Wahl in Schweden "Wir haben eine ethnische Unterschicht erschaffen"

Die Schweden wählen am Sonntag, viele werden für die rechtspopulistische Schwedenpartei stimmen. Der Ökonom Tino Sanandaji macht dafür auch eine verfehlte Migrationspolitik verantwortlich.

AFP

Ein Interview von


Viel zu lange haben Politik und Gesellschaft die Probleme durch Migration totgeschwiegen - und die Integration sozialschwacher Einwanderer vernachlässigt, sagt der Autor und Ökonom Tino Sanandaji im Interview.

SPIEGEL ONLINE: Herr Sanandaji, am Sonntag wählt Schweden. Der Aufstieg der rechten Schwedendemokraten, die Aussicht auf ein mögliches politisches Patt sowie eine Welle von Morden haben den Wahlkampf beherrscht. Dabei galt Ihr Land als Inbegriff für sozialen Konsens, Toleranz und Wohlstand.

Sanandaji: Das Bild von der freundlichen Gesellschaft aus dem Märchenbuch war immer verklärt. Es schadet uns nur. Klar: Schweden ist ein friedliches Land, vielen geht es gut. Aber wir leben nicht in einer Utopie. Wie überall gibt es Probleme und Konflikte, in jüngster Zeit immer mehr. Die sind zu lange verharmlost und verschwiegen worden.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie konkret?

Sanandaji: Bis vor etwa drei Jahren war es in der politischen Mitte tabu, sich öffentlich kritisch zu Migration und deren Folgen zu äußern. Das taten nur die Schwedendemokraten. Ende 2015 kamen dann pro Woche 10.000 Asylbewerber - in ein Land mit zehn Millionen Einwohnern. Die Belastungen für das Sozialsystem stiegen dramatisch, Wohnraum wurde knapp, viele Schweden fühlten sich überfordert. Das hat sie ins Lager der Rechtspopulisten getrieben. Erst als die Lage fast außer Kontrolle geraten ist, hat die Regierung eingesehen, dass sie die Tore nicht länger offenlassen kann.

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    Mit dem Buch "Massen-Herausforderung" hat Tino Sanandaji (38) Schwedens Bestseller-Listen erobert. Der Ökonom, der an der Stockholm School of Economics forscht, prangert die seiner Meinung nach undurchdachte schwedische Einwanderungspolitik und die Tabuisierung von Problemen an. Sanandaji selbst kam als Neunjähriger nach Schweden: als Sohn iranischer Kurden. Rassismus habe er schon damals erlebt, erzählt er. Aus Angst vor Skinhead-Angriffen trug er als Jugendlicher immer ein Messer zur Verteidigung mit sich.

SPIEGEL ONLINE: Seither ist die Zahl der Asylbewerber um 80 Prozent gesunken, die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosigkeit ist nahe des Zehn-Jahres-Tiefs. Schweden zählt zu den reichen Staaten Europas. Warum haben die Rechten noch so viele Sympathisanten?

Sanandaji: Die Schweden vergleichen sich nicht mit Rumänien, sie vergleichen ihr Land mit diesem idyllischen Schweden-Bild. Und mit früher. In den Siebzigerjahren waren wir gemessen am Pro-Kopf-Einkommen drittreichstes Land der Erde, der Wohlstand war relativ gleich verteilt. Jetzt sind wir beim Reichtum nur noch Zwölfter. Und die Armutsquote hat sich mehr als verdoppelt auf 17 Prozent.

SPIEGEL ONLINE: Das ist noch nicht besonders hoch.

Sanandaji: Fast jede zweite Frau, die in Rente geht, braucht zusätzliche staatliche Leistungen. In Krankenhäusern gibt es lange Wartezeiten, die harte Kriminalität steigt. Aber viele Politiker erzählen der Welt: "Schweden ist großartig. Wir haben eine höhere Lebenserwartung als Albanien." Die machen Propaganda wie Erdogan.

SPIEGEL ONLINE: Übertreiben Sie nicht?

Sanandaji: Wir Schweden sind traditionell optimistisch. Aber im Juli haben in einer Ipsos-Umfrage 73 Prozent erklärt: das Land steuert in eine falsche Richtung. Ein Teil dieser Menschen fürchtet mehr Gewalt und Einwanderung. Ein anderer Teil hat Angst, dass rechte Kräfte noch stärker werden.

SPIEGEL ONLINE: Nach Berichten über Morde und Schießereien hat sogar Donald Trump Schweden ins Visier genommen...

Sanandaji: ...Schweden ist weit, weit entfernt von einem failed state - auch wenn Leute wie Trump oder deutsche AfD-Anhänger das gerne verbreiten. Selbst wenn sich die Mordrate verdoppeln würde, wären wir weit hinter Amerika. Aber viele Schweden haben Angst, dass ihr Land so wird wie die USA: geprägt von Ghettos und Reichenvierteln in den Städten. Einige Ghettos haben wir hier ja schon.

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Schweden: Streitpunkt Migrationspolitik

SPIEGEL ONLINE: Meinen Sie damit die Problemviertel am Rande von Stockholm oder Malmö?

Sanandaji: Ja. Dort leben vor allem sozialschwache, niedrig qualifizierte Migranten. Die Kinder gehen in Schulen, die blonde, blauäugige Einheimische kaum besuchen. In Schweden gibt es einen politisch-korrekten Rassismus. Viele Schweden, gerade aus der oberen Mittelschicht, geben sich weltoffen. Tatsächlich wollen sie nichts zu tun haben mit Migranten.

SPIEGEL ONLINE: Woher wollen Sie das wissen?

