Schutz vor Atomkrieg: Tief im Schweizer Bunkerberg

Von Michael Soukup, Kandersteg

Im Falle eines Atomkriegs würde die Schweizer Regierung in den Berg flüchten - in einen Bunker in den Berner Alpen. Die Position dieser "Führungsanlage K20" war lange so geheim, dass Journalisten darüber nicht schreiben durften. SPIEGEL ONLINE hat sie auch so gefunden.

Kandersteg - Käme es je wirklich zu einem Atomkrieg, "dann wären die einzigen Überlebenden die US-Regierung sowie einige Insektenarten", sagt Frédéric Venetz. "Und die gesamte Schweizer Bevölkerung", schiebt er hinterher.

Venetz ist Präsident der Lobbyistengruppe "Schutz und Sicherheit". Er kämpft für die Erhaltung des "Schweizer Nationalheiligtums" - des Bunkers. Praktisch in jedem Haus, jeder Schule und jedem Krankenhaus gibt es im Keller eine solche Zivilschutzanlage. Auf die sieben Millionen Einwohner kommen insgesamt 270.000 Schutzräume – so viele wie nirgendwo sonst auf der Welt.

Der Bunker aller Bunker jedoch ist die "Führungsanlage K20": der geheime Schweizer Regierungsbunker. Im Krisenfall - und insbesondere im Fall eines atomaren Angriffs - würde der gesamte Bundesrat, also die Schweizer Regierung, zusammen mit einem Tross von Generalsekretären, Beratern und Parlamentariern nach Kandersteg flüchten.

Das Bergdorf in den Berner Alpen liegt auf 1200 Meter, umgeben von der majestätischen Blüemlisalp. Mit seinen über 3500 Meter hohen, schneebedeckten Gipfeln ist das Bergmassiv manchmal sogar vom Schwarzwald aus zu sehen. Hier irgendwo tief drinnen im Berg befindet sich die 259 Millionen Franken teure militärische Anlage. Das Ding ist innen so groß wie ein mittleres Hochhaus. Es soll mehreren hundert Menschen bis zu einem halben Jahr Schutz vor atomarer, biologischer und chemischer Bedrohung bieten. SPIEGEL ONLINE machte sich auf die Suche nach dem "K20".

Zum Glück liegt Kandersteg verkehrstechnisch ideal auf der Lötschberg-Simplon-Achse, neben dem Gotthard der zweiten großen Nord-Süd-Route durch die Schweiz. Damit ist der Ort von Zürich aus mit dem Auto oder der Bahn in zwei Stunden bequem erreichbar. Der "K20" soll sich am Ende des Dorfes befinden, in der Nähe des steinernen Nordportals vor dem 14 Kilometer langen Lötschbergtunnel.

Das Verteidigungsministerium stuft den "K20" bis heute als geheim ein. "Dessen Bekanntwerden können die Handlungsfähigkeit des Bundesrates, die Sicherheit der Bevölkerung, die Aufgabenerfüllung der Armee oder die außenpolitischen Interessen der Schweiz schwerwiegend gefährden", wie der Sprecher der Armee, Christoph Brunner, SPIEGEL ONLINE sagt.

"Wo geht es denn hier oben zum Bunker?"

Im "Alp Stübli" tanken wir vor der verbotenen Expedition noch einmal Mut. Das Holzhäuschen ist die letzte Gaststätte, bevor das Kandertal in unwegsames Gelände übergeht. Nach ein paar kräftigen Schluck Schümli-Pflümli, einer einheimischen Spezialität aus verdünntem Kaffee, Pflaumenschnaps und einer dicken Rahmschicht, fragen wir die Einheimischen: "Wo geht es denn hier oben zum Bunker?" Die Antwort des älteren Gastes im dunkelgrünen Fleece kommt ohne Umschweife: "Der steht gleich da hinten."

Tatsächlich führt hinter der Talstation der Sunnbüel-Luftseilbahn ein tadellos asphaltiertes Sträßchen zu der schwindelerregend hohen Felswand "I d'Schleife", die zum 2154 Meter hohen Jegertosse gehört. Schon bald passieren wir eine unscheinbare Schranke, wie es sie tausendfach in Parkhäusern gibt. Nur die Überwachungskamera auf der Waldwiese irritiert ein wenig. Dann stehen wir am Betonvorbau des "K20".

Wir haben es uns dramatischer vorgestellt. So mehr in der düsteren Art des Führerbunkers. Der freundlich helle Beton mit den Glaselementen erinnert viel mehr an den Eingang eines Autobahntunnels. Wir machen in aller Ruhe ein paar Fotos.

