Unabhängigkeits-Referendum Wieso wollen so viele Schotten weg von England?

In neun Tagen steht eine historische Entscheidung an: Schottland stimmt darüber ab, ob in Europa ein neuer Staat entsteht. Wie würde es nach einer Abspaltung weitergehen? Die wichtigsten Fakten zum Unabhängigkeitsvotum.

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Schottische "Ja-Sager" in Glasgow: Kopf-an-Kopf-Rennen in den Umfragen
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Schottische "Ja-Sager" in Glasgow: Kopf-an-Kopf-Rennen in den Umfragen


  • Warum will Schottland nicht mehr Teil Großbritanniens sein?

"Soll Schottland ein unabhängiges Land werden?" Diese Frage sollen am 18. September 4,2 Millionen Wähler in dem Landesteil Großbritanniens beantworten. Mit ihrer Stimme entscheiden sie darüber, ob die Region von 2016 an unabhängig sein wird. Die Befürworter erhoffen sich von einer Autonomie, dass die Demokratie und der Sozialstaat gestärkt werden. Am deutlichsten stechen jedoch die wirtschaftlichen Argumente hervor: Allein mit den Einnahmen aus dem Ölvorkommen könnte Schottland wieder selbstständig existieren, so die Hoffnung.

Großbritannien bemüht sich, die Schotten zu ködern: Sollten sie für einen Verbleib im Vereinigten Königreich stimmen, kündigt ihnen Finanzminister George Osborne etwa mehr Rechte zur Erhebung von Steuern an oder mehr Mitsprache bei öffentlichen Ausgaben: "Dann wird Schottland das Beste aus zwei Welten haben", wirbt er.

  • Wer sind die Antreiber der Bewegung?

Die Beschwichtigungsversuche Londons können die schottischen Nationalisten nicht bremsen: Der Anführer der Unabhängigkeitsbewegung, Alex Salmond, wies die Pläne Osbornes zurück: "Sie haben es nicht geschafft, den Schotten Angst einzujagen, jetzt versuchen sie, uns zu bestechen." Das werde jedoch scheitern, gibt sich der Chef der Regionalregierung, der das Referendum durchgesetzt hat, siegessicher. Seine Schottische Nationalpartei (SNP) argumentiert, dass nur eine schottische Regierung die wahren Interessen der Schotten im Blick habe.

Für ihre Ziele finden die Verfechter der Unabhängigkeit prominente Unterstützer: 200 schottische Unternehmenschefs sprachen sich gemeinsam für die Eigenständigkeit aus, dann wäre ihrer Meinung nach die Politik von Menschen bestimmt, die Schottland "wirklich verstehen". Auch der schottische Oscar-Preisträger Sean Connery forderte seine Landsleute auf, für die Unabhängigkeit zu stimmen. Die Gelegenheit sei "zu gut, um sie zu verpassen", schrieb er im Magazin "Cicero". Auch 2000 Künstler, Schriftsteller, Musiker und Designer meldeten sich zu Wort: Sie erhoffen sich von einer "eigenen schottischen Identität" nicht nur eine kulturelle Renaissance, sondern auch ein Aufblühen von Demokratie und Wirtschaft.

Mehr als 200 britische Stars aus Musik, Film und Wissenschaft plädierten jedoch auch für die Gegenposition. Ihre Botschaft an die schottischen Wähler: Stimmt gegen die Unabhängigkeit! Unter ihnen: Mick Jagger, Judi Dench und Stephen Hawking.

  • Was passiert, wenn Schottland unabhängig wird?

Die Abspaltung Schottlands würde Großbritannien in Einwohnerzahl, Fläche und Wirtschaftsleistung entscheidend verkleinern. Stimmt die Bevölkerung mit "Yes", soll 18 Monate später ein neuer Staat gegründet werden und es sollen Wahlen zu einem von Westminster unabhängigen Parlament stattfinden. Salmond verspricht etwa einen Abzug der ungeliebten britischen, mit Atomraketen bestückten U-Boot-Flotte - und garantiert auch eine weitere Mitgliedschaft in der Europäischen Union.

