Schweizer Politikerin: "Mich stört die Masse der Deutschen"

Die hitzige Debatte um deutsche Zuwanderer in der Schweiz findet kein Ende, im Gegenteil. Natalie Rickli, Abgeordnete der Schweizer Volkspartei, legt jetzt nach: "Einzelne Deutsche stören mich nicht, mich stört die Masse", sagte sie. Eine neue Umfrage zeigt - viele Landsleute stimmen ihr zu.

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SVP-Politikerin Rickli: "Ich hetze nicht gegen Deutsche"

Zürich - Wer als Deutscher wissen will, wie es ist, sich als Gastarbeiter im Ausland unwillkommen zu fühlen, der sollte in die Schweiz ziehen, genauer: in den deutschsprachigen Teil des Landes. Denn dort sind stattliche 36 Prozent der Menschen der Ansicht, dass zu viele Deutsche in ihrer schönen Alpenrepublik leben. Natalie Rickli sieht das auch so. Die Abgeordnete der nationalkonservativen Schweizer Volkspartei spielte bereits vergangene Woche mit Ressentiments gegen Deutsche. Nun legt sie nach.

"Einzelne Deutsche stören mich nicht, mich stört die Masse", sagte die 35-Jährige jetzt der Zeitung "Sonntags-Blick". Was wohl eine Art Relativierung ihrer kontroversen Aussage von letzter Woche sein sollte, dürfte die hitzig geführte Debatte um die deutsche Zuwanderung in die Schweiz nur befeuern. Vorigen Sonntag hatte Rickli in einer Fernsehsendung des Lokalsenders TeleZüri gesagt: "Wir haben zu viele Deutsche im Land."

Im aktuellen "Sonntags-Blick" benennt Rickli auch, wo genau das Problem mit den Dauergästen aus dem Norden ihrer Ansicht nach am Größten ist: Speziell im Kanton Zürich träten Deutsche in Massen auf. Gegen einzelne deutsche Ärzte oder Kellner habe sie zwar nichts. Aber: "Wenn es aber nur noch deutsche Serviertöchter (Kellnerinen) hat, deutsche Ärzte, ich in den Schweizer Bergen nur noch von Deutschen bedient werde, fühle ich mich nicht mehr daheim."

Der "Sonntags-Blick" aus dem Verlagshaus Ringier, dem Rickli das Interview gegeben hat, gilt als eher linksliberales Boulevardblatt - und wird pikanterweise von einem deutschen Chefredakteur geführt, dem Ex-"Bild"-Mann Karsten Witzmann. Die Zeitung bedient zweifellos bestehende Antipathien gegen deutsche Zuwanderer daher kaum direkt, und zeigt sich in der aktuellen Ausgabe bemüht zu betonen, wie wichtig die Deutschen gerade für die Schweizer Wirtschaft seien. Eine eigens in Auftrag gegebene, repräsentative Umfrage interpretieren die "Blick"-Macher mutig als positives Signal an die deutschen (Arbeits-)Gäste.

Die Deutschen als Konkurrenten

Doch so richtig überzeugend wirken die Zahlen nicht: 64 Prozent der Schweizer mögen die Deutschen trotz der starken Einwanderung, ist dort zu lesen. Ihnen sei der Anteil von Deutschen an der Schweizer Wohnbevölkerung derzeit "gerade recht". Bleiben aber nun einmal besagte 36 Prozent der Befragten in der Deutschschweiz - in der die SVP besonders stark ist -, die Rickli zustimmen.

Laut "Sonntags-Blick" tun sie dies übrigens weniger aus der Angst vor kultureller Überfremdung oder aus einer generellen Abneigung gegenüber den oft als hochnäsig geschmähten Deutschen, sondern weil sie die Konkurrenz der Deutschen auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt fürchten.

Rickli selbst kann an ihren Aussagen nichts Verwerfliches finden: "Ich hetze nicht gegen Deutsche", sagte sie. "Ich spreche die Problematik an, dass zu viele hier sind." Nach den Angaben der in der SVP unter anderem mit Ausländerpolitik beschäftigten Abgeordneten leben 276.000 Deutsche in der Schweiz, die knapp acht Millionen Einwohner hat. Welche ungeheure Belastung das ihrer Ansicht nach offenbar bedeutet, versucht sie mit einem Zahlenspiel zu illustrieren: "Rechnen wir das auf Deutschland um, wären 2,7 Millionen Schweizer in Deutschland."

