Streben nach Unabhängigkeit Europas Rebellen

Die Schotten stimmen am Donnerstag über ihre Unabhängigkeit ab. Doch in der EU gibt es noch mehr Regionen, die eigenständig werden wollen: Katalonien, Flandern, Südtirol - die wichtigsten Sezessionsbestrebungen im Überblick.

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Edinburgh/Berlin - Ja oder Nein - Schottland hat die Wahl. 4,2 Millionen Menschen stimmen am Donnerstag darüber ab, ob ihr Land von 2016 an unabhängig von Großbritannien sein soll. In den Umfragen haben die Befürworter der Abspaltung in den vergangenen Monaten kräftig aufgeholt, der Ausgang der Wahl ist völlig offen. Und mit ihrem Unabhängigkeitswunsch stehen die Schotten keineswegs allein da.

In Katalonien, im Baskenland, in Nordirland, in Südtirol - auf der Suche nach Sezessionsbestrebungen in der Europäischen Union stößt man auf zahlreiche Konflikte, manche sind erkaltet, einige heißer denn je. In vielen Regionen in Europa kämpfen Menschen um ihre Unabhängigkeit, manche haben Aussicht auf Erfolg, andere kämpfen auf verlorenem Posten.

SPIEGEL ONLINE zeigt die wichtigsten Unabhängigkeitsbestrebungen in der Europäischen Union.

Separatistische Bewegungen in der EU

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REUTERS

Schottland

Einwohner: 5,3 Millionen Menschen

Anteil am britischen BIP: 7,8 Prozent (2011)

Das wollen die Separatisten: Am 18. September wird über Schottlands Unabhängigkeit abgestimmt – nach über 300 Jahren im Vereinigten Königreich. Und in einer der letzten Umfragen waren es erstmals mehr Menschen, die mit „Ja“ stimmen würden. Abspaltungsgegner wie Großbritanniens Premier David Cameron gerieten daraufhin in Wallung und versuchen nun alles, um die Abstimmung noch in die andere Richtung zu drehen. Experten vermuten, dass die Schotten vor ihrer eigenen Courage erschrecken und den Schritt dann doch nicht gehen werden.

AFP

Nordirland

Einwohner: 1,8 Millionen Menschen

Anteil am britischen BIP: 2,1 Prozent (2011)

Das wollen die Separatisten: Der Nordirlandkonflikt hatte seine Hochphase von 1969 bis 1998, in der durch bewaffnete Kämpfe und Bombenanschläge rund 3500 Menschen starben. Der Kampf zwischen den unionistischen Protestanten und den nationalistischen Katholiken, die eine Vereinigung mit Irland fordern, wurde vor allem durch die Irish Republican Army (IRA) weltweit bekannt. Zahlreiche Filme und Bücher drehen sich um diese Organisation, die jedoch in den Neunzigerjahren die Waffen niederlegte. Politisch setzen sich heute vor allem die Social Democratic and Labour Party sowie Sinn Fein für die Unabhängigkeit und Angliederung an Irland ein, in England sind die Politiker, auch angesichts der Schottland-Wahl, natürlich strikt dagegen. Ob die Gewalt wieder aufflammt, ist nicht abzusehen: 2013 kam es wieder zu blutigen Zusammenstößen in Belfast.

Flandern

Einwohner: 6,4 Millionen Menschen

Anteil am belgischen BIP: 57,5 Prozent (2011)

Das wollen die Separatisten: Belgien ist in zwei Hälften geteilt. Im wirtschaftlich jetzt starken Norden fordern flämische Separatisten schon lange die Abspaltung vom finanziell mittlerweile schwächer gestellten Süden (Wallonien). Vordergründig geht es um Transferzahlungen. Der Streit schwelt bereits seit mehr als hundert Jahren, politisches Proporzdenken und häufig wiederkehrende Regierungskrisen sind Ausdruck dieses Konflikts, der seine Ursachen in sprachlichen und sozialen Fragen hat. Wie die Abspaltung genau aussehen soll, ist jedoch unklar: Die Forderungen gehen von einem eigenen Staat Flandern bis hin zu einer Konföderation. Das Thema Abspaltung steht also ständig auf der Tagesordnung. Bei den Parlamentswahlen im Mai haben die Separatisten große Zuwächse verzeichnet. Und diese Stärke werden sie sicher für ihre Ziele nutzen.

