Zwangsheirat für Syrerinnen Schmarotzer des Elends

Der Bürgerkrieg in Syrien ist schuld an einer neuen Form von Sextourismus: Reiche Rentner vom Arabischen Golf suchen sich junge Flüchtlingsfrauen. Die Männer versprechen Ehe und Treue - und lassen die Mädchen oft nach wenigen Wochen sitzen.

Aus Nordjordanien berichtet

Syrisches Flüchtlingslager: Eine Frau wärmt sich an einem Feuer
AP

Syrisches Flüchtlingslager: Eine Frau wärmt sich an einem Feuer


In der Stadt Ramtha an der Grenze zwischen Jordanien und Syrien verkauft Abu Mohammed unter anderem geschmuggelte Zigaretten, Thunfisch in Dosen, auch Öl und Benzin. Doch seit einiger Zeit fragt die Kundschaft vor allem nach einem: "Syrerinnen unter 20 Jahren, am besten 14, blond und hellhäutig", referiert Abu Mohammed. Er ist empört.

Der Jordanier mit akkurat getrimmtem Schnauzer und verblichenem Jackett findet solche Anfragen eine Unverschämtheit. "Sie nutzen das Elend der Syrer aus, das ist widerlich. Sie könnten die Großväter der Mädchen sein!"

Sie, das sind meist Männer aus dem benachbarten reichen Saudi-Arabien. "60 und so dick, dass sie zu Hause keine Frau mehr abbekommen", spottet Abu Mohammed. "Das macht man nicht. 14-Jährige, das sind doch Kinder", sagt der jordanische Händler.

Im dritten Jahr der Gewalt in Syrien ist die Not vielerorts groß. Viele Menschen haben ihr Hab und Gut verloren. Hunderttausende sind gestorben oder wurden verhaftet. Nicht wenige Familien stehen ohne Vater da, ohne Ehemann - also "schutzlos". Denn die Männer gelten als Versorger und Beschützer der Frauen in den Augen von traditionell geprägten Familien, wie es viele syrische Flüchtlinge aus den ländlichen Regionen sind.

Der 60-Jährige sieht kein Problem darin, dass die Gattin 14 ist

Abu Ahmed, 60, ist einer von denen, die diese Notlage der Frauen ausnutzen. Der Saudi-Araber ist für drei Wochen nach Irbid in Nordjordanien gereist. Er hat sich in der Gegend ein wenig umgesehen. Nach ein paar Tagen hat er geheiratet, ein 14-jähriges syrisches Flüchtlingsmädchen. "Das ist Sutra, eine Schutz-Ehe", behauptet er. Also eine Ehe, mit der vermeintlich schutzlose Mädchen oder Frauen gerettet werden sollen, indem ein wohlwollender Ehemann sie bei sich aufnimmt.

Mehr will Abu Ahmed nicht sagen. Offenbar ist ihm bewusst, dass seine Hochzeit nur bedingt mit selbstloser Nächstenliebe zu tun hat.

Es ist eine schwierige Situation, in der sich einige syrische Frauen und Mädchen auf der Flucht befinden. Was tun, wenn man alles verloren hat? Wenn man keine Arbeit findet? Wenn die Männer gestorben sind? Wie soll es weitergehen?

Manche junge Syrerinnen verkaufen ihren Körper. Doch Prostitution ist ein Randphänomen. In den traditionelleren Familien gehört es zur Ehre der Familie, dass die Sexualität der Frau kontrolliert wird. Das geht so weit, dass manche Familien im Flüchtlingslager ihre Fotoalben verstecken, weil sie Angst haben, ein fremder Mann könnte die Bilder ihrer Frau ohne Kopftuch entdecken.

Häufig geworden sind in Nordjordanien jedoch die "Schutz-Ehen". Sehr junge Mädchen heiraten deutlich ältere Männer, die versprechen, sie zu "beschützen". Auch solche Ehen können gutgehen. Sie können aber auch auf Prostitution oder Missbrauch hinauslaufen.

