Schüsse auf Polizisten in Athen Griechenland fürchtet Rückkehr des Terrorismus

Schüsse auf einen Polizisten im Athener Anarcho-Stadtteil Exarchia: Nach Ansicht der Ermittler war es kein spontaner Racheakt - sondern ein erstes Anzeichen für die Rückkehr des Terrorismus. Während der jüngsten Straßenkrawalle hätten die Militanten erfolgreich Nachwuchs rekrutiert.

Von Gerd Höhler, Athen


Athen - Diamantis Mantzounis sah die Angreifer als erster. Er versuchte noch, seine beiden Kollegen zu warnen, mit denen er vor dem Gebäude des griechischen Kulturministeriums im Athener Stadtteil Exarchia Wache stand. Doch da eröffnete der Mann bereits das Feuer.

Polizist am Tatort in Athen: 21-jähriger Polizist schwebt nach Mordanschlag in Lebensgefahr
DPA

Polizist am Tatort in Athen: 21-jähriger Polizist schwebt nach Mordanschlag in Lebensgefahr

Die beiden anderen Beamten konnten in Deckung gehen, aber Mantzounis wurde von Kugeln in die Brust und in die Hüfte getroffen. Glück im Unglück: ein Projektil wurde durch das Funkgerät abgelenkt, das der Polizist in der linken Brusttasche trug. Sonst hätte das Geschoss wohl sein Herz getroffen.

In einer fünfstündigen Notoperation gelang es den Ärzten des Athener Rotkreuz-Krankenhauses, das Leben des 21-Jährigen zu retten – vorerst jedenfalls. "Die Lunge und andere innere Organe sind verletzt", berichtete ein Kliniksprecher. Am Montag lag der Polizist auf der Intensivstation. Die Ärzte bezeichneten seinen Zustand als "äußerst kritisch".

Mantzounis war erst seit einem Jahr bei der Bereitschaftspolizei, und der Wachdienst in Exarchia ist gefährlich. Denn der Stadtteil gilt als Hochburg der Autonomen. Polizisten sind hier nicht gern gesehen, sie werden beschimpft, verflucht, mit Steinen und Flaschen beworfen – vor allem, seit am 6. Dezember der 15-jährige Alexandros Grigoropoulos auf der Tsavella-Straße in Exarchia durch eine Polizeikugel starb.

Sein Tod löste in Athen und anderen griechischen Städten die schwersten Unruhen seit vielen Jahrzehnten aus. Marodierende Autonome ließen Hunderte Autos, Geschäfte und Bankfilialen in Flammen aufgehen. Die Polizei schien machtlos, die Regierung ratlos. Griechenland stand mehrere Tage lang am Rand des Ausnahmezustandes.

Tatwaffen waren schon einmal im Einsatz

Warum der junge Polizist Diamantis Mantzounis trotz des gefährlichen Einsatzes in Exarchia keine kugelsichere Weste trug, war zunächst unklar. Seine beiden Kollegen kamen mit dem Schrecken davon – wie auch etwa ein Dutzend weitere Beamte, die während des Anschlags in einem Mannschaftsbus vor dem Ministeriumsgebäude saßen.

Augenzeugen berichten von mindestens zwei Tätern, die sich um 3.05 Uhr in der Früh den Polizisten näherten, aus einer Entfernung von etwa 50 Metern das Feuer eröffneten, dann eine Handgranate warfen und flohen. Am Tatort fanden die Ermittler 27 Geschosshülsen, die aus einem Kalaschnikow-Sturmgewehr des Typs AK-47 stammten, sowie vier Patronen aus einem Revolver des Kalibers 9 mm.

Beide Waffen wurden nicht zum ersten Mal eingesetzt. Eine ballistische Untersuchung ergab:

  • Aus dem Revolver wurde bereits am 30. April 2007 auf eine Polizeiwache im Athener Stadtteil Nea Ionia gefeuert. Zu dem Anschlag bekannte sich damals die linksextremistische Terrorgruppe "Revolutionärer Kampf".
  • Bei der Kalaschnikow handelte es sich um dieselbe Waffe, aus der bereits am 23. Dezember 2008 unbekannte Täter Schüsse auf einen Polizeibus im Stadtteil Kaissariani abgegeben hatten. Damals blieben die 23 Beamten in dem Bus unverletzt. Drei Tage später wurde ein Vorortzug im Stadtviertel Tavros beschossen, wieder aus einer Kalaschnikow. Die fünf Fahrgäste des Triebwagens kamen mit dem Schrecken davon.

Diamantis Mantzounis hatte am Montagmorgen weniger Glück. Diesmal trafen die Kugeln.

Regierung unter Druck

Nach dem Anschlag riegelte die Polizei das Stadtviertel Exarchia weiträumig ab. Bei der Fahndung nach den flüchtigen Tätern wurden 74 Personen vorläufig festgenommen. Eine heiße Spur scheint es aber zunächst nicht zu geben.

