Eskalation in Kairo: Muslimbrüder feiern Gewaltorgie als Erfolg

Aus Kairo berichtet

Die Lage in Ägypten bleibt nach den brutalen Ausschreitungen der Nacht heikel, das Militär konnte die verfeindeten Lager in Kairo nur mit Straßensperren auseinander halten. Das ganze Land wartet nun gespannt auf eine Rede von Präsident Mursi.

Anhänger des Präsidenten in Kairo: Lenkt Mursi ein? Zur Großansicht
AP

Anhänger des Präsidenten in Kairo: Lenkt Mursi ein?

Die Spuren der Gewaltorgie sind im Kairoer Nobelviertel Heliopolis nicht zu übersehen. Auf der Straße hin zum pompösen Palast von Präsident Mohammed Mursi stehen ausgebrannte Fahrzeuge, Barrikaden aus Mülltonnen zeugen von dem erbitterten Kampf der Anhänger des Präsidenten und ihren Gegnern, die bis zum frühen Morgen tobten. Die Scheiben vieler Geschäfte sind zerborsten, überall liegen Steine, mit denen sich die beiden Seiten gnadenlos bekämpft hatten, in Hauseingängen sind Blutlachen und verschmiertes Verbandsmaterial zu sehen, der Geruch von verbranntem Plastik liegt noch immer in der Luft.

Rund elf Stunden bekämpften sich in der Nacht zu Donnerstag hier Tausende Muslimbrüder, die den Präsidenten bedingungslos unterstützen, und die zahlenmäßig unterlegenen, aber ebenso entschlossenen Gegner Mursis, es tobten die blutigsten Auseinandersetzungen in Kairo seit der Revolution gegen den Despoten Husni Mubarak vor knapp zwei Jahren.

Am Morgen, als die Kämpfe sich zumindest beruhigten, hatten sich die Muslimbrüder vor die Seitenflanke des Palasts zurückgezogen und sich mit Straßensperren geschützt. Wenig später zogen mehrere Panzer und gepanzerte Fahrzeuge der Republikanischen Garde vor dem Palast auf, laut den Soldaten um die beiden Seiten irgendwie auseinander zu halten.

Fotostrecke

14  Bilder
Krawalle in Ägypten: Soldaten auf Kairos Straßen
Armee kann verfeindete Gruppen nur mit Straßensperren trennen

Der Einsatz der Garden, die für den Schutz des Präsidenten und seiner Familie verantwortlich sind, beruhigte die Lage zumindest vorübergehend. Gegen Mittag hat sich die Lage dann tatsächlich etwas entspannt, da die Armee die beiden verfeindeten Parteien mit robusten Straßensperren weiträumig voneinander trennte. Gleichwohl verharrten vor dem Palast noch immer Tausende Anhänger des Präsidenten, stellten Zelte auf und versorgten ihre Glaubensbrüdern mit Essen. Gegen elf Uhr dann kam es an den Sperren zu kurzen Auseinandersetzungen. Oppositionelle warfen Steine auf die Muslimbrüder, die Armee konnte die Situation jedoch schnell beruhigen.

Gegen 13 Uhr Ortszeit dann wurde durch Lautsprecher durchgegeben, dass auch die Mursi-Anhänger die Umgebung des Palasts verlassen sollten, konkret wurde ihnen ein Ultimatum bis 15 Uhr Ortszeit gestellt, um die Straßen rund um den riesigen Gebäudekomplex zu verlassen. Es erwies sich erneut, wie strikt und effizient die Muslimbrüder organisiert sind: Tatsächlich zogen die Menschen am Nachmittag pünktlich und geschlossen ab, derzeit protestieren noch einige hundert Oppositionelle vor einer robusten Straßensperre des Militärs.

Mursi will sich noch an diesem Donnerstag mit einer Rede an die Bevölkerung wenden. Noch ist völlig unklar, ob der Präsident einlenken wird. Vizepräsident Mahmud Makki hatte am Mittwoch eine Übereinkunft über Änderungen am Verfassungsentwurf vorgeschlagen - angesichts der brutalen Gewalt von Mursis Anhängern auf den Straßen erschien das jedoch wie eine Farce.

