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Massenprotest gegen Sparpolitik: Irlands Wasserwut

Weil Irland seit der Finanzkrise rigide spart, sollen die Bürger ab 2015 Wassergebühren zahlen. Im Massenprotest gegen die neue Belastung entlädt sich nun der Frust der Iren über die Zumutungen des Krisenmanagements.

Proteste in Dublin: Zehntausende wehren sich gegen hohe Wassergebühren Fotos
AP

Dublin - Zehntausende Iren haben gegen Pläne für neue Wassergebühren protestiert. Allein im Zentrum der Hauptstadt Dublin gingen am Samstag 20.000 Menschen auf die Straßen. Landesweit waren es nach Schätzungen des staatlichen Rundfunksenders RTE etwa 120.000. Es ist der größte öffentliche Protest gegen die Sparpolitik der Regierung seit Irlands Rettung vor der Staatspleite durch EU und Internationalen Währungsfonds (IWF) vor vier Jahren.

Die Wassergebühren gehören zu Sparmaßnahmen, zu denen sich die Regierung im Gegenzug für die internationale Finanzhilfe verpflichtet hatte. Bisher wurde die Wasserversorgung durch Steuern finanziert. Mit den neuen Gebühren wird ein Durchschnittshaushalt nun wahrscheinlich zwischen 200 und 400 Euro im Jahr bezahlen müssen. Ausnahmen soll es zwar geben. Aber ganz fallen lassen wird die Regierung ihre Pläne wohl kaum. Ministerpräsident Enda Kenny kündigte nun an, dass alle Unklarheiten über die finanziellen Belastungen bald beseitigt würden.

Die Iren hatten härtere Einschnitte jahrelang vergleichsweise gelassen hingenommen. Irland-Kennern zufolge entlädt sich mit den Protesten gegen die Wassergebühren nun eine aufgestaute Wut. Zumal die Gebühren in den vergangenen Monaten das dominierende Thema in den Medien waren. Aber auch andere Belastungen für die Verbraucher sowie die fast täglichen Enthüllungen über hohe Gehälter und Bonuszahlungen für Manager wurden immer wieder thematisiert. In der Gunst der Bevölkerung fiel Kennys Mitte-rechts-Partei Fine Gael der jüngsten Umfrage zufolge deutlich hinter die linke Oppositionspartei Sinn Fein zurück.

Der Aufschwung kommt bei den Menschen nicht an

Irland war 2010 tief in die Schuldenkrise gerutscht, weil die Regierung marode Banken retten musste. Im vergangenen Jahr konnte das Land als erster der Euro-Krisenstaaten das Hilfsprogramm von EU und IWF wieder verlassen. Im Mai 2014 gab die Regierung bekannt, sie wolle einen Teil der Darlehen früher als geplant zurückzahlen. Irland könne sich günstig Geld leihen und so die Kosten verringern, sagte Wirtschaftsminister Richard Bruton am Freitag. "Das wäre auf jeden Fall attraktiv."

Dieses Jahr erwartet Irland ein Wirtschaftswachstum von fast fünf Prozent. Das Land gilt als Musterbeispiel für die Überwindung der Schuldenkrise.

Viele Iren beklagen aber, dass der Aufschwung bei ihnen nicht ankomme. "Es geht nicht nur um Wasser. Es geht um die vergangenen fünf Jahre", sagte ein 55-jähriger Schildermaler. Er habe sein Auto abschaffen und seine Lebens- und Krankenversicherung kündigen müssen. In diesem Jahr habe er nachdenken müssen, ob er sich neue Schuhe kaufen könne. "So weit sind wir gekommen. Das Maß ist voll."

hei/Reuters

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insgesamt 44 Beiträge
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1. Wassergebühren DE
Kvert 02.11.2014
LOL, wenn man überlegt was wir in DE für Wasser + Abwassergebühren bezahlen müssen, obwohl bei uns kein Mangel an Wasser herrscht, dann kann man sich nur wundern :-)
2. Liebe Iren....
politik-nein-danke 02.11.2014
willkommen in der Realität.... Wenn man ein Steuerparadies schafft, in dem Unternehmen keine Steuern zahlen, dann muss man sich nicht wundern, dass sich die Wasserversorgung nicht mehr über Steuern finanzieren lässt....
3. Und das alles nur
erasmus89 02.11.2014
wegen den Banken. Menschen müssen alles Hab und Gut aufgeben, damit sie die Schulden dieser Finanzmafia ausgleichen müssen. Soviel zum Thema Demokratie und Linkspartei.
4. Ausgerechnet Irland
von_scheifer 02.11.2014
Wo es ständig Nachschub an diesem wunderbaren weichen Regenwasser kostenlos von oben gibt. Das solche enormen Teeränder in Tasse und Kanne erzeugt. Mein Tip: Dach säubern, 5000 Ltr. Tonne einbuddeln (mit Filter und Pumpe) und die Wasserversorgung abbestellen. Kostet incl. Einbau zwischen 2.500 und 4.000 Euro. Amortisiert sich also in ca. 5 Jahren. Wenn es müffel-kritisch wird, kann man in Irland auch im Meer oder im nächsten Moorsee baden. Aber das dürfte kaum passieren.
5. Frontlinien
never-stop 02.11.2014
Wo verlaufen den die Linien? Zwischen dem Steuerparadies Irland und angeblichen Partnerstaaten wie Deutschland, denen es schwer schadet indem es Steuern die der dortigen Bevölkerung zusteht absaugt? Und sich von denen auch noch retten ließ? Oder zwischen einerseits den europäischen "Eliten" die immer wie Fettaugen auf der Suppe schwimmen, und gewiss sein können von den Politkern die sich auch als der Elite zugehörig fühlen, wenn überhaupt, nur sehr langsam in die Pflicht genommen werden. Und andererseits den Normalbürgern und "kleinen Leuten"? Wohl beides.
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Fläche: 70.182 km²

Bevölkerung: 4,61 Mio.

Hauptstadt: Dublin

Staatsoberhaupt:
Michael D. Higgins

Regierungschef: Enda Kenny

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