Von Ferry Batzoglou, Athen
Dass Wolfgang Schäuble in Griechenland für Schlagzeilen sorgt, ist eigentlich nichts Neues mehr. Zu lange währt die Finanzkrise in Griechenland, zu wichtig ist die Rolle Deutschlands als Retter in der Not. Doch an diesem Freitag prangte als Aufmacher der konservativen Athener Tageszeitung "Eleftheros Typos" neben dem Bild des deutschen Finanzministers ein besonders deftiger Titel: "Bedingungslose Kapitulation gegenüber neuen Alptraum-Maßnahmen."
Das Foto zeigt Schäuble bei seiner Rede am Donnerstag im Bundestag im Rahmen der Debatte um den EU-Rettungsschirm für die schuldengeplagten Länder der Euro-Zone - mit erhobenem Zeigefinger wohlgemerkt. Die Aufmachung der Zeitung war also ganz nach dem Motto: Da ist er wieder, der hässliche Deutsche, der Besserwisser Europas.
Schäuble gab sich in seiner Analyse über die prekäre Wirtschafts- und Finanzsituation in Hellas in der Tat wenig bedeckt. "Die Lage ist ernst in Griechenland. Wir verschaffen den betroffenen Ländern Zeit. Die Lösung der Strukturprobleme können wir ihnen nicht ersparen." Auch FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle ging bei der hitzigen Debatte mit Griechenland hart ins Gericht. "Wenn die Griechen ihre Verpflichtungen nicht einhalten, gibt's kein Geld", konstatierte er mit Blick auf die Ende voriger Woche unterbrochenen Verhandlungen zwischen der griechischen Regierung, den Geldgebern aus Europa und dem Internationalen Währungsfonds (IWF).
Als nun der deutsche EU-Kommissar Günther Oettinger (CDU) in einem am Freitag veröffentlichten Interview mit der "Bild"-Zeitung forderte, EU-Beamte mit der Privatisierung des griechischen Staatsbesitzes und dem Eintreiben von Steuern zu beauftragen, schäumten die Griechen: "Die Äußerungen von Oettinger sind abfällig. Die Bekämpfung der Steuerhinterziehung ist eine Frage der Bürokratie. Mit solchen Aussagen ist beabsichtigt, in Europa ein Klima zu schaffen, damit Griechenland weiter unter Druck gesetzt wird. Im Grunde genommen fühlt sich der Grieche dadurch terrorisiert", schimpfte Jannis Pantelakis, Chefredakteur für Politik bei der linksliberalen Athener Tageszeitung "Eleftherotypia" am Freitag.
"Das Problem Griechenlands wird nicht mit 'deutschen Inspektoren' und Drohungen über einen Euro-Ausschluss gelöst. Unser Land ist nicht das schwarze Schaf, sondern es ist abgetrennt von der Euro-Herde, trotz der großen Opfer, die seine Bürger bringen. Deutschland sollte nicht auf Griechenland schießen, sondern eine europäische Lösung für das Schuldenproblem suchen", unterstrich Panos Amyras, Chefredakteur von "Eleftheros Typos".
"Verhaltensweisen vom Typ 'Viertes Reich'"
Andreas Kapsabelis, Chefredakteur für Politik beim Blatt "Dimokratia" legte den Finger tief in die Wunde. "Solche verbalen Entgleisungen wie von Oettinger erhöhen sprunghaft negative Gefühle der griechischen Bürger, die gegen die Einmischung des Auslands in die inneren Angelegenheiten sind. Die Griechen sehen darin Verhaltensweisen vom Typ 'Viertes Reich'."
Noch mehr als die Deutschenfeindlichkeit wächst in Griechenland die Unsicherheit, ob die sogenannte Troika der Geldgeber die eigentlich noch im laufenden Monat September fällige nächste Kredittranche über acht Milliarden Euro für Griechenland überhaupt bewilligen wird. Sie wäre die insgesamt sechste seit dem Beschluss des ersten Hilfspakets im Mai 2010 im Gesamtvolumen von insgesamt 110 Milliarden Euro.
Kein Geld für Schulbücher
Schon wird in Athen fieberhaft durchgerechnet, wie lange die Rücklagen des griechischen Staates reichen, falls das Horrorszenario eintreten sollte. Das Ergebnis: Dreht die Troika den Griechen wirklich den Geldhahn zu, dann sind die hellenischen Staatskassen spätestens am 17. Oktober nicht nur leer, sondern stehen sogar mit rund 1,5 Milliarden Euro im Minus.
Was das bedeutet, haben die Griechen vor vielen Jahrzehnten zuletzt erlebt: Der griechische Staat könnte Gehälter, Renten und Pensionen nicht mehr auszahlen. Ein neuer Schock erwartet die Griechen am kommenden Dienstag, wenn erstmals zu Beginn des Schuljahres keine Lehrbücher in den Schulen auf die Schüler warten. Sie müssen bis auf weiteres mit Fotokopien und CDs auskommen.
Doch von derlei Turbulenzen lassen sich manche streikfreudige Griechen nicht beirren. Die Taxifahrer protestieren gegen die Liberalisierung in ihrer Branche, die Ärzte gegen die Sparmaßnahmen im Gesundheitsbereich und die Studenten gegen die Hochschulreform. Auch die Athener Müllabfuhr will aus Protest gegen den Stellenabbau streiken. Dann würde wieder einmal der Müll das Athener Straßenbild prägen. Rechtzeitig wenn die Chefkontrolleure der Troika wieder in Athen eintreffen.
"In so einer Lage denkt man ernsthaft daran, auszuwandern. Ich auch", sagt der erfahrene Journalist Pantelakis. Seine Zeitung "Eleftherotypia" hat seit Anfang Juli einen völligen Zahlungsstopp für die Gehälter aller Angestellten verfügt. Den Schritt gab die Verlagsleitung per Pressemitteilung bekannt. 700 Journalisten, Techniker und Verwaltungsangestellte sind betroffen. Doch die Zeitung erscheint täglich und in vollem Umfang weiter.
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