Von Michael Soukup, Zürich
Verblüffend ist die offizielle Stellungnahme der Schweizer Regierung, des Bundesrates, gegenüber der Uno: "Die SVP-Kampagne zur Ausschaffungsinitiative steht im Schutz der Meinungsäußerungsfreiheit." Meinungsfreiheit hat in der Schweiz mit ihren stark ausgeprägten Volksrechten traditionsgemäß einen hohen, ja mythischen Stellenwert. Die SVP schießt seit Jahren aus allen Rohren gegen alles ihrer Meinung nach Unschweizerische, was nicht zuletzt zu einer Verluderung der öffentlichen Diskussion führte. Anleihen aus der nationalsozialistischen Gewaltsprache erstaunen offenbar kaum mehr.
Dazu genügt ein Blick in die Spalten der Leserbriefseiten. Ausländer können dort ohne rechtliche Konsequenzen als "Zecke, Laus oder Wanze" beschimpft werden. So geschehen vor zwei Wochen in der "Neuen Luzerner Zeitung", einer der größten Schweizer Tageszeitungen und im Besitz des NZZ-Verlages. Klar deklariert ist immerhin die publizistische Schützenhilfe vom ehemaligen "Welt"- und heutigen "Weltwoche"-Chefredakteur Roger Köppel. Er wetterte vorige Woche als Hauptredner auf einer Wahlveranstaltung der SVP in Zug wie gewohnt gegen die EU. "Europa, das ist eine Regierung, die versucht, sich ein Volk zu geben", zitiert ihn die "Neue Luzerner Zeitung".
"Nur ein Grinsen"
Der Gebrauch nationalsozialistischen Jargons ist eine ausgesprochene Spezialität der SVP. Im vergangenen Jahr verglich ein SVP-Volksvertreter im Berner Stadtrat Asylbewerber mit Ungeziefer. Und vor drei Jahren wurden die Sozialdemokraten als rote, wimmelnde Rattenschar auf Plakaten dargestellt, die angeblich den Staat ruinieren würden. Bekanntlich verhöhnten die Nazis Juden als Ratten, die den gesunden deutschen Volkskörper aushöhlten und deshalb auszurotten waren.
"Der Diskurs über Ausländer ist stark fremdenfeindlich", sagte ein Sprecher der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR) SPIEGEL ONLINE. Es herrsche ein Klima der Einschüchterung, der aggressiven Konfrontation und politischen Manipulation, die den demokratischen Werten schwerwiegenden Schaden zuführen würden. Die im Innenministerium angesiedelte Abteilung wacht über die Einhaltung der Rassismusstrafnorm. Beides würde der Schweizer Justizminister, Christoph Blocher, lieber heute als morgen abschaffen. Denn für die SVP ist die Kommission eine "Zensur- und Umerziehungsbehörde", so dass sich "Eltern an einem Elternabend nicht zu den Problemen wegen des hohen Ausländeranteils zu äußern getrauen", wie auf der Website der Partei nachzulesen ist.
Kampagne gegen Blocher
Der weit über die Grenzen hinaus bekannte Milliardär Blocher sitzt für die SVP in der Regierung und ist die Wahllokomotive der Rechtskonservativen. Die für die Schweiz außergewöhnliche Ausrichtung einer Partei auf eine einzige Person gipfelte letzthin in großflächigen Zeitungsinseraten: "Geheimplan gegen Blocher." Die übrigen Parteien wollten, so die Propaganda, mit der Abwahl Blochers die Politik der SVP aus dem Bundesrat verdrängen und setzten damit die Stabilität der Regierung aufs Spiel.
Die "volksferne classe politque", so die SVP, plane die Rückkehr. "Nicht offen, öffentlich und ehrlich. Nein, hinter den Kulissen werden Pläne geschmiedet. Eine gefährliche Entfremdung zwischen Volk und Regierung wäre die Folge", warnt SVP-Fraktionschef Caspar Baader in der aktuellen Ausgabe der SVP-Zeitung "Klartext".
In der Art und Weise, wie die SVP den Volksbegriff gebraucht, erkennt die politische Konkurrenz faschistische Züge. Als "Volk" gelte nicht die Mehrheit der Stimmbürger, sondern nur die Anhänger von Christoph Blocher, wie der Schweizer Vizepräsident und Innenminister Pascal Couchepin die SVP-Sprache analysiert: "So zu tun, als gehe das Land unter, als komme es zur Katastrophe, wenn jemand nicht wieder gewählt wird, das erinnert mich an den Faschismus." Die Gleichung, "wenn der Duce stirbt, verschwindet alles", sei ungesund, ergänzt der temperamentvolle FDP-Politiker aus dem französischsprachigen Wallis.
Auch das Beschwören des immergleichen Feindbildes von den unschweizerischen und landesverräterischen "Linken und Netten" mutet unheimlich an. So spricht der Parteipräsident der SVP, Ueli Maurer, im Zusammenhang mit den bevorstehenden Wahlen gar von einem "Coup": Linke und heimatmüde Kräfte bereiten aus Gier nach Macht das Terrain für den Sturz Blochers vor. Als Folge stünde die Stabilität der Regierung auf dem Spiel.
Ob die erschreckend unbekümmerten Vergleiche aus der braunen Vergangenheit Europas auch etwas mit der Vergangenheit der Schweiz zu tun haben? Der neutrale Kleinstaat blieb sowohl vom Nationalsozialismus, Faschismus wie auch Bolschewismus weitgehend verschont.
Für den 21. Oktober, dem Tag der Schweizer Parlamentswahlen, sagte Christoph Blocher die große konservative Wende voraus.
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