Eheurkunde als Deckmantel für Prostitution

Damit eine Ehe in Jordanien Bestand hat, muss sie vor einem islamischen Gericht geschlossen werden. Allerdings lehnen jordanische Religionsgelehrte es ab, minderjährige Mädchen zu verheiraten. Wer eine 14-jährige Syrerin heiraten will, lässt sich also kurzerhand nach Brauchtumsrecht vermählen. Das geht immer.

Dafür zahlt der Heiratswillige dem Mädchen einmal rund 2000 jordanische Dinar, knapp 2100 Euro, so die aktuellen Preise. Danach unterschreiben beide die Eheurkunde vor zwei syrischen Trauzeugen, die eine Handvoll Dinar für ihren Aufwand bekommen. Anschließend sind sie Mann und Frau - allerdings nur auf dem Papier.

Eine solche Ehe hat gesetzlich keinen Bestand. Sie bringt keinerlei Rechte für die Frau mit sich. Ihr einziger Vorteil: Sie verleiht der Prostitution ein scheinbar karitatives und religiöses Deckmäntelchen, um den Freier nicht in moralischen Zwiespalt zu bringen.

Die Mädchen sind ihrem Ehemann ausgeliefert. Hat der Gatte genug von ihnen, braucht es keine Scheidung. Der Mann muss sich nur aus dem Staub machen. Reist er nach Saudi-Arabien aus, kann die vermeintliche Ehefrau ihm nicht folgen. Sie hat kein Visum. Immer wieder hört man von saudi-arabischen Gatten, die nur mal eben kurz in die Heimat wollten, um ein Visum für ihr syrisches Mädchen zu organisieren - und niemals wiederkamen.

Offizielle Zahlen gibt es bisher keine. Es ist ein sensibles Thema. Doch Vertreter internationaler Organisationen wie Amnesty International oder der Uno haben die Schutz-Ehen zwischen minderjährigen Syrerinnen und reichen Saudi-Arabern bereits als Problem bezeichnet.

In einer ausführlichen Untersuchung weist die Uno-Frauenbehörde auch darauf hin, dass das Problem noch viel weiter geht und nicht nur saudi-arabische Männer betrifft: Immer jünger sind die Mädchen, die so verheiratet werden. Ihre traditionell geprägten Familien sehen darin kein Problem. Angesichts der schwierigen Umstände scheint ihnen eine solche ungültige Hochzeit sogar das Beste für ihr Kind.

Spender klopfen im Haus der Märtyrerfrauen an

Im "Haus der Frauen der Märtyrer" in Ramtha leben Frauen und Mädchen, deren Männer als Rebellenkämpfer in Syrien gestorben sind. Die Miete zahlen private Spender aus Katar. Regelmäßig kommen von Saudi-Arabern finanzierte Hilfsorganisationen vorbei mit Lebensmitteln, Decken und einem Taschengeld.

"Jedes Mal, wenn sie uns die Spenden vorbeibringen, fragen sie: 'Will jemand einen Saudi-Araber heiraten?'", erzählen die Witwen. Es ist ein Vorwurf, den man in Jordanien regelmäßig hört und den die Organisationen nicht kommentieren wollen. Zwang wird keiner ausgeübt. Doch wenn die Hand, die einen ernährt, jedes Mal freundlich anklopft, ob man denn nicht heiraten wolle, kommt die Botschaft auch an.

Die 33-jährige Umm Mustafa teilt sich im Märtyrerwitwen-Haus eine Wohnung mit ihren sieben Kindern. Sie hat mit knapp 14 geheiratet, nicht ganz unüblich in Südsyrien auf dem Land. Man sieht Umm Mustafa die sieben Kinder nicht an. Sie wirkt jugendlich. Und sie ist ausgesprochen hübsch mit ihren dunklen, strahlenden Augen.

