Schuldenkrise: Griechen schimpfen über den hässlichen Deutschen

Von Ferry Batzoglou, Athen

Deutschland hat sich in den vergangenen Tagen in Griechenland eher keine Freunde gemacht. Die Attacken von Finanzminister Schäuble und EU-Kommissar Oettinger gegen das schuldengeplagte Land trafen tief. Die Empörung in Hellas ist groß - die Zeitungen bemühen böse Bilder.

Demo in Athen: Ohne Geld von Außen sind die Staatskassen im Oktober leer Zur Großansicht
REUTERS

Demo in Athen: Ohne Geld von Außen sind die Staatskassen im Oktober leer

Dass Wolfgang Schäuble in Griechenland für Schlagzeilen sorgt, ist eigentlich nichts Neues mehr. Zu lange währt die Finanzkrise in Griechenland, zu wichtig ist die Rolle Deutschlands als Retter in der Not. Doch an diesem Freitag prangte als Aufmacher der konservativen Athener Tageszeitung "Eleftheros Typos" neben dem Bild des deutschen Finanzministers ein besonders deftiger Titel: "Bedingungslose Kapitulation gegenüber neuen Alptraum-Maßnahmen."

Das Foto zeigt Schäuble bei seiner Rede am Donnerstag im Bundestag im Rahmen der Debatte um den EU-Rettungsschirm für die schuldengeplagten Länder der Euro-Zone - mit erhobenem Zeigefinger wohlgemerkt. Die Aufmachung der Zeitung war also ganz nach dem Motto: Da ist er wieder, der hässliche Deutsche, der Besserwisser Europas.

Schäuble gab sich in seiner Analyse über die prekäre Wirtschafts- und Finanzsituation in Hellas in der Tat wenig bedeckt. "Die Lage ist ernst in Griechenland. Wir verschaffen den betroffenen Ländern Zeit. Die Lösung der Strukturprobleme können wir ihnen nicht ersparen." Auch FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle ging bei der hitzigen Debatte mit Griechenland hart ins Gericht. "Wenn die Griechen ihre Verpflichtungen nicht einhalten, gibt's kein Geld", konstatierte er mit Blick auf die Ende voriger Woche unterbrochenen Verhandlungen zwischen der griechischen Regierung, den Geldgebern aus Europa und dem Internationalen Währungsfonds (IWF).

Als nun der deutsche EU-Kommissar Günther Oettinger (CDU) in einem am Freitag veröffentlichten Interview mit der "Bild"-Zeitung forderte, EU-Beamte mit der Privatisierung des griechischen Staatsbesitzes und dem Eintreiben von Steuern zu beauftragen, schäumten die Griechen: "Die Äußerungen von Oettinger sind abfällig. Die Bekämpfung der Steuerhinterziehung ist eine Frage der Bürokratie. Mit solchen Aussagen ist beabsichtigt, in Europa ein Klima zu schaffen, damit Griechenland weiter unter Druck gesetzt wird. Im Grunde genommen fühlt sich der Grieche dadurch terrorisiert", schimpfte Jannis Pantelakis, Chefredakteur für Politik bei der linksliberalen Athener Tageszeitung "Eleftherotypia" am Freitag.

"Das Problem Griechenlands wird nicht mit 'deutschen Inspektoren' und Drohungen über einen Euro-Ausschluss gelöst. Unser Land ist nicht das schwarze Schaf, sondern es ist abgetrennt von der Euro-Herde, trotz der großen Opfer, die seine Bürger bringen. Deutschland sollte nicht auf Griechenland schießen, sondern eine europäische Lösung für das Schuldenproblem suchen", unterstrich Panos Amyras, Chefredakteur von "Eleftheros Typos".

"Verhaltensweisen vom Typ 'Viertes Reich'"

Andreas Kapsabelis, Chefredakteur für Politik beim Blatt "Dimokratia" legte den Finger tief in die Wunde. "Solche verbalen Entgleisungen wie von Oettinger erhöhen sprunghaft negative Gefühle der griechischen Bürger, die gegen die Einmischung des Auslands in die inneren Angelegenheiten sind. Die Griechen sehen darin Verhaltensweisen vom Typ 'Viertes Reich'."

Noch mehr als die Deutschenfeindlichkeit wächst in Griechenland die Unsicherheit, ob die sogenannte Troika der Geldgeber die eigentlich noch im laufenden Monat September fällige nächste Kredittranche über acht Milliarden Euro für Griechenland überhaupt bewilligen wird. Sie wäre die insgesamt sechste seit dem Beschluss des ersten Hilfspakets im Mai 2010 im Gesamtvolumen von insgesamt 110 Milliarden Euro.

Kein Geld für Schulbücher

Schon wird in Athen fieberhaft durchgerechnet, wie lange die Rücklagen des griechischen Staates reichen, falls das Horrorszenario eintreten sollte. Das Ergebnis: Dreht die Troika den Griechen wirklich den Geldhahn zu, dann sind die hellenischen Staatskassen spätestens am 17. Oktober nicht nur leer, sondern stehen sogar mit rund 1,5 Milliarden Euro im Minus.

