Volksabstimmung über Kampfjet "Gripen" Das umstrittenste Flugzeug der Schweiz

Am Sonntag stimmen die Schweizer über den Kauf neuer Kampfjets ab. Kritiker laufen Sturm: Braucht die Armee des neutralen kleinen Landes milliardenschwere Flugzeuge?

Saab

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Bern/München - Er ist 15,2 Meter lang, verfügt über eine Spannweite von 8,6 Metern, kann bis zu zweifache Schallgeschwindigkeit erreichen und hinterlässt auf feindlichen Radarsystemen angeblich kaum Spuren: der "Gripen" E.

Der Kampfjet entzweit seit Monaten die Schweiz. Am kommenden Sonntag ist es so weit: Dann stimmen die Eidgenossen darüber ab, ob das Land 22 Flugzeuge des schwedischen Herstellers Saab erwerben soll. Vereinbarter Kaufpreis für die Flotte: 3,126 Milliarden Franken, umgerechnet rund zweieinhalb Milliarden Euro.

Der "Gripen" E soll nach dem Willen der Schweizer Regierung 54 alte Flugzeuge vom Typ F-5 "Tiger" ersetzen. Ansonsten sind noch 32 Jets vom Typ F/A-18 im Dienst. Der Armeebericht kam vor rund vier Jahren zu dem Ergebnis, dass "für die Wahrung der Lufthoheit und für die Luftverteidigung" ein möglichst rascher Teilersatz der "Tiger"-Jets nötig sei.

Nach mehreren Angeboten, unter anderem für den französischen "Rafale" sowie den "Eurofighter" von EADS, legte sich die Schweizer Regierung Ende 2011 auf den "Gripen" fest. Der Hersteller nennt den Kampfjet ein "Smart Fighter System". Das Flugzeug verfüge über ein "leistungsstarkes Triebwerk", besteche durch "hohe Waffenflexibilität", seine Piloten würden mithilfe eines modernen Aktivradars den Feind erkennen, "bevor dieser ihn sieht". Ab 2018 würden die Jets an die Schweiz ausgeliefert werden, schreibt Saab in einer Broschüre. Die Serienproduktion hat noch nicht begonnen.

"Friedenspolitisch katastrophal"

"Ein Papierflieger", ätzt die Bewegung "Gruppe für eine Schweiz ohne Armee" (GSoA), einer der vielen Gegner des Rüstungsprojekts. Dutzende Komponenten des Flugzeugs müssten erst entwickelt werden. Wichtiger noch wiegen für die GSoA aber vor allem finanzielle und politische Gründe. Den Steuerzahler koste der "Gripen" weit mehr als die veranschlagten drei Milliarden Franken. Über die gesamte Betriebsdauer würden die Jets mehr als zehn Milliarden Franken verschlingen, behauptet die GSoA. Die Aufrüstung sei zudem "friedenspolitisch katastrophal" und "sicherheitspolitisch unsinnig".

Auch die "Gripen"-Befürworter haben ihren Teil dazu beigetragen, dass sich die Debatte emotional und ideologisch so aufgeladenen hat: "Es geht um die Sicherheit unseres Landes", sagte Armeechef André Blattmann in einem Interview der "Weltwoche". Mit einem Nein zum "Gripen" würde sich die Schweiz vom Konzept der Sicherheit und Unabhängigkeit verabschieden. "Wer sich nicht schützen kann, über den wird verfügt", so Blattmann. Blattmanns Interviewpartner Roger Köppel, Chefredakteur und Verleger des konservativen Magazins, entwickelte atemberaubende Szenarien: Ob die Armee im Fall eines Aufstands muslimischer Kosovo-Albaner in der Schweiz ("hypothetisches Beispiel") wieder Ruhe herstellen könnte, auch wenn die Aufständischen Waffenunterstützung aus Pristina erhalten sollten. Die Leser konnten aufatmen - "eindeutig: ja", entgegnete der Armeechef.

Umfragen deuten auf Nein zum "Gripen" hin

Die Parteien haben sich in der "Gripen"-Frage klar positioniert: Das bürgerliche Lager ist für den neuen Jet, lediglich die Plattform der Frauen in der Christlichdemokratischen Volkspartei (CVP) scherte aus. Allen voran Verteidigungsminister Ueli Maurer von der rechtspopulistischen Schweizer Volkspartei (SVP) macht Werbung für den "Gripen", zuletzt allerdings mit einem frauenfeindlichen Witz, der ihm viel Kritik einbrachte: Bei einer Veranstaltung im Kanton Zug verwies er auf die veralteten Kampfjets und fragte das Publikum: "Wie viele Gebrauchtgegenstände, die 30 Jahre alt sind, haben Sie noch zu Hause?" Dann fügte er hinzu: "Bei uns sind das nicht mehr so viele - außer natürlich die Frau, die den Haushalt schmeißt."