Beim Privatsender Mega ging zwar am Montag ein Anruf ein, in dem ein Unbekannter der Terror-Gruppe Revolutionärer Kampf (EA) den Anschlag zuschrieb. Doch die Polizei prüft nun erst einmal die Authenzität des Anrufs. Ein Journalist des Senders berichtete, der Anrufer habe gesagt, es werde kein Bekennerschreiben geben. Weitere Aktionen der Gruppe würden folgen. "Wir nehmen diesen Anruf nicht sehr ernst," sagte der Fernsehjournalist.

Ministerpräsident Kostas Karamanlis nannte die Tat ein "schweres Verbrechen". Der Premier versicherte in einer Fernsehansprache: "Unsere Demokratie ist wehrhaft", und versprach, man werde die Täter finden und zur Rechenschaft ziehen. "Ich habe eine präzise, klare Botschaft an alle", sagte Karamanlis: "Unsere Republik ist stark. Unser Rechtsstaat ist die beste Garantie für alle Bürger."

Der konservative Premier, dessen Regierung seit Monaten mit einer Serie von Skandalen kämpft, steht seit den Unruhen unter wachsendem Druck. In Meinungsumfragen erteilen die Griechen der Regierung für ihr Krisenmanagement miserable Noten. 86 Prozent der Befragten sehen ihr Land "auf dem falschen Weg", bei der Sonntagsfrage liegen die oppositionellen Sozialisten inzwischen mit bis zu sechs Prozentpunkten vorn. Karamanlis braucht deshalb jetzt schnelle Fahndungserfolge.

In die Ermittlungen hat sich die Anti-Terror-Einheit der griechischen Polizei eingeschaltet. Die Motive der Schützen scheinen auf der Hand zu liegen: sie suchen offenbar Vergeltung für den Tod des 15-jährigen Alexandros. Aber in Kreisen der Ermittler wächst die Sorge, dass sich hier weitaus mehr anbahnen könnte als ein einzelner Racheakt.

Blutige Tradition von Krawallen

Erinnerungen an das Jahr 1985 werden wach: damals starb in Athen ein Schüler, der 15-jährige Michalis Kaltezas – ebenfalls in Exarchia. Sein Tod löste damals nicht nur gewalttätige Demonstrationen aus. Er trieb auch, wie die Kriminalisten später rekonstruieren konnten, der zehn Jahre zuvor gegründeten Terrororganisation "17. November" neue Mitglieder in die Arme, mobilisierte die "zweite Generation" der griechischen Terroristen.

Der "17. November" nannte sich nach dem Datum des Studentenaufstandes am Polytechnikum in Exarchia im Jahr 1973. Die damals in Griechenland regierenden Obristen ließen die Revolte zwar blutig zusammenschlagen, aber sie leitete das Ende der Diktatur ein, die acht Monate später stürzte.

Die Gruppe "17. November" verübte zwischen 1975 und 2002 Dutzende Sprengstoffanschläge und ermordete 23 Menschen, unter ihnen Wirtschaftsführer, Politiker und ausländische Diplomaten. Nachdem sich Experten von Scotland Yard in die jahrzehntelang erfolglose Terrorfahndung der Griechen eingeschaltet hatten, konnten 2002 15 führende Mitglieder der Organisation gefasst und zu langjährigen Haftstrafen verurteilt werden. Hartnäckig hält sich aber das Gerücht, dass weitere Mitglieder der Gruppe noch immer auf freiem Fuß sind.

"Die Täter haben nicht spontan gehandelt"

Die Hoffnung, mit der Zerschlagung des "17. November" sei der Terrorismus in Griechenland besiegt, hat sich ohnehin nicht erfüllt. Seit 2002 gab es etwa ein halbes Dutzend ernstzunehmende Anschläge, darunter einen, der die Handschrift des "17. November" trug: ein Angriff mit einer Panzerfaust auf das Gebäude der US-Botschaft an der Athener Vassilisis Sofias Avenue am 12. Januar 2007.

Zu dem Anschlag, bei dem nur leichter Sachschaden entstand, bekannte sich die Untergrundorganisation "Revolutionärer Kampf". Sie stilisierte sich mit der Attacke auf die US-Botschaft als Nachfolgerin des "17. November" und gilt als schlagkräftigste griechische Terrortruppe. Über ihre Größe und Zusammensetzung wissen die Fahnder aber bisher nur wenig.

Vassilis Tsiatouras, der Chef der griechischen Polizei, glaubt nicht, dass es sich bei den Schüssen von Montagmorgen um einen Racheakt handelte. Vor der Presse sagte Tsiatouras: "Ich habe zwar keine Beweise dafür, aber meine Erfahrung sagt mir, dass die Täter nicht spontan gehandelt haben. Sie hatten einen Plan, und für dessen Umsetzung haben sie im tragischen Tod des 15-Jährigen einen Vorwand gefunden."

Größte Sorge nicht nur der Fahnder, sondern auch der Politiker ist nun, dass sich Terrorgruppen wie der "Revolutionäre Kampf" jetzt nicht nur als Trittbrettfahrer an die gewaltsamen Proteste der vergangenen Wochen anhängen, sondern dass sie versuchen werden, in der aufgeheizte Stimmung neue Mitglieder zu rekrutieren – die "dritte Generation" der griechischen Terroristen.

Wie groß das Reservoir ist, zeigte die Anarchie der vergangenen Wochen.



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.