Bestseller-Gewehr AR-15: Amerika liebt die Knarre der Killer

Aus Pasadena, Maryland, berichten und (Video)

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Seit dem Massaker von Newtown kaufen die Amerikaner mehr Schusswaffen als je zuvor - und vor allem das halbautomatische Gewehr AR-15, das der Amokläufer verwendete. Bei der zivilen Version des militärischen M16 gibt es inzwischen Lieferengpässe. Die Geschichte eines zynischen Booms.

Nein, Frank Loane hat wirklich nichts gegen Barack Obama. "Um ehrlich zu sein, der Präsident hat mein Geschäft unglaublich angekurbelt", sagt er und grinst. "Ich würde ihn glatt am Gewinn beteiligen. Jedes Mal, wenn er sich äußert, verkaufe ich mehr Waffen."

Loane steht am Tresen seines Waffenladens Pasadena Pawn & Gun. In den Glasvitrinen vor ihm ruhen Dutzende Pistolen, an der Wand hängen mindestens ebenso viele Gewehre. Loane selbst hält ein halbautomatisches AR-15 in den Händen, die er den Besuchern gerade präsentiert, sanft und liebevoll, wie ein Baby.

Loanes Laden liegt im Örtchen Pasadena in Maryland, südlich von Baltimore. Der Shop ist nicht mehr als eine Hütte an einem Highway - doch drinnen finden sich fast mehr Waffen als im Arsenal einer Armee: Pistolen, Revolver, Büchsen, Flinten, Gewehre. Halbautomatische Gewehre. Sturmgewehre. Maschinengewehre.

Dazu gibt's die üblichen Utensilien, vom Holster bis zum Spezialmagazin. Und Spaß-Aufkleber: "Terroristen-Jagdgenehmigung Nr. 91101"; "100 Meter Abstand halten, oder du wirst erschossen" (auf Englisch und Arabisch). Die Weihnachtsbeleuchtung, die bis heute von einem Regal baumelt, ist aus Patronenhülsen gebastelt. In der Ecke, neben dem Mülleimer und den Snacks, ruht eine dicke Panzerfaust.

Das begehrteste Stück aber trägt Loane: das AR-15. "Das populärste Gewehr im Land", sagt er. "Die Leute lieben es. Es sieht militärisch aus, es ist leicht, es ist einfach zu bedienen." Er wiegt es in den Händen. "Ja, wir lieben es."

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Waffen-Boom in den USA: Amerikas Killer-Accessoire
Beispielloser Nachfrageboom

Die zivile Version des Militärgewehrs M16 ist Amerikas Lieblingswaffe. Obwohl - oder gerade? - weil das AR-15 immer wieder traurige Berühmtheit erlangt. Adam Lanza, der Amokläufer von Newtown, hatte ein AR-15 dabei. Wie auch James Holmes, der 2012 in einem Kino in Aurora, Colorado, ein Blutbad anrichtete. Und William Spengler, der "Feuerteufel von Webster". Und die beiden Heckenschützen, die in genau dieser Gegend hier schon 2002 für Angst sorgten.

Die Massaker haben die Beliebtheit des Killer-Accessoires nicht geschmälert. Im Gegenteil: Nach Newtown schien Amerika erst recht in einen Waffenrausch zu verfallen. Vor allem für das AR-15 berichten Händler dabei von einem beispiellosen Nachfrageboom.

Die Hersteller schlüsseln den Absatz zwar nicht nach Typen auf. Doch Experten haben hochgerechnet, dass in den USA 3,8 Millionen AR-15s im Umlauf sind - mehr denn je.

"Früher haben wir pro Monat zwei, drei Stück verkauft", sagt Loane, dessen Privatsammlung mehr als 300 Waffen zählt. "Seit November sind es schon 50, wenn nicht mehr." So viele, dass Loane eine Warteliste anlegen musste.

Auch der Preis hat sich mehr als verdoppelt. Vor Newtown kostete ein AR-15 im Schnitt 1100 Dollar. Das Gewehr, das Loane nun anbietet (Standardausführung, schwarz), kommt einen inzwischen 2899 Dollar.

