Schüsse auf deutsche Marine: Video-Beweis soll Israel der Lüge überführen

Absurde Auseinandersetzung: Deutschland und Israel widersprechen sich immer noch, was den Zwischenfall zwischen Israels Luftwaffe und dem Bundeswehr-Schiff angeht. Die Marine hat allerdings alles mitgefilmt. Offiziere munkeln: "Die Israelis wollten uns eine Harke zeigen."

Tel Aviv/Berlin - Was am Dienstagmorgen im östlichen Mittelmeer geschah, ist für Berlin ein klarer Fall: Die israelische Luftwaffe habe rund 90 Kilometer vor der libanesischen Küste über dem Flottendienstboot "Alster" zwei Schüsse aus Bordkanonen abgefeuert, als das Schiff der deutschen Marine im Rahmen der Uno-Mission Unifil dort im Einsatz war. Außerdem hätten die israelischen Flieger Anti-Raketen-Täuschkörper abgeworfen.

Flottendienstboot "Alster" (im August): Waren die Israelis "not amused" über das deutsche Spionage-Schiff?
DPA/ PIZ/ Marine

Flottendienstboot "Alster" (im August): Waren die Israelis "not amused" über das deutsche Spionage-Schiff?

Immerhin korrigierte die israelische Luftwaffe inzwischen ihre Darstellung des Zwischenfalls: Ein Sprecher des israelischen Militärs sagte, das deutsche Schiff habe sich nicht wie zuvor behauptet an der libanesisch-israelischen Seegrenze befunden. "Es war in internationalen Gewässern, nicht in israelischen", sagte er. Zunächst hatte Israel den Zwischenfall damit erklärt, ein deutscher Hubschrauber sei nahe der israelischen Grenze von der "Alster" aufgestiegen; diesen hätten die Kampfflugzeuge identifizieren wollen. Jetzt gab der Sprecher zu, dass dies ein ganz anderer Vorfall mit einem anderen Schiff war - und bot plötzlich eine neue Erklärung für den Zwischenfall mit der "Alster": Im Gebiet der "Alster" fänden Trainingsflüge israelischer Kampfflugzeuge statt. Diese Flüge seien es wohl gewesen, die man auf dem deutschen Schiff am Dienstag registriert habe.

Deutscher Vizeadmiral spricht von "unfreundlichem Akt"

Ob und warum es Schüsse in der Nähe des deutschen Schiffs gab, erklärt dies allerdings immer noch nicht. Die Marine legte heute noch mal nach: Weil die "Alster" ein Aufklärungsschiff sei, "haben wir glücklicherweise alles akribisch auf Video mit guten Zeiss-Objektiven aufnehmen können und schon nach Berlin geschickt", sagte Vizeadmiral Hans Joachim Stricker, der Befehlshaber der Flotte, während eines Vortrags beim Forum 2006 der Clausewitz-Gesellschaft in Flensburg. Strickers Zusammenfassung des Vorfalls: "Es ist tatsächlich alles so passiert, wie es von der deutschen Seite bekannt gegeben worden ist."

Zwar habe der "israelische Verteidigungsminister Recht, wenn er sagt, die deutschen Einheiten sind nicht beschossen worden", sagte Stricker. Aber es sei auch richtig, dass das israelische F-16-Kampfflugzeug "geschossen hat". Stricker bezeichnete den Vorfall als "unfreundlichen Akt".

Zwar erklärte die Bundesregierung die Angelegenheit heute für "geklärt". Doch hinter den Kulissen verlautete, dass man sehr unglücklich über den Zwischenfall war - und der israelische Botschafter in Berlin sich reichlich Kritik habe anhören müssen. Auch in der Bundeswehr gilt die Angelegenheit als längst nicht geklärt, im Gegenteil. Marineoffiziere sagten der Nachrichtenagentur ddp anonym: "Die Israelis wollten uns eine Harke zeigen." Die israelische Regierung sei "not amused", dass die "Alster" als deutsches Aufklärungsschiff sich in Israels Nähe tummle. Israel fürchte, dass die Bundeswehr sie mit ihren Spionageanlagen an Bord "irgendwie überwachen kann".

