Schwere Vorwürfe McCain und Palin rechnen miteinander ab

Sarah Palin hielt Afrika für ein Land, war in Besprechungen eine Furie und außerdem kaufwütig - so pesten John McCains Berater jetzt gegen die Frau, die Vizepräsidentin der USA werden sollte. Die Schlammschlacht um die Schuld an der historischen Wahlniederlage hat begonnen.


Washington - "2012! 2012!" Als Sarah Palