Europas Separatisten nach dem Referendum in Schottland "Wir gehen unseren eigenen Weg"

Von Barcelona über Brüssel bis Bozen: Europas Separatisten haben das Unabhängigkeitsvotum in Schottland aufmerksam verfolgt. Wie reagieren sie auf das Nein der Wähler?

Katalane in Edinburgh: "Kein Rückenwind aus Schottland"
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Katalane in Edinburgh: "Kein Rückenwind aus Schottland"


Hamburg - Katalanen, Basken, Südtiroler, Korsen und Flamen: Sie alle hatten sich vom Referendum in Schottland Rückenwind für den eigenen Kampf um Autonomie und Unabhängigkeit erhofft. So reagieren die Separatisten auf das Nein der Schotten zum Austritt aus dem Vereinigten Königreich.

Katalonien:

Hunderte Katalanen hatten sich auf den Weg nach Schottland gemacht, um das Unabhängigkeitsreferendum vor Ort zu verfolgen. Sie hofften auf ein "Ja" der Schotten, das ihnen Schwung für die eigene Unabhängigkeitsabstimmung verleihen sollte. Das Referendum in Katalonien ist für den 9. November geplant, die Zentralregierung in Madrid hält das Votum für verfassungswidrig. Ministerpräsident Mariano Rajoy sagte am Freitag: "Wir sind sehr glücklich, dass Schottland bei uns bleibt."

Die Regionalregierung von Katalonien zeigt sich unbeeindruckt: "Der Prozess in Katalonien geht weiter", kündigt ihr Chef, Artur Mas, an. "Der katalanische Prozess wurde gestärkt, weil wir gesehen haben, wie in einem EU-Staat eine Volksabstimmung zugelassen wurde."

Die katalanische Zeitung "El Periódico" befragt auf ihrer Webseite die Leser, mit welchen Auswirkungen für Katalonien sie nach dem schottischen Nein rechnen. Manche von ihnen fürchten das Aus für ihre Unabhängigkeitsbestrebungen: "Natürlich wird das Folgen für den sogenannten katalanischen Prozess haben", schreibt einer. "Katalonien wird die einzige Region in Europa sein, die sich abspalten will und steht nun gegen die Mehrheit der Europäischen Union." Ein anderer klagte über die Schotten: "Nein zu stimmen, bedeutet, die Demokratie zu verraten." Die Schotten hätten das Ziel der Unabhängigkeit aus den Augen verloren zugunsten kurzfristiger Nutzen ohne Risiken.

Baskenland:

Die baskischen Separatisten zeigen sich dagegen überzeugt, dass das Wahlergebnis den eigenen Bestrebungen nach Unabhängigkeit nicht schade. "Wir gehen unseren eigenen Weg", zitiert die Zeitung "El Correo" Andoni Ortuzar, den Vorsitzenden der Baskischen Nationalpartei (PNV).

Das schottische Nein werde keinen Einfluss auf die Politik im Baskenland haben, sagt Ortuzar. "Wir sind viele Kilometer entfernt, und was in Schottland passiert, steht in keiner direkten Verbindung zu dem, was im Baskenland passiert."

Südtirol:

Die Befürworter einer Autonomie für Südtirol versuchen, dem Ausgang des schottischen Referendums etwas Positives abzugewinnen. "Auch wenn das Ergebnis im ersten Moment enttäuscht, so bleibt die Tatsache, dass ein reiches Volk im Herzen Europas selbst über seine Zukunft entscheiden durfte", sagt Stefan Zelger von der Süd-Tiroler Freiheit, einer Partei, die sich für eine Volksabstimmung über die Loslösung Südtirols von Italien starkmacht. "Die Schotten strafen all jene vermeintlichen Experten Lügen, die das Selbstbestimmungsrecht mit Gewalt in Verbindung bringen wollen oder gar als 'gefährlichen Unfug' bezeichnen."

Philipp Achammer, Chef der Südtiroler Volkspartei, sagt: "Gerade jetzt sollte die Europäische Union bereit sein, eine ernsthafte Debatte über ein wahres 'Europa der Regionen' zu führen und über mehr autonome Gestaltungsmöglichkeiten zugunsten der Regionen innerhalb der EU zu diskutieren." Auch von der Regierung in Rom verlangte der Chef der größten Partei Südtirols mehr Zugeständnisse.

Korsika:

Gilles Simeoni, der nationalistische Bürgermeister von Bastia im Nordosten Korsikas, ist extra nach Edinburgh gereist, um das Ergebnis der Abstimmung live zu verfolgen. Besonders erschüttert wirkt er nicht, als feststeht, dass die Nein-Sager in Schottland gewonnen haben. "Die Situationen in Katalonien, Schottland und Korsika sind unterschiedlich: Es gibt keinen bewaffneten Konflikt in Schottland", sagt er im Interview mit dem französischen Radiosender "Europa 1". Korsika gehört seit fast 250 Jahren zu Frankreich, der Unabhängigkeitskampf ist seit den Fünfzigerjahren in vollem Gange - auch mit Waffengewalt werden der französischen Zentralregierung immer neue Kompetenzen abgetrotzt. Dennoch zieht Simeoni Parallelen.

