Wir können nicht viel tun"

Cameron will in den kommenden Tagen den Schotten das Angebot machen, weitere Macht aus London nach Edinburgh zu übertragen - gewissermaßen als Belohnung für ein Nein-Votum. Auf eine Wahlkampftour durch Schottland will er sich jedoch offenbar nicht begeben. Seine Berater halten eine größere Präsenz weiterhin für kontraproduktiv. "Wir können nicht viel tun", sagte ein Minister der "Daily Mail". "Wenn wir zu viel machen, könnte es nach hinten losgehen."

Meinungsforscher raten ebenfalls zur Zurückhaltung. "Es war richtig, dass Cameron sich rausgehalten hat", sagt Jan Eichhorn, Sozialwissenschaftler an der Uni Edinburgh, der zwei große schottische Gesellschaftsstudien koordiniert. "Nichts kommt bei den Schotten schlechter an als ein Engländer, der ihnen sagt, was sie machen sollen."

Die Nein-Kampagne hätte Cameron vielleicht stärker einbinden können, sagt Eichhorn. Das hätte aber schon vor zwei Jahren erfolgen müssen. "Er hätte viel Zeit investieren müssen, um zu zeigen, dass er sich wirklich kümmert." Nur dann hätte er sich glaubwürdig als Retter der Union inszenieren können.

Jetzt, in den letzten zehn Tagen vor dem Referendum, hingegen sei es zu spät. "Das nimmt ihm niemand mehr ab", sagt Eichhorn. "Das wird hier nur zynisch kommentiert."

Stattdessen schickt Cameron nun die Labour-Opposition vor, um die Einheit des Landes zu retten. Sein Vorgänger Gordon Brown, ein Schotte, und Ex-Vizepremier John Prescott sollen die schottischen Labour-Wähler auf ein Nein einschwören. Labour-Chef Ed Miliband hat angekündigt, hundert Unterhausabgeordnete auf die Straßen Schottlands zu schicken.

Die schottischen Nationalisten verfolgen die Panik in London mit einiger Genugtuung. Cameron hingegen wirkt machtlos.

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insgesamt 118 Beiträge
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Seite 1
Loddarithmus 08.09.2014
1. Und nächstes Jahr um diese Zeit ...
... gibt's dann für Cameron ein YES Torty mit 'ner Kerze drauf!
bssh 08.09.2014
2. Hoffen wir
dass Schottland endlich unabhängig wird. Danach können sich alle Seiten überlegen wie sie Gemeinsamkeiten ausloten. Weiterer Vorteil: wir werden Cameron los!
amerlogk 08.09.2014
3. Liebe Redaktion....
es würde sich auch lohnen mal einen Blick in die Presse dort zu werfen. Was dort grade passiert, spricht Journalismus Hohn.
am_hute_wicken 08.09.2014
4. Erstaunlich...
...wie viele Separationsbewegungen es aktuell allein im "globalisierten" Europa gibt. Mehr fällt mir dazu kaum ein. Irgendwas läuft da wohl falsch bzw. am Bürger vorbei.
michaelt1964 08.09.2014
5. Seltsame Gelassenheit
Wir besuchten bis gestern Schottland im Urlaub (Highland, Edinburgh). Als Tourist spürt man eine seltsame Gelassenheit der Schotten und die vermeintliche Sicherheit, dass es keine negativen Folgen der Unabhängigkeit geben kann. Aus London spürt man keine Präsenz, weder Prime Minister noch die Königin setzen sich für die Einheit ein. Das wirkt seltsam - ähnlich würde sich Bayern aus dem Bund ausscheiden wollen und weder Kanzlerin oder Bundespräsident verlieren ein Wort darüber. Das Vereinigte Königreich ist sich seiner Sache schon sehr sicher oder es interessiert sich nicht für seine eigene Existenz.
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