Die Sozialdemokraten und die Grünen sind gegen den "Gripen". Das Geld solle besser in die Bildung und den öffentlichen Nahverkehr investiert werden, erklärte etwa die sozialdemokratische Nationalrätin Evi Allemann. Der Luftpolizei-Auftrag könne problemlos durch die F/A-18-Flotte erfüllt werden.

Umfragen deuten bislang auf ein Nein zum "Gripen" hin, das Rennen gilt aber als offen. Tatsächlich rührt die "Gripen"-Debatte an eine grundsätzliche Frage: Wie viel Militär und Waffen-Hightech braucht ein kleines Land wie die Schweiz, für das die Neutralität eines der grundlegenden Prinzipien der Außenpolitik ist?

Kampfjets donnern eigentlich nur dann über die Schweiz, wenn ein Mal pro Jahr die prominenten Gäste beim Davoser Weltwirtschaftsforum geschützt werden. Als vor wenigen Wochen eine äthiopische Passagiermaschine zur Landung in Genf gezwungen wurde, begleiteten französische Kampfjets die Maschine, nicht die Schweizer Luftwaffe - diese sei nur von 8 bis 12 Uhr und von 13.30 bis 17 Uhr verfügbar, berichtete die "Neue Zürcher Zeitung" unter Berufung auf einen Sprecher der Luftwaffe. In den kommenden Jahren wolle man aber eine Rund-um-die-Uhr-Bereitschaft der Schweizer Luftwaffe gewährleisten.



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insgesamt 229 Beiträge
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Seite 1
ablaufdatum 17.05.2014
1. Hm .. mal rechnen
die grösste Entfernung innerhalb der Schweiz sind von West nach Ost ca. 350 km. Das schafft man mit Mach 2 in 9 min ... Ob da ein Jet mit Mach 3 nicht doch besser wäre ;-)?
der_franzose 17.05.2014
2. Ja, die Schweiz braucht diese Flugzeuge
Die Schweiz ist ein kleines Land, aber die Leute sind Bastler , hochgradig intelligent. Verteidigt Euch gegen diese EU (Europäische Gemeinschaft). Ich bin kein Schweizer, aber mit 20 Jahren Erfahrung schätze ich Euch zu 200%.
UnitedEurope 17.05.2014
3. Titellos
Ich verfolge die Debatte schon länger auf nzz.ch und muss sagen, teilweise wird es echt hysterisch. Die Schweiz kann sich diese Flugzeuge locker leisten, jedoch stellt sich die Sinnfrage durchaus. Kein Mensch will in der Schweiz einmarschieren und selbst wenn, würden sie wegen der Alpen keine 5 Meter weit kommen. Dass die SVP so vehement dafür ist, ist mir klar. Großmachtsphantasien gehören da ja zum guten Ton. Aber ehrlich gesagt würde die Schweiz auch ohne Kampfpanzer gut auskommen.
mr.motto 17.05.2014
4. Wie bei Asterix bei den Briten
Das ist wie bei Asterix, Teepause im Krieg. Wozu teures Gerät, wenn die Schweizer im Ernstfall zur Mittagspause nicht Einsatzbereit sind. Lustiges Volk. Trotzdem finde ich diese Volksentscheide sehr gut, bei uns hätte man schon alles bestellt und später erwähnt egal ob es defekt ist.
dequincey 17.05.2014
5. Luftwaffe von Lummerland
Zitat von sysopSaabAm Sonntag stimmen die Schweizer über den Kauf neuer Kampfjets ab. Kritiker laufen Sturm: Braucht die Armee des neutralen kleinen Landes milliardenschwere Flugzeuge? http://www.spiegel.de/politik/ausland/schweiz-volkabstimmung-ueber-kampfjet-gripen-a-969448.html
Sehr arbeitnehmerfreundliche Bereitschaftszeiten. Der Schweiz müßte es nur noch gelingen, dass sich weltweit alle bösen Menschen an solche Arbeitszeiten halten und die Welt wäre ein angenehmer Ort.
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