Immerhin: Die Deutschen sind nicht die einzigen, die Frau Rickli Unbehagen bereiten. Die Schweiz habe generell ein Problem mit der Zuwanderung und der Personenfreizügigkeit. "Wir haben zu viel Kriminalität. In unseren Gefängnissen sind 70 Prozent Ausländer. Wir haben ein Asylchaos", sagte die SVP-Frau. Jeder könne in die Schweiz kommen, hier arbeiten und habe Zugang zu den Sozialleistungen.

Mit solchen Aussagen führt die SVP-Politikerin konsequent die Politik ihrer Partei fort, die - lange Zeit unter der Führung von Christoph Blocher - seit den neunziger Jahren mit ihrem Kampf gegen Europa, gegen Zuwanderung und für Marktliberalismus zur stärksten Partei des Landes aufgestiegen ist. Dabei hat sie wiederholt Ressentiments bedient und bewusst Tabubrüche begangen.

Die 35-jährige Rickli hat eine rasante politische Karriere hingelegt. Schon seit fünf Jahren sitzt sie im Schweizer Parlament. Die "Neue Zürcher Zeitung" nannte sie einmal "die gefährlichste Frau der SVP". Beobachter schildern sie als klug, fleißig und tough.

tdo/dpa

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insgesamt 311 Beiträge
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1.
Tom Mayer 29.04.2012
ist schon faszinierend zu lesen, die Schweiz könnte ohne die Vielzahl an hochqualifizierten Deutschen bei weitem nicht so erfolgreich auf dem Weltmarkt bestehen wie es aktuell der Fall ist.
2. Gasstarrrrbaiter...
espritdelescalier 29.04.2012
Zitat von sysopDie hitzige Debatte um deutsche Zuwanderer in der Schweiz findet kein Ende, im Gegenteil. Natalie Rickli, Abgeordnete der Schweizer Volkspartei, legt jetzt nach: "Einzelne Deutsche stören mich nicht, mich stört die Masse", sagte sie. Eine neue Umfrage zeigt - viele Landsleute stimmen ihr zu. Schweizer Politikerin: "Mich stört die Masse der Deutschen" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,830449,00.html)
sind eben nicht als Menschen, sondern als Arbeitskraefte und Steuerzahler willkommen. Das ist doch in Deutschland nicht anders, oder ?
3.
motorpsychobloedesneuesfo 29.04.2012
Komisch. Wenn ich in der Schweiz bin, dann stört mich der einzelne Schweizer auch nicht. Aber in der Masse, in der sie da anzutreffen sind, ist das schon sehr störend. Wenn sie wenigstens richtig sprechen könnten.
4.
deutscher_in_ch 29.04.2012
Die Schweiz hat 2004 die bilateralen Verträge mit der EU unterzeichnet, die sie unter anderem zur Personenfreizügigkeit verpflichten. Doch in immer grösserem Ausmass unterläuft die Schweiz diese Abkommen: Gängelung von EU-Arbeitnehmern und Unternehmen die Deutsche beschäftigen, Voranmeldung von Selbständigen, die in der SChweiz Leistungen erbringen wollen, Hinterlegung von Kautionen. Jetzt wurde sogar eine Beschränkung für Arbeitnehmer aus bestimmten EU-Ländern einseitig erlassen (Ventilklausel). Es wird Zeit, dass die EU die Schweiz zur Ordnung ruft und Vertragstreue einfordert! Es kann nicht sein, dass die Schweiz von Freihandel, Personenfreizügigkeit und und und mit der EU profitiert und gleichzeitig EU Bürger böswillig diskriminiert. Wenn die Schweiz nicht mehr in Europa eingegliedert sein will, soll sie doch die Verträge kündigen und dann sehen wo sie bleibt. Da weden sich die lieben Eidgenossen umschauen, wenn plötzlich ihre Milliarden-Exporte in die EU auf dem Spiel stehen und Auslandsschweizer aus EU-Ländern ausgewiesen werden. Es kann nicht länger sein, dass die Schweizer sich nur das beste von der EU holen (siehe Schwarzgeldstrategien vieler Schweizer Banken) und ansonsten Europa eine lange Nase drehen!
5.
sanhe 29.04.2012
Frau Rickli scheint u.a. ihre eigene Regierung, an der auch die SVP beteiligt ist, für die mit der EU vereinbarte Personen- und Niederlassungsfreiheit zu kritisieren. Dabei würde es der Schweiz jederzeit freistehen, die entsprechenden Verträge zu kündigen und Niederlassungsbeschränkungen für Ausländergruppen einzuführen.
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