Eine der wichtigsten Fragen wäre die Aufteilung der Ölsteuereinnahmen zwischen London und Edinburgh. 91 Prozent gingen an Schottland, wenn die Landesgrenze als gedachte Linie in die Nordsee hinein verlängert würde. Diese Quote hat das Londoner Institut für Wirtschafts- und Sozialforschung ermittelt. Welche Summen dann in die Staatskasse fließen würden, hängt jeweils von Preis und Fördermenge ab. In den Siebzigerjahren machte die SNP bereits Wahlkampf mit dem Slogan "It's Scotland's Oil" - diesmal soll jedoch auch mit der erfolgreichen Nahrungsmittelindustrie geworben werden.

Unklar ist ebenfalls, welche Währung Schottland hätte. Die Forderung der schottischen Nationalisten nach einer Pfund-Währungsunion lehnt London ab. Allzu viel Zeit dürfte sich Edinburgh mit der Frage jedoch nicht lassen, die Unsicherheit könnte sonst eine Panik an den Finanzmärkten auslösen.

Seit 1999 haben die Schotten bereits ihr eigenes Parlament und können Gesetze etwa in den Bereichen Bildung und Gesundheit erlassen. Vielen geht die Dezentralisierung jedoch nicht weit genug. Die Nationalisten werfen der Regierung etwa vor, den Reichtum des Landes statt in die armen Regionen Schottlands nach London zu leiten.

  • Wie stehen die Chancen?

Weniger als zwei Wochen vor dem Votum sorgt das Ergebnis der neuesten Umfragen für große Verunsicherung in London: Erstmals hat sich eine Mehrheit für die Trennung von Großbritannien ausgesprochen. Laut dem Institut YouGov sprachen sich 51 Prozent der Schotten für die Unabhängigkeit aus und 49 Prozent dagegen. Noch vor einem Monat lagen die schottischen Nationalisten in Umfragen 22 Prozentpunkte zurück. Nun zeigt sich: Am Wahltag wird es ein Kopf-an-Kopf-Rennen geben.

Mitarbeit: Carsten Volkery, mit Agenturmaterial von dpa/AFP

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insgesamt 185 Beiträge
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European 09.09.2014
1. Freiheit und Selbstbestimmung
was wir den Schotten gönnen sollten wir auch den Russen nicht vorenthalten. Abgesehen davon würde damit dem Vereinigten Königreich, das ein erbitterter Gegner eines politischen Europas ist, ein schwerer Schlag erholt. London wäre damit erledigt und das Pfund früher oder später auch.
magnoberta 09.09.2014
2. Eu
Wie stellen sich die Schotten das vor? Die können doch nicht einfach davon ausgehen, dass sie einfach in der EU bleiben. Die müssen doch einen Antrag stellen wie jedes andere Land auch. Und ob die alle Voraussetzungen für eine Mitgliedschaft haben wage ich zu bezweifeln.
cknumbaone 09.09.2014
3. Bayern-Schottland
Mal schauen wann die Bayern sich für unabhängig erklären.
gruenertee 09.09.2014
4.
Egal ob es nun >50% für Ja oder >50% für Nein geben wird. Es wird eine große Minderheit im Land geben, die "verloren" hat. Das bedeutet, dass im Fall "Nein", Schottland mehr Rechte bekommen muss und im Fall Ja, die Nähe zum restlichen UK gesucht werden muss.
Margot 357 09.09.2014
5. Spannend!
Das Nordseeöl sprudelt immer weniger. 2011/12 sind 17 Milliarden in die Staatskase geflossen, 2012/13 7,5 Milliarden, 2016/17 rechnet man noch mit 5 Milliarden. 1999 wurden täglich 4,5 Millionen Barrel gefördert, letztes Jahr noch 1,4 Millionen. Eine sehr spanndendes Lehrstück. Bei der wirtschaftlichen Verflechtung und gemeinsamer Währung ist es ein kleiner Testlauf wie bei einem EU / € Austritt.
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