Das kann Sam Helmick nicht abschrecken. Der kräftige Mann mit dem tätowierten Ringfinger, ein Stammgast in Loanes Laden, verdingt sich als Kopfjäger: Er hetzt gerichtsflüchtigen Angeklagten hinterher ("nach Mexiko, nach New York City, einmal fast bis nach Alaska") und bringt sie mit Waffengewalt zurück.

Er besitze Dutzende Waffen: "Unterm Bett, im Bad, im Keller." Doch eine gehe über alles: "Das AR-15 ist die rundum beste Waffe, die es gibt." Helmick zeigt AR-15-Fotos auf seinem iPhone, zwischen Bildern seiner Frau und eines Babys.

Bürokratische Hürden schrecken die Angstkäufer nicht

Das AR-15 profitiert von einer Kultur, die den Mythos des einsamen Rächers, ewige Angst vor "Feinden" und paranoide Ressentiments verquirlt. Stag Arms, der weltweit führende AR-Hersteller, hat dank "überwältigender Nachfrage" mittlerweile einen zweijährigen Lieferrückstand und nimmt seit Ende Januar keine neuen Order mehr an. Bestände würden schnellsten ausgeliefert, "bevor potentielle staatliche Einschränkungen" greifen könnten.

Darin liegt denn auch der Hauptgrund für den jüngsten AR-15-Hype - Angst vor neuen Waffengesetzen. Halbautomatische Gewehre wie das AR-15, die davon betroffen wären, sind plötzlich Liebhaberstücke: Sie "fliegen aus den Regalen", wie der "Boston Globe" jetzt schrieb.

"Die Leute fürchten, dass sie bald keine ARs mehr bekommen", weiß Loane. Dabei seien die staatlichen Kontrollen jetzt schon lästig und langwierig genug: "Allein der Papierkram dauert acht Wochen." Loane holt einen Stapel Dokumente hervor - die Antragsformulare, die ein Waffenkäufer in Maryland ausfüllen muss.

Die enthalten einen endlosen Fragenkatalog, der Strohmänner, Kriminelle und andere Ungeeignete aussieben soll: Sind Sie vor der Justiz flüchtig? Sind Sie drogenabhängig? Sind Sie geisteskrank? Wurden Sie mal unehrenhaft aus dem Militär entlassen? Sind Sie ein illegaler Einwanderer? Sind Sie vorbestraft?

Welcher Straftäter würde das offen bejahen? Diesen Einwand will Loane nicht gelten lassen: "Die prüfen alles nach!" Den Opfern von Newtown nutzte das wenig: Lanzas Waffen gehörten seiner unbescholtenen Mutter.

Die bürokratischen Hürden schrecken die Angstkäufer nicht. Auch im Pasadena Pawn & Gun herrscht Hochbetrieb. Dauernd klingelt die Schelle, die Kunden drücken müssen, um durch eine vergitterte Tür in den Laden zu kommen. Darunter sind auch einige Frauen, die ihre Bestellung über die Theke wispern oder vom Smartphone ablesen. Loane fragt sie rituell nach dem Grund ihres Waffenkaufs. Die Antwort lautet stets: "Zur Selbstverteidigung."

"Das Gewehr, das die Linken zu hassen lieben"

Den jüngsten AR-15-Boom spürte Loane schon lange vor Newtown, und zwar Ende Oktober. Denn da sprach sich Obama bei der zweiten Präsidentschaftsdebatte erstmals für ein schärferes Waffenrecht aus: "Waffen, die für Soldaten auf Kriegsschauplätzen entworfen wurden, gehören nicht auf unsere Straßen."

Auch das AR-15 wurde im Krieg geboren. 1957 für die US-Armee entwickelt, um "beide Seiten eines Armeehelms aus 500 Metern Entfernung zu durchschlagen", kam es als M16 im Vietnam-Krieg erstmals zum breiteren Einsatz. Die zivile Version, ab 1963 im Handel, ist im Gegensatz zum M16 "nur" halbautomatisch" - man muss für jeden Schuss extra abdrücken.

Von 1994 bis 2004 war das AR-15 unter dem Sturmgewehrbann verboten. Das machte es anschließend nur noch attraktiver. Lange war es sogar ein Renner im Sortiment des größten US-Einzelhändlers Walmart, in der Abteilung "Sport und Freiland". Erst drei Tage nach Newtown nahm Walmart die Waffe aus dem Handel.