Sanandaji: Es ist bewiesen, dass Sie schlechter eine Wohnung kriegen, wenn Sie Mohammed statt Sven heißen. Und wenn ein junger Mann aus einem Problemviertel eine Reichen-Disco besuchen will, wird ihn der Türsteher kaum hineinlassen. Unser Staat hat diesen Migranten Geld und Wohnungen gegeben, aber er hat sie nicht gut integriert. Wir haben eine ethnische Unterklasse erschaffen.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst kamen 1989 als Kurde aus Iran - und haben es geschafft.

Sanandaji: Zehntausende haben es geschafft. Damals gehörten viele Einwanderer aus Iran oder Bosnien in ihren Herkunftsländern zur Elite. Auch ich stamme aus einer Oberschichtfamilie - anders als viele Menschen, die jetzt aus Afghanistan oder Somalia kommen. Unter denen sind sogar einige Analphabeten. Früher konnten Leute mit wenig Bildung hier am Fließband, in Sägewerken oder Werften arbeiten. Aber viele dieser einfachen, körperlich harten Jobs sind verschwunden. Schweden kann unqualifizierten Einwanderern keine Perspektive bieten.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie selbst auch die Schwedendemokraten wählen?

Sanandaji: Nein. Die Schwedendemokraten sind zwar keine Faschisten mehr, sie haben nach langem Zögern einige extreme Skinheads rausgeworfen und sind heute weniger rechts als Ihre AfD. Aber sie haben noch viele Rassisten. Die Schwedendemokraten bringen Migranten nur Feindseligkeit entgegen. Sie haben überhaupt kein Konzept, wie sie die Probleme lösen wollen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eines?

Sanandaji: Wir müssen den Zustrom begrenzen, in Schul- und Ausbildung investieren sowie die subventionierte Arbeitsbeschaffung kürzen und dafür Stellen im Gesundheitswesen schaffen, wo Kräfte fehlen. Und wir brauchen mehr Polizisten: vor allem mit Migrationshintergrund. In Schweden leben 80.000 Afghanen, aber wir hatten nur einen afghanischen Polizisten. Der hat neulich gekündigt.

SPIEGEL ONLINE: Was für einen Wahlausgang erwarten Sie?

Sanandaji: Es könnte politisches Chaos geben. Wir haben einen Mitte-Links-Block mit 40 Prozent, Mitte-Rechts mit knapp 40 Prozent - und die Schwedendemokraten mit 20 bis 25 Prozent, mit denen niemand regieren will. Wie findet man da eine Mehrheit? Wahrscheinlich ist eine Minderheitsregierung. Bei uns kann der Premierminister im Amt bleiben, bis das Parlament mehrheitlich gegen ihn stimmt. Allerdings ist fraglich, wie stabil eine Minderheitsregierung wäre, egal ob Mitte-Links oder Mitte-Rechts.

SPIEGEL ONLINE: Sie klingen pessimistisch. Sagen Sie Schweden den Abstieg voraus?

Sanandaji: Nein. Ich erwarte, dass sich vieles in den nächsten zehn bis 15 Jahren verbessern wird. Wegen des technischen Fortschritts - vor allem aber, weil wir Schweden endlich offener über unsere Probleme diskutieren. Ein erster Schritt, sie zu lösen.

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Seite 1
Olaf 07.09.2018
1.
Offen über Probleme diskutieren. Das ist ja mal eine völlig neue Idee.
moritz_bedenk 07.09.2018
2. Tolles Interview. Danke dafür
Nüchtern. Sachlich. Unaufgeregt. Ich entdecke viele Parallelen mit unserer Situation und dennoch die richtigeren Schlüsse, sich auch kritisch aber immer konstruktuv mit Migration zu beschäftigen. Das geht uns in diesem Land ziemlich ab - stets hochemotional, mit neuerlichen fürchterlichen Auswüchsen.
scgtef 07.09.2018
3.
Das klingt alles sehr vernünftig. Bei uns ist es ähnlich, nur kommt hinzu, dass wir seit den sog. Gastarbeitern Integrations- u. Aufstiegsprobleme bei diesen Leuten nach wie vor haben. Sie waren für uns Einheimische teilweise Menschen 2. Klasse, die nicht richtig zu uns gehören, das macht bis heute Probleme. Die einzige Lösung ist Bildung und Wohlstand durch eigene Leistung für alle.
h.kuebler 07.09.2018
4. Irrglaube
Der Staat hat sie nicht integriert. Die Gesellschaft, die Politik hat bei der Integration versagt. Dazu muss schon gesagt werden, dass man sich selbst integrieren muss, dass man die Integration selbst wünschen und anstreben muss. Der Staat, die Gesellschaft, die können nur Angebote machen. Man muss selbst Teil der Gesellschaft werden wollen, nur dann geht Integration. Auch wenn man das nicht aussprechen soll, ist nicht politisch korrekt und nicht moralisch hochstehend, man muss sagen, viele wollen gar nicht Teil dieser Gesellschaft werden. Ich arbeite seit vielen Jahren mit Flüchtlingen, ich muss leider sagen, der Anteil, der nicht will, hat sogar zugenommen. Der Islam hat sich (leider) politisiert und viele sehen Deutschland als das Land der Ungläubigen.
jws1 07.09.2018
5. Die Zukunft wird interessant
Wir müssen das Wort "populistisch" aus der Schmuddelecke holen. Populistisch heißt volksnah und das kann nicht verkehrt sein. Nichts ist näher an der Demokratie als Populismus. Die Arroganz der Eliten ist das Problem. Jahrzehntelang haben sie die Leute lenken können. Das scheint vorbei.
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