Wahl in Schweden "Die Suche nach einer Nationalkultur führt zu Ausgrenzung"

Nach der Wahl in Schweden stehen die Rechtspopulisten im Fokus. Der Soziologe Joakim Palme, Sohn des ermordeten Ministerpräsidenten Olof Palme, sieht die Regierungsbildung als heiklen "politischen Test".

Rechter Parteichef Jimmie Åkesson
DPA

Rechter Parteichef Jimmie Åkesson

Ein Interview von


Zur Person
  • action press/ LEHTIKUVA
    Der schwedische Sozialwissenschaftler Joakim Palme, 60, unterrichtet an der Universität Uppsala und leitet den Aufsichtsrat des UN-Forschungsinstituts für Soziale Entwicklung (UNRISD). Sein Vater Olof Palme war viele Jahre lang schwedischer Ministerpräsident und Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei, ehe er 1986 ermordet wurde.

SPIEGEL ONLINE: Herr Palme, zwei Tage nach der Wahl wird noch viel gerätselt, was das Resultat bedeutet, wer eigentlich gewonnen hat und wer verloren. Was meinen Sie?

Palme: Es ist sehr schwer, überhaupt einen Sieger zu benennen. Anders als früher haben die Sozialdemokraten in den jüngsten Wochen vor der Wahl noch zugelegt, das macht auch sie in gewisser Weise zu Gewinnern. Aber klar, den größten Stimmenzuwachs haben die rechtspopulistischen Schwedendemokraten erzielt. Es ist diesmal sehr subjektiv, wen man als Sieger und Verlierer betrachtet.

SPIEGEL ONLINE: Vorab hieß es häufig schon, diese Wahl werde geradezu revolutionäre Folgen haben. Ist es wirklich so gekommen?

Palme: Warten wir die Regierungsbildung ab, die tatsächlich enorm schwierig wird. Es sind viele Konstellationen möglich, auch ein Ende der traditionellen Blockbildung im Parlament von linken und konservativen Parteien. Das Parteiensystem als solches ist jedenfalls intakt geblieben, anders als zum Beispiel in Frankreich oder Italien. Also eher keine Revolution.

Parlamentswahl in Schweden
Amtliches Endergebnis 2018
Quelle: Schwedische Wahlbehörde (Valmyndigheten)

SPIEGEL ONLINE: Wie auch sonst in Europa haben die großen Parteien verloren, die kleinen überwiegend gewonnen. Die politische Fragmentierung nimmt zu, und das in einem Land, das besonders großen Wert auf Konsens und sozialen Zusammenhalt legt.

Palme: Zu behaupten, dass Schweden eine ausgeprägte Konsenskultur habe, führt in die Irre. Ich würde eher von einer Kompromisskultur sprechen, denn das Land ist bis heute stark von Klassengegensätzen geprägt. Die Gewerkschaften und der Arbeitgeberverband spielen deshalb eine wichtige Rolle. Sie verhandeln miteinander und finden zeitlich befristete Lösungen, mit denen niemand glücklich ist, aber an die sich alle halten. Das ist das schwedische Modell.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Frage nach dem schwedischen Zusammenhalt, nach der nationalen Identität ist zuletzt doch viel diskutiert worden.

Fotostrecke

4  Bilder
Schwedendemokraten nach der Wahl: Der wartende Dritte

Palme: Ja, und dann kommt immer diese Frage, wer eigentlich ein echter Schwede ist. Ein Lieblingsthema der Rechtspopulisten. Man kommt damit aber nie zu einem vernünftigen Ergebnis. Muss man Schweinefleisch essen oder sich für Sport begeistern, um ein richtiger Schwede zu sein? Solche kulturellen Definitionen bleiben meistens vage, und die Suche nach einer Nationalkultur führt zu Ausgrenzung.

SPIEGEL ONLINE: In vielen Ländern ist die nationale Identität ein großes Thema geworden.

Palme: Umso mehr sollte man sich klarmachen, was da abläuft. Der kanadische Soziologe Keith Banting hat es sehr gut auf den Punkt gebracht: Wenn man mit der Frage beginnt "Wer sind wir?", dann gelangt man unweigerlich zu einer Antwort, die Menschen ausgrenzt. Wenn man aber stattdessen fragt: "Wie können wir zusammenleben?", öffnet man sich für eine Agenda der Inklusion, die außerdem deutlich realistischer ist. Denn eine nationale Kultur ist niemals endgültig festgelegt, sondern sie wandelt sich durch die Art, wie die Menschen miteinander leben.

Videoanalyse zum Wahlausgang: "Wir werden einen Machtpoker erleben"

SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE: Könnte es dazu kommen, dass die Schwedendemokraten in irgendeiner Form mitregieren?

Palme: Wir stehen vor einem politischen Test. Die Liberalen und die Zentrumspartei, die zum bürgerlichen Block gehören, haben eine Zusammenarbeit mit den Schwedendemokraten kategorisch ausgeschlossen. Sie wollen aber auch keinen sozialdemokratischen Ministerpräsidenten unterstützen. Man kann sagen, dass sie mit ihrem Plan A oder B nicht durchkommen, vielleicht landen sie aber bei einem Plan D. Denn die Verfassung sieht vor, dass auf dem Weg der Regierungsbildung bis zu vier Abstimmungen im Parlament möglich sind. Und zuletzt könnten auch Liberale und Zentrumspartei einknicken und sagen, dass sie leider doch mithilfe der Schwedendemokraten regieren müssen, bevor es zu Neuwahlen kommt.