"Das Gewehr, das die Linken zu hassen lieben", betitelte NRA-Präsident David Keene kürzlich einen Blog-Eintrag übers AR-15. Auch die US-Jagdsportvereinigung NSSF kämpft fürs AR-15: "Ich jage Raubtiere, das AR-15 ist ideal dafür", zitiert sie den Profijäger Byron South.

Solche Macho-"Testimonials" gehören zur ausgefeilten Marketing-Strategie, die pseudomilitärische Waffen so beliebt gemacht hat. Motto: Damit kann jeder Soldat spielen.

"Wenn deine Mission mehr verlangt", wirbt Bushmaster für sein Kampfgewehr ACR, das modifizierte Teile des AR-15 enthält. Waffen wie das AR-15 "strahlen Maskulinität und Krieg aus", schreibt Sanjay Sanghoee in der "Huffington Post" und vergleicht das mit dem "Marlboro Man", der Rauchen schick machte.

Doch nicht nur die harten Kerle sind gefragt. Das US-Waffenmagazin "Guns & Ammo" zeigte jetzt das Fotos einer weißhaarigen Lady mit der Knarre im Anschlag: "Oma ist wieder am Schießstand." Omas Gewehr? Ein AR-15.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 94 Beiträge
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    Seite 1    
1. Am deutschen Wesen...
lecker 26.02.2013
soll mal wieder die Welt genesen???? Oh Mann, was für eine Hybris. Jeder AR15 Käufer wird wieder pauschal in die Ecke gestellt. Von den deutschen gründebilen ach so fortschrittlichen abfalltrennenden Gutmenschen. In keiner Rechtsordnung dieser Welt wird das Tatmittel angeklagt und ggf. eingeknastet, auch in der deutschen nicht. Warum? Weil der Täter die Straftat begeht. Kein AR15 eröffnet selbsttätig das Feuer.
2. Nur weiter so!
zeitmax 26.02.2013
Sollen sie sich doch ihre paranoiden Hirne gegenseitig wegpusten! Für die Welt wärs ein Gewinn, zweifelsohne.
3. Ihre Logik ist verkehrt!
miketh 26.02.2013
Das AR15 ist leicht, sehr präzise, einfach zu bedienen und es gibt einen riesigen Zubehörmarkt. Das ist auch für einen unbescholtenen Sportschützen auf dem Schießstand eine sehr willkommene Ausgangsposition. Das militärische Aussehen ist vor allem der Ergonomie geschuldet, militärische Gewehre müssen nun mal Soldaten/Polizisten aller Größen und beiderlei Geschlechts passen. Das sich irgendwelche finsteren Elemente der Gesellschaft die positiven Eigenschaften des AR15 für Ihre Massenmorde (sie sidn geplant, also auch kein Amoklauf aus Affekt) zu Nutze machen ist traurig, aber nur eine Folge. Keiner kauft sich ein Gewehr, nur weil es mal in einer Schießerei benutzt wurde. In diesem Sinne: Euer Titel heischt nach Aufmerksamkeit, das hättet ihr nicht nötig, SPIEGEL ONLINE, sehr schwach!
4. Genau davor haben unsere
Niamey 26.02.2013
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINESeit dem Massaker von Newtown kaufen die Amerikaner mehr Schusswaffen als je zuvor - und vor allem das halbautomatische Gewehr AR-15, das der Amokläufer verwendete. Bei der zivilen Version des militärischen M16 gibt es inzwischen Lieferengpässe. Die Geschichte eines zynischen Booms. Schusswaffen in den USA: Das Gewehr AR-15 ist Amerikas Lieblingswaffe - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/schusswaffen-in-den-usa-das-gewehr-ar-15-ist-amerikas-lieblingswaffe-a-882609.html)
Politiker einen heiden Bammel. Wenn es diese Waffengesetze und Waffen in Europe gäbe, dann wären unsere Volksvertreter ruckzuck Freiwild! Aber es gibt sie nicht und trotzdem fährt fast jeder Seppel bis runter zum Bürgermeister eine gepanzerte Limousine? Alles Steuergelder!
5. Warum?
rusignolo 26.02.2013
Was hat der Spiegel davon so gegen Waffen zu hetzen?
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Waffengewalt in den USA