DPA

Baskenland

Einwohner: 2,2 Millionen Menschen

Anteil am spanischen BIP: 6,2 Prozent (2011)

Das wollen die Separatisten: Lange kämpfte die Terrororganisation Eta mit Bombenanschlägen um die Unabhängigkeit der Region. Zwischen 1968 und 2009 starben 828 Menschen bei über 4000 Attentaten. Seit 2011 hat die Eta den bewaffneten Kampf jedoch eingestellt. Im Baskenland wollen sich die Politiker nun zunächst auf die Wirtschaftskrise und ihre Folgen konzentrieren. Der Ruf nach Unabhängigkeit ist jedoch nach wie vor stark – seit 2012 regieren wieder baskische Nationalisten. Für 2015 wird ein Referendum angestrebt, doch die Verfassung Spaniens sieht vor, dass in einer solchen Frage das ganze Land abstimmen müsste. Die Chancen stehen also eher gering.

REUTERS

Katalonien

Einwohner: 7,5 Millionen Menschen

Anteil am spanischen BIP: 18,6 Prozent (2011)

Das wollen die Separatisten: Katalonien hatte besonders unter Diktator Franco, der von 1939 bis zu seinem Tod 1975 Staatschef von Spanien war, zu leiden. Kein Wunder also, dass viele Einwohner nicht viel mit dem restlichen Spanien zu schaffen haben wollen. Trotz der Unterdrückung bewahrten sie sich ihre Sprache und Kultur. Das aktuellste Ärgernis der Katalanen ist wohl finanzieller Natur: Die wirtschaftlich starke Region muss Transferzahlungen für den ärmeren Rest des Landes leisten. 2006 hatte sich Katalonien bereits als „Nation“ bezeichnet, für den 9. November ist ein Referendum über eine mögliche Unabhängigkeit geplant, das spanische Verfassungsgericht hält dieses jedoch nicht für rechtmäßig. Was im Falle eines positiven Votums passieren wird, ist unklar. Der frühere spanische Vizepräsident des EU-Parlaments, Alejo Vidal-Quadras forderte im Falle einer katalanischen Unabhängigkeitserklärung in einem Interview, Truppen zu entsenden und das Kriegsrecht zu verhängen. In diesen Tagen demonstrierten Hundertausende Katalanen in Barcelona für die Abspaltung. Ob die geplante Abstimmung jedoch stattfindet, ist noch unklar. Sogar die Regionalregierung ist sich hier nicht einig. Eine einseitige Unabhängigkeitserklärung wäre zudem kaum legal, ähnlich wie im Baskenland.

AFP

Südtirol

Einwohner: 500.000 Menschen

Anteil am italienischen BIP: 1,2 Prozent (2011)

Das wollen die Separatisten: Südtirol gehörte einst zu Österreich-Ungarn und wurde nach dem Ersten Weltkrieg Italien zugesprochen. Seit 1972 gibt es einen weitreichenden Autonomiestatus, allerdings kämpften viele Bewohner weiter für die völlige Unabhängigkeit. Dieser Kampf war in den vergangenen Jahren etwas eingeschlafen, im Zuge der italienischen Wirtschaftskrise erfuhr er jedoch wieder Aufwind. Eine Mehrheit bilden die Separatisten unter den größtenteils deutschsprachigen Südtirolern jedoch nicht, zudem sind viele verschiedene Varianten im Umlauf. Von einer Vollautonomie, bis zum Freistaat oder einem Anschluss an Österreich werden immer wieder verschiedene Modelle diskutiert. Es gab auch den Vorschlag, sich für 15 Milliarden Euro von Rom freizukaufen. Die separatistische Partei „Die Freiheitlichen“ ist zwar im Landtag vertreten, allerdings kommt sie gegen die Südtiroler Volkspartei nicht an, die keine Unabhängigkeitsbestrebungen verfolgt.