Was das bedeutet, haben die Griechen vor vielen Jahrzehnten zuletzt erlebt: Der griechische Staat könnte Gehälter, Renten und Pensionen nicht mehr auszahlen. Ein neuer Schock erwartet die Griechen am kommenden Dienstag, wenn erstmals zu Beginn des Schuljahres keine Lehrbücher in den Schulen auf die Schüler warten. Sie müssen bis auf weiteres mit Fotokopien und CDs auskommen.

Doch von derlei Turbulenzen lassen sich manche streikfreudige Griechen nicht beirren. Die Taxifahrer protestieren gegen die Liberalisierung in ihrer Branche, die Ärzte gegen die Sparmaßnahmen im Gesundheitsbereich und die Studenten gegen die Hochschulreform. Auch die Athener Müllabfuhr will aus Protest gegen den Stellenabbau streiken. Dann würde wieder einmal der Müll das Athener Straßenbild prägen. Rechtzeitig wenn die Chefkontrolleure der Troika wieder in Athen eintreffen.

"In so einer Lage denkt man ernsthaft daran, auszuwandern. Ich auch", sagt der erfahrene Journalist Pantelakis. Seine Zeitung "Eleftherotypia" hat seit Anfang Juli einen völligen Zahlungsstopp für die Gehälter aller Angestellten verfügt. Den Schritt gab die Verlagsleitung per Pressemitteilung bekannt. 700 Journalisten, Techniker und Verwaltungsangestellte sind betroffen. Doch die Zeitung erscheint täglich und in vollem Umfang weiter.

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insgesamt 426 Beiträge
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1. Stinkt Geld doch?
Kalaharry 09.09.2011
Zitat von sysopDeutschland hat sich in den vergangenen Tagen in Griechenland eher keine Freunde gemacht. Die Attacken von Finanzminister Schäuble und EU-Kommissar Oettinger gegen das schuldengeplagte Land trafen tief. Die Empörung in Hellas ist groß - die Zeitungen bemühen*böse Bilder. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,785453,00.html
Aber das deutsche Steuergeld wird dann doch gern genommen, oder? Wenn nicht, einfach kurz bei der Merkel anrufen!
2. .
c++ 09.09.2011
Ein schöner Beitrag, auf welche Weise der Euro die Einigung Europas vorantreibt. Er bewirkt das genaue Gegenteil. Der Euro spaltet die Völker Europas. Der Euro eine Frage von Krieg und Frieden? Wenn das mal nicht in die Hose geht, von Friedensförderung keine Spur. Die deutschen Politiker haben kein Recht, den Griechen Forderungen zu stellen, aber auch kein Recht, die Steuergelder Deutschlands nach Athen zu transferieren.
3. ...
DergerechteZorn 09.09.2011
Die Griechen schimpfen über die häßlichen Deutschen. Recht haben sie! Was wird denn hier in den Medien und seitens der Politik verbreitet: Die Mär von den faulen, korrupten, unfähigen, gar dummen Griechen. Wenn man sich die ökonomisch vollkommen Sinnlosen und zugleich nationalistischen "Argumente" (auch in vielen Forenbeiträgen zur Euro-Katastrophe (!) ) so anschaut, bekommt man auch den Eindruck, dass "die Deutschen" ihre häßliche Fratze zeigen. Zumindest aber ihre Dummheit angesichts der Krise des Kapitalismus. "Die Deutschen" haben NICHTS aus der Geschichte gelernt.
4. o.k. - dann eben nicht ... !!!!!
weltbetrachter 09.09.2011
Ist ja gut, die Griechen müssen unser Geld ja nicht nehmen. Das spart uns auch jede Menge Milliarden. Dann können die ihren Mist eben selbst ausbaden und sollenn uns alle in Ruhe lassen. Das aber mit allen Konsequenzen. . Niemand wird zur Annahme von Hilfe gezwungen. . Auch wir sind es leid, Milliarden an Steuergeldern, die auch wir hart erarbeiten müssen, ständig für Pleite-Länder abgeben zu müssen. Und hierzulande werden Infrastrukturprojekte - Straßenbau, Schulsanierung usw. - wegen Geldmangel eingestellt. Wir können unsere Steuergelder selbst gut gebrauchen. . Dann sollen die Griechen aufhören bei der EU zu betteln, denn dann gibt es auch keinen Grund mehr über uns zu lästern.
5. s
Steinwald 09.09.2011
naja, das liegt ja nun auch mit daran, dass die bürger in griechenland genauso wenig wie die in deutschland verstehen, was denn da nun wirklich passiert. ich persönlich raff es ja auch nicht, das ist ja die hochkomplexe sache. und wenn man so in den letzten monaten zuschaut bekommt man doch mehr als den eindruck, dass gerade die zeitungen nicht unbedingt die geeignetsten vermittler der sache sind. böse bilder bemühen alle blätter, ob bild oder das entsprechende schundblatt in hellas. wir wollen mal jemanden, einen experten, der das nüchtern und richtig und verständlich erklärt. spiegel, schreite voran. dann brauchts auch keine bösen leute.
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