SPIEGEL ONLINE: Die schwedischen Sozialdemokraten sind auf einen historischen Tiefstand abgerutscht. In der Zeit, als Ihr Vater Olof Palme Parteichef und Premierminister war, lagen sie in allen Wahlen klar über 40 Prozent. Könnten die heutigen Sozialdemokraten etwas aus den damaligen Erfolgen lernen?

Palme: Das alte sozialdemokratische Erfolgsrezept ging so: Wir öffnen Schweden für die Welt, für den globalen wirtschaftlichen Wettbewerb und auch für Einwanderer. Gleichzeitig schaffen wir starke Institutionen, die den Einzelnen im Notfall beschützen, wenn er zum Beispiel seinen Job verliert. Dieses Rezept halte ich nach wie vor für richtig, man muss daran festhalten und es auch erklären. Und wirklich überzeugend ist das dann, wenn jeder versteht, dass man die Werte einer humanen Gesellschaft genauso im Blick hat wie das Eigeninteresse der Menschen.

insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
quark2@mailinator.com 11.09.2018
1.
Ein interessantes Experiment. Überall auf der Welt definieren sich Menschen über ihre nationale Identität. "Ich bin Mexikaner" oder "Ich bin Japaner" ... wird normalerweise mit einem gewissen Stolz ausgesprochen, aber selbst wenn jemand es eher selbstabwertend sagt, weil er sein Land kritisch sieht, wird es ihm dennoch einen Stich versetzen, wenn ein Ausländer zustimmt - "right or wrong - my country" ... und wir versuchen nun in der EU, genau das irgendwie wegzudefinieren. Nationale Identität soll etwas Fragwürdiges sein, etwas worauf man verzichten kann und das nur Probleme macht. Aber schon innerhalb DEs stärkt man die Bundesländeritis, mal geht es gegen Bayern, mal gegen Sachsen, Badenser und Schwaben haben sich sogar innerhalb eines Bundeslands besonders lieb, usw. ... Tut mir leid, aber ich bin überzeugt, daß Menschen ein Bedürfnis nach Heimat und Zugehörigkeit haben und das wird man aus meiner Sicht nicht per Dekret nach Brüssel und Europa verlagern können. Die Lösung bestünde mMn. weniger darin, die Völker zu mischen, in der Hoffnung, daß sie sich irgenwann selbst nicht mehr erkennen, sondern eher darin, untereinander tolerant und großzügig zu sein, statt die ewige Konkurenz um den Platz an der Sonne weiter zu verfolgen. D.h. anerkennen, daß man nicht ein Volk ist, sondern dahin zu kommen, daß es allen Völkern in Europa gut geht. Und damit meine ich nicht statistisch, sondern faktisch und von den Menschen auch so wahrgenommen. Dazu müßte als erstes das Angstlevel reduziert werden (wie hier bei SPON letzte Woche angesprochen), auch wenn das ja so wunderbar taugt, die Leute fleißig und politisch stumm zu machen (nur wer Zeit und Muße hat, wird politisch positiv tätig werden können, wer Angst hat, wird wohl eher arbeiten oder Ablenkung suchen). Insofern - Schweden ist überall.
kpkuenkele 11.09.2018
2. Wie erfolgreich ist das Erfolgsrezept?
Die Unruhen, Schießereien, Brandanschläge und Bandenkriege in den Südschwedischen Großstädten sind ja keine Folge der jüngsten Einwanderungswelle. Die Täter sind Migranten der 2. Generation, also die Folgen des sozialdemokratischen Erfolgsrezepts von Olof Palme.
achterhoeker 11.09.2018
3. Ausgrenzung
Die Bayern haben eine Nationalkultur die mich ausgrenzt. Ich möchte nicht in Krachlederner rumhopsen und meine Frauen nicht ihren Balkon zur Schau stellen. Deswegen f?hle ich mich aber nicht ausgegrenzt. Ich gönne ihnen das und erfreue mich in Bayern an deren Eigenheiten. Und mit anderer Völker Nationalkultur hat Schweden ja reiche Erfahrung. Da an erster Stelle deren Umgang mit den Sami. Zwangschristianisierung, Verbot und Bekämpfung der Kultur und der Sprache bis in die Neuzeit. Landraub und Umweltzerstörung in den historischen Siedlungsgebieten der Sami.
j.ogniewski 11.09.2018
4. Das Problem in Schweden...
...ist genau dasselbe wie in den meisten anderen Ländern. Die gesellschaftlichen Unterschiede vergrössern sich. Und die Sozialdemokraten machen längst keine Politik mehr, die die sozial Schwachen in den Vordergrund stellt, sondern eher eine die gutverdienenden Städtern nützt. Was wir bräuchten wäre eine Rückkehr der Sozialdemokratischen Parteien zu ihren Wurzeln. Dann klappts auch wieder mit dem Wahlresultat.
Newspeak 11.09.2018
5. ....
@#1 "Nationale Identität soll etwas Fragwürdiges sein, etwas worauf man verzichten kann und das nur Probleme macht." Wie viele hundert Millionen Tote, die auf das Konto von Nationalismus gehen, seit der Idee der Nation im 18. Jahrhundert, brauchen Sie? Es dürften allein im 20. Jahrhundert mindestens 200 Millionen sein. Umgebracht von ihrer eigenen Nation oder in Kriegen zwischen den Nationen. Nationalität ist Zufall. Nichts, worauf man stolz sein kann, noch muss. Nichts, was einen zu einem besseren Menschen macht, der sich über andere erheben kann. Nichts, was friedliches Zusammenleben fördert.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.