Die "Alster" als gefährliches deutsches Spionageschiff?

Tatsächlich kann die "Alster" mit ihrer Hightech-Ausrüstung zum Beispiel israelische Überwachungsflüge über dem Libanon verfolgen. Sie gehört nicht zum unmittelbaren Verbund der Unifil-Marineeinheit, ihr Einsatz soll dem Bericht zufolge bei Israel allerdings explizit angekündigt worden sein.

Wer hat nun Recht, was den Zwischenfall am Dienstag angeht? "Es steht Aussage gegen Aussage", sagt ein Sprecher der deutschen Marine in Berlin diplomatisch. Sein israelischer Kollege spricht von einem "Missverständnis". Sowohl Deutschland als auch Israel halten hartnäckig an ihren Versionen fest, obwohl sie sich nicht miteinander vereinbaren lassen.

Sicher ist immerhin: In der kommenden Woche will Verteidigungsminister Franz Josef Jung bei seiner Israel-Reise den Zwischenfall mit seinem Kollegen Amir Peretz besprechen. "Wir sind an der internationalen Präsenz interessiert", sagte Mark Regev, Sprecher des israelischen Außenministeriums - also auch an der deutschen Marine, die den Waffenschmuggel für die radikale Hisbollah-Bewegung auf See unterbinden soll. Der Einsatz der deutschen Marine war Voraussetzung für Israels Bereitschaft, seine ohnehin wenig wirksame Seeblockade gegen Libanon aufzuheben. Schon jetzt ist klar, was die Israelis Jung vorschlagen werden: Sie wollen die Koordination mit den internationalen Truppen verbessern. Diese lasse nämlich noch zu wünschen übrig, sagte ein Armeesprecher.

Auch Frankreich hat Probleme mit Israel

Die Deutschen sind nicht die einzigen, die mit den extraterritorialen Ausschweifungen der israelischen Luftwaffe Probleme haben. Auch Frankreich kritisiert, dass Israel Patrouillenflüge über libanesischem Gebiet durchführt: Dieses Überfliegen sei extrem gefährlich, weil die von Frankreich geführten Uno-Truppen im Libanon dies als feindlichen Akt auffassen und zur Selbstverteidigung schießen könnten. Präsident Jacques Chirac forderte Israel auf, das Eindringen in den libanesischen Luftraum zu stoppen, weil dies dem Geist der Waffenstillstandsresolution 1701 widerspreche.

Israel dagegen betrachtet die Patrouillen über dem Libanon als "Aufklärungsflüge". Verteidigungsminister Peretz will darauf nicht verzichten. Ein Sprecher des Außenministeriums sagte, Israel habe die wichtigsten Bedingungen der Uno-Resolution durch den Rückzug der Truppen aus dem Südlibanon erfüllt. Es sei der Libanon, der wesentlichen Forderungen der Resolution nicht nachkomme. So seien die beiden Mitte Juli gekidnappten Soldaten nach wie vor gefangen; die Hisbollah könne sich weiter mit Waffen eindecken und ihre Milizen im Südlibanon stationieren. Israel habe zahlreiche Belege, dass Syrien Waffen in den Libanon schmuggle, die für die Hisbollah bestimmt seien. Die Aufklärungsflüge seien zu Israels Sicherheit notwendig.

Die größten Sorgen bereiten der israelischen Regierung aber weder der Zoff mit Deutschland noch die Kritik aus Frankreich. Sie fürchtet vielmehr, dass der Auftrag der Unifil immer weiter verwässert wird, so dass die internationalen Truppen ihre Aufgaben nicht erfüllen können. Die Bedenken sind verständlich: Schließlich sollte die Unifil lediglich dazu dienen, um Zeit für ein diplomatisches Management des Nahostkonflikts zu gewinnen - und davon ist derzeit nicht mal ansatzweise etwas zu sehen.

Der Autor Pierre Heumann ist Nahostkorrespondent der Schweizer "Weltwoche". Der Text wurde mit Agenturmaterial von ddp, dpa und Reuters ergänzt.

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