Die Grabungsarbeiten am "K20" begannen in den achtziger Jahren zur Zeit des Kalten Kriegs. Die Anlage sollte Schutz vor den sowjetischen Atomraketen bieten. "Am meisten Angst machte den Militärs ein atomarer Winter in Westeuropa", erinnert sich der frühere Berner Nationalrat Paul Günter. Den armeekritischen Sozialdemokraten wurde aber der "K20" als Schutz vor einem zivilen AKW-Unfall verkauft. In den neunziger Jahren stimmte das Parlament dem Ausbau der Anlage zum Regierungsbunker zu. Die Sitzung im Nationalrat wurde als geheim erklärt: Alle Journalisten mussten den Saal verlassen, und die Vorhänge wurden zugezogen.

Zutritt nur nach Iris-Scan

"Im Vorbau werden die Staatslimousinen und Armeelastwagen geparkt", erklärt ein ehemaliger Offizier SPIEGEL ONLINE, der einmal im Rahmen einer militärischen Übung einige Tage im "K20" verbrachte. Am Eingang müssen Besucher alle Handys, Kameras und Notebooks abgeben. Es gilt absolutes Fotografierverbot. Aus Sicherheitsgründen wird die Regenbogenhaut des Auges gescannt – der Iris-Scan gilt als schneller und sicherer als die Identifikation mittels Fingerabdruck-, Gesichts- oder Stimmerkennung. Zusätzlich müssen sich alle Personen mit einem PIN-Code identifizieren. Erst dann können sie die unterirdische Bahn besteigen, die sie in einer etwa fünfminütigen Fahrt in den Hauptteil des "K20" transportiert. "Man kommt sich wie im Innern eines großen Schiffs vor", so der Offizier. Es gibt zwei bekannte Notausgänge: Einer führt in den Eisenbahntunnel, der andere ins Gasterntal.

Damit die Schweizer Regierung im Krisenfall weiterhin mit der Bevölkerung kommunizieren kann, ist der Bunker mit einem kompletten Radio- und Fernsehstudio ausgerüstet. Zudem gibt es auch einen Videokonferenz-Raum. "Die Aufenthaltsräume für die Regierungsmitglieder sind im biederen Stil der fünfziger oder sechziger Jahre eingerichtet", erinnert sich Josef Lang, Grüner Nationalrat aus dem Kanton Zug. Er durfte als Mitglied der sicherheitspolitischen Kommission (SIK) vor Jahren den "K20" besichtigen.

Außer dem "K20" gibt es in der Schweiz noch weitere 18 Führungsanlagen. Unter dem Motto "Jedem Kantönli sein Bunker" verpflichtete der Bundesrat vor mehr als 30 Jahren die Gliedstaaten zum Bau solcher Anlagen. Das kostete den Steuerzahler weitere 80 Millionen Franken, der jährliche Unterhalt der 19 Bauten verschlingt mittlerweile eine Million Franken.

Für linke Parlamentarier ist das rausgeworfenes Geld. "Diese Bunker machen militärisch keinen Sinn mehr", so Lang. Damit wäre auch die peinlich anmutende Geheimhaltung überflüssig. Im Internet finden sich sogar noch GPS-Koordinaten des "K20", die fälschlicherweise auf den mehrere Kilometer entfernten Gipfel der Blüemlisalp verweisen. SPIEGEL ONLINE kennt jetzt die richtigen Koordinaten:

46° 28' 33'' nördlicher Breite; 7° 39' 54'' östlicher Länge.

Die Schweizer Regierung liefert sich seit Jahren mit der Presse ein Katz-und-Maus-Spiel. Als "Weltwoche" und "Basler Zeitung" vor einigen Jahren zwei kantonale Regierungsbunker "verrieten", wurden die Journalisten mehrstündigen Verhören unterzogen und vom Militärgericht verurteilt. "Ist das nicht ungeheuerlich aus rechtsstaatlicher Sicht: Ein General verurteilt einen Journalisten. Das kennen wir sonst von Militärdiktaturen", schimpft Josef Lang.

Doch spät hat jetzt auch in der Schweiz die Glasnost Einzug gehalten. Gegenüber SPIEGEL ONLINE signalisierte die Schweizer Regierung erstmals ein Einlenken. "Die Anlagen haben viel Steuergeld gekostet, und ihre Schutzfunktion in Katastrophenfällen ist weiterhin sinnvoll. Im Rahmen ihrer zivilen Aufgaben müssen die Standorte dieser Anlagen nicht unbedingt geheim sein", sagte Bundesratssprecher Oswald Sigg.

Dabei gäbe es für die Armee einen Ausweg, um ihr Gesicht zu wahren. "Der Schutzraum ist eine geniale Schweizer Erfindung", findet Frédéric Venetz. "In Friedenszeiten ist er vielfältig nutzbar als Lagerraum für selbstgemachte Konfitüre, Musikraum für pubertierende Rockstars und Weinkeller für wertvolle Flaschen."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Schweizer Geheimbunker: Schutz im K 20