"Wir müssen meine Mutter verstecken", spottet Hasar, 19, ihre älteste Tochter, die in Syrien schon verheiratet war, sich von ihrem Mann jedoch trennte, weil er sie schlug. "An einem Tag hatten wir allein vier Männer vor dem Haus stehen", sagt Hasar, die auffällt mit ihrem modischen bunten Kopftuch. "Reiche Saudi-Araber und Jordanier. Alle haben ihr eine Schutz-Ehe angeboten."

"Ich habe ihnen gesagt, dass ich alt und Mutter bin", lacht Umm Mustafa. "Und dann haben die Saudi-Araber uns gefragt", unterbricht Hasar. Sie meint sich und ihre jüngeren Schwestern. "Das wäre vielleicht nicht das Schlechteste in unserer Situation", sagt Umm Mustafa. "Aber nur, wenn du zuerst dran bist", erwidert Hasar.

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insgesamt 76 Beiträge
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Seite 1
Der Doc 26.01.2014
1. Ja ja ...
... böser Iran, gute Saudis ... *seufz*
Mach999 26.01.2014
2.
---Zitat--- Doch Prostitution ist ein Randphänomen. ---Zitatende--- ---Zitat--- Dafür zahlt der Heiratswillige dem Mädchen einmal rund 2000 jordanische Dinar, knapp 2100 Euro, so die aktuellen Preise. ---Zitatende--- Wenn das mal keine Prostitution ist, dann kenne ich die Definition dafür nicht.
hanshorst79 26.01.2014
3. Heuchler
Das schlimme ist das gerade von den saudis islamische Werte gepredigt werden, kinderschänder unter dem Deckmantel der ehe sich austoben dürfen..... Mir fällt nichts mehr ein !
mhjduerr 26.01.2014
4.
Wenn man dann noch berüchsichtigt, dass die Saudis und Kataris mit ihren Millionen an die Terroristen/Rebellen in Syrien den Bürgerkrieg dort noch befeuern und am Leben erhalten wundert man sich doch sehr das diese als "Friedensstifter" in Genf mit am Tisch sitzen!
atech 26.01.2014
5. Lösungsvorschläge
Das wäre doch etwas für Frau von der Leyen: sie will die deutsche Bundeswehr mehr in Notstandsgebieten einsetzen, um der dortigen Bevölkerung zu helfen. Also, auf nach Syrien, befreien wir das Land und verhelfen so den Syrerinnen zu ihrer Freiheit... oder war da noch etwas? - Ach ja, richtig. Die Syrer haben ihre Töchter schon immer so jung verheiratet, siehe Artikel und die dort erwähnte Mutter von 7 Kindern, die nach meiner Rechnung mit 13 (!) Jahren verheiratet worden war, da sie heute mit 33 Jahren eine 19-jährige Tochter hat. Und dann ist da noch die "syrische Opposition", von Saudi Arabien finanzierte Fundamentalisten, die in Syrien die Scharia schneller einführen würde als Frau von der Leyen bis drei zählen kann. Sollte Assad gestürzt werden. Also das mit der "Hilfe" für die armen Flüchtlingsmädchen können wir uns wohl abschminken. Ausser es traut sich jemand, in Saudi Arabien vorzusprechen, damit die dortige Regierung solche Ehen entweder unterbindet oder wenigstens legalisiert. Aber halt, auch das nützt nicht viel, weil saudi arabische Ehefrauen sowieso kaum Rechte haben, sondern wie Minderjährige lebenslang von ihren männlichen Verwandten oder einem Ehemann abhängig sind. Bliebe als letzte Möglichkeit noch, dass wir die Flüchtlinge, insbesondere Frauen mit oder ohne Kinder, aber ohne Männer, bei uns in Deutschland aufnehmen. Aber "Armutsflüchtlinge" will hier auch keiner. Heißt es zumindest in den Medien. Dann werden sie wohl dort bleiben müssen. Und unsere Medien können weiter darüber berichten.
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