Es sei wichtig, "dass die Menschen für ihre Identität und ihr Recht kämpfen", sagt der Bürgermeister der 40.000 Einwohner starken Stadt Bastia. Er kenne das Risiko der "Ausgrenzung durch den Nationalismus", deswegen stehe er für einen "offenen Nationalismus, für Toleranz und Demokratie". Das korsische Volk habe seine Sprache, sein Gebiet, seine Geschichte, seine Kultur und seine eigenen Interessen. Korsika sei noch sehr weit von der Situation in Schottland entfernt. Was er gern kopieren würde, ist der weitreichende Autonomiestatus, den Schottland seit 1997 innerhalb Großbritanniens hat. Eine Lösung, die er als "sehr zufriedenstellend" bezeichnet.

Flandern:

Die flämischen Nationalisten zeigen sich unbeeindruckt vom Nein der Schotten. Die größte Partei der Region im Norden Belgiens, N-VA, setzt jedoch nicht auf Massenproteste oder eine Volksabstimmung, um ihr Ziel einer Loslösung aus dem belgischen Staat zu erreichen: Parteichef Bart De Wever will stattdessen mit einer Beteiligung seiner Partei an der Regierung in Brüssel erreichen, dass den Flamen schrittweise immer mehr Kompetenzen zugesprochen werden. Was am Ende dieses Prozesses stehen müsse, sei klar, sagte De Wever nach dem Referendum in Schottland: "Wir wollen die Unabhängigkeit, und deshalb haben wir unsere Partei gegründet."

aar/ras/syd/vek

insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
Kaffee Wien 19.09.2014
1. Kampf den Separatisten!
Jede Nase meint, weil ihr Leben sonst nichts hergibt, jetzt aus irgendwas austreten zu müssen. Es ist gut, dass diese ganz offenbar vom Frieden gelangweilten Menschen von den Vernünftigen jetzt mal die Rote Karte gezeigt bekommen haben! Ich hoffe, die Vernunft setzt sich auch in den übrigen europäischen Regionen, die ihre Zukunft verspielen wollen durch!
texas_star 19.09.2014
2. Vernunft hat gesiegt
... und jetzt bitte nicht kommen dass nur aufgrund von "Drohungen" die Menschen NO gestimmt haetten. Denn der Verlust des British Pounds im Falle einer Unabhaengigkeit waere real gewesen. Wieso um Himmels willen haette ein unabhaengiges Schottland die Waehrung eines ANDEREN Landes haben sollen auf dessen Waehrungs/Finanzpolitik sie null Einfluss haben da es null schottische Abgeordnete in Westminster gaebe (nach der Unabhaengigkeit) ? Jamaica, Kanada, Australien und Co haben ja auch nicht mehr das British Pound als Waehrung.... Und ob ein Staat mit knapp 20% der Einkommen aus Nordsee-Oel/Gas (welche uebrigens schon seit Jahren konstant sinken was Foerdermengen anbelangt) zukunftsfaehig waere... da sei dahin gestellt. Wenn der Oelpreis nur um $10 schwankt .... dann gaebe das grosse Defizite im Haushalt. Da koennen sie gar nicht soviele Schafe zuechten und Whisky brennen um das auszugleichen.
TiloS 19.09.2014
3. Angebliche Demokraten
"Nein zu stimmen, bedeutet, die Demokratie zu verraten." - Wirklich sehr demokratisch diese Leute, nach dem Motto "Wenn ihr nicht so stimmt, wie wir wollen, seid ihr keine Demokraten." Genau diese Selbstgerechtigkeit und die Bevormundung anderer sind es, was ich an diesen angeblichen Demokraten so missbillige.
meging 19.09.2014
4.
Zitat von Kaffee WienJede Nase meint, weil ihr Leben sonst nichts hergibt, jetzt aus irgendwas austreten zu müssen. Es ist gut, dass diese ganz offenbar vom Frieden gelangweilten Menschen von den Vernünftigen jetzt mal die Rote Karte gezeigt bekommen haben! Ich hoffe, die Vernunft setzt sich auch in den übrigen europäischen Regionen, die ihre Zukunft verspielen wollen durch!
Wieso vom Frieden gelangweilt? Die wollen sich demokratisch loslösen, und nicht wie vor Jahren, gar Jahrzehnten noch mit Waffengewalt.
ornitologe 19.09.2014
5. Frieden ist
Zitat von Kaffee WienJede Nase meint, weil ihr Leben sonst nichts hergibt, jetzt aus irgendwas austreten zu müssen. Es ist gut, dass diese ganz offenbar vom Frieden gelangweilten Menschen von den Vernünftigen jetzt mal die Rote Karte gezeigt bekommen haben! Ich hoffe, die Vernunft setzt sich auch in den übrigen europäischen Regionen, die ihre Zukunft verspielen wollen durch!
also langweilig. Hmm, die Rückbesinnung auf nationale Eigenständigkeit ist Ihrer Meinung nach ein Ausdruck von Langerweile. Sie müssen es ja wissen.
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