AFP

Korsika

Einwohner: 320.000 Menschen

Anteil am französischen BIP: 0,4 Prozent (2011)

Das wollen die Separatisten: Korsika gehört seit fast 250 Jahren zu Frankreich, der Unabhängigkeitskampf ist seit den Fünfzigerjahren in vollem Gange – auch mit Waffengewalt werden der französischen Zentralregierung immer neue Kompetenzen abgetrotzt. Besonders aktiv ist die Nationale Befreiungsfront Korsikas (FLNC), die für Bombenanschläge auf Ferienanlagen verantwortlich ist. In der mit weitgehenden Autonomierechten ausgestatteten Regionalregierung kamen die korsischen Nationalisten-Parteien bei den letzten Wahlen auf 29,41 Prozent.

Corbis

Sardinien

Einwohner: 1,6 Millionen Menschen

Anteil am italienischen BIP: 2,1 Prozent (2011)

Das wollen die Separatisten: Sardinien, die zweitgrößte Insel im Mittelmeer, genießt neben vier weiteren Gebieten einen Sonderstatus als autonome Region Italiens. 70 Prozent der eingenommenen Steuern darf die Insel selbst verwalten und doch gibt es viele Menschen, die sich eine umfassende Unabhängigkeit von Italien wünschen. In einer 2012 durchgeführten Studie der Universität Cagliari sprachen sich 40 Prozent der Befragten dafür aus. Eine jüngere - nicht ganz ernsthafte - Bewegung möchte Sardinien dagegen als „Meereskanton“ der Schweiz angliedern.

REUTERS

Norditalien: "Padanien"

Einwohner: 34 Millionen Menschen

Anteil am italienischen BIP: 66 Prozent

Das wollen die Separatisten: Die Lega Nord schimpfte lange Zeit über den armen Süden und die Ausgaben in Rom. Sie forderte die Abspaltung. In den Neunzigerjahren kam die Idee auf, aus den reichen Regionen Nord- und Mittelitaliens den Staat „Padanien“ zu bilden. Dazu zählte die Lega Nord auch Südtirol, das aber seine eigene Unabhängigkeitsbewegung hat. Der Ruf nach einer Souveränität Norditaliens fand in den vergangenen Jahren immer weniger Gehör. Im Zuge der Eurokrise wurden jedoch vereinzelt wieder Stimmen laut, die die Idee „Padanien“ neu beleben wollten. In Venezien gipfelte dies kürzlich in einer inoffiziellen Online-Abstimmung, bei der eine Mehrheit eine Sezession unterstützte. Die Forderungen der Lega Nord werden von Experten allerdings als utopisch abgetan – und dass Rom über die Hälfte des italienischen Wirtschaftsraums aufgeben wird, ist ebenfalls nicht anzunehmen.

Zur Erklärung: Die Karte erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, soll aber die wichtigsten Sezessionstendenzen innerhalb der Europäischen Union abbilden. Neben einer Einschätzung der aktuellen Lage sind auch Informationen zur Einwohnerzahl und zum Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) des jeweiligen Mutterlandes zu finden - damit Sie ein Gefühl dafür bekommen, was eine Abspaltung für die Länder bedeuten würde.

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insgesamt 254 Beiträge
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Seite 1
European 17.09.2014
1. Ein Europa der Regionen
einfach genial; der schönste Kontinent der Welt.
qewr 17.09.2014
2. Die Schweiz...
... mit einem "Meereskanton"? Das wär' doch was!
christian0061 17.09.2014
3. drücken wir den Schotten die Daumen
denn small is beautiful, denn auch wenn dann über die Stückkosten manche Produkte teurer werden, so schützt es doch vor einer Lobbydemokratie und den schweren Fehlern der Zentralregierungen, die dann wie in Europa ganze Kontinente in den Abgrund reissen und sich aus dubiosen politischen Gründen von riesigen Absatzmärkten und Resourcen trennen! Kleine Staatsgebilde machen kleine Fehler, grosse machen grosse!
undog 17.09.2014
4. Es geht ums Geld, bzw.
um die eigene Leistung, über deren Früchte der einzelne und einigermaßen homogene Gruppen selbst entscheiden wollen - eine ganz natürliche Denkweise, die von Sozialisten als fehlende Solidarität mit Minderbemittelten diagnostiziert wird. Diese Diagnose ist richtig, bringt aber nichts, weil die Menschen die eigene Leistung nicht ohne maßgeblichen Eigennutz bringen wollen. Hier liegt auch der Fehler der EU Erweitung und €-Schuldensozialismus.
skoodge 17.09.2014
5. Bayern
wurde hier wohl vergessen..;-)
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