Beide Seiten weisen Verantwortung für Gewalt von sich

Von einer Lösung der Krise, die mehr und mehr zu einem erbitterten Bürgerkrieg zwischen den Anhängern und Gegnern Mursis wird, ist Ägypten jedoch weit entfernt. Beide Seiten beschuldigten sich gegenseitig, die brutale Eskalation vom Mittwochabend verschuldet zu haben. Je nachdem, auf welcher Seite der Straßensperre man fragte, war es die Gegenseite, die ohne jeden Grund und mit äußertet Brutalität den Kampf kurz nach dem Abendgebet begonnen hatte. Bisher ist die Rede von fünf Toten und mehr als 220 Verletzten, doch wie verlässlich diese Zahlen sind, kann in dem Chaos der Millionenmetropole Kairo niemand sagen.

Die Muslimbrüder ließen sich es nicht nehmen, die Gewaltorgie der letzten Nacht als Erfolg zu feiern. Vor einem Tor des Palasts hielten sie am Vormittag rund 60 Männer fest, die sie als "unsere Gefangenen" bezeichneten, sie seien während der Kämpfe in der vergangenen Nacht festgenommen worden. Journalisten waren an der Pforte nicht erwünscht, auch Fotos von den übel zugerichteten Männern mit Platzwunden und aufgeschwollenen Gesichtern wurden von Organisatoren der Glaubensgemeinschaft rigide verhindert. Eine aufgebrachte Menschenmenge wurde von einigen Beamten der "riot police" zurückgehalten.

Die Menschenmenge beschuldigte die Gegner, fast alles junge Männer in völlig verschmutzter Kleidung, für die Attacken bezahlt worden zu sein. Zudem habe man bei ihnen Drogen gefunden, die sie gegen Schmerz unempfindlich machen sollen.

Solche Verschwörungstheorien, vor allem über die Einmischung von unbekannten ausländischen Mächten, gehören in Ägypten zum Alltag; bei den streng konservativen Muslimbrüdern, die jahrelang vom Regime des Despoten Husni Mubarak unterdrückt worden waren, fallen sie auf besonders fruchtbaren Boden. Und so heizten sich Kleingruppen von meist völlig übernächtigten Männern vor dem Palast schnell mit der Theorie auf, Israel stecke hinter der politischen Krise in Ägypten.

Frieden ist nicht in Sicht.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 40 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Judge Dredd 06.12.2012
Zitat von sysopDie Lage in Ägypten bleibt nach den brutalen Ausschreitungen der Nacht heikel, das Militär konnte die verfeindeten Lager in Kairo nur mit Straßensperren auseinander halten. Das ganze Land wartet nun
allah u snackbar, heißt es dann bald in Ägypten. Bin gespannt wie lange die Pyramiden noch stehen.
2. Schlechte Aussichten fuer arab. Fruehling
NorthernOak 06.12.2012
Wo jede Bildung Mangelware ist, fuehlt man sich hinter betonierter Meinung, die auf Gewalt, Unterwerfung, Totaler Kontrolle, permanenter Rueckstaendigkeit beruht - sicher. So auch in Aegypten und rund um die Welt, wo sich diese Idiologie ausbreiten konnte.
3.
gbk666 06.12.2012
Muslimbrüder feiern Gewaltorgie als Erfolg Gibt es eigentlich auch Muslimschwestern? Feiern die die Gewaltorgie auch als Erfolg?
4. Europa
dalethewhale 06.12.2012
Zitat von sysopDie Lage in Ägypten bleibt nach den brutalen Ausschreitungen der Nacht heikel, das Militär konnte die verfeindeten Lager in Kairo nur mit Straßensperren auseinander halten. Das ganze Land wartet nun
muss sich auf die Sicherung seiner Südgrenze vorbereiten.
5.
critique 06.12.2012
Egal was ich auch lese, ich werde mit dem Thema Islam nicht warm. Nun können auch noch so oft pazifistische Koranleser erklären, wie friedlich alles gemeint ist. Dann muss man aber festhalten, dass es nicht gelingt diese Botschaft zu vermitteln und in der Breite zu leben.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Ägypten
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 40 Kommentare
  • Zur Startseite

Fläche: 1.002.000 km²

Bevölkerung: 81,121 Mio.

Hauptstadt: Kairo

Staatsoberhaupt:
Adli Mansur (interimistisch)

Regierungschef: Ibrahim Mahlab

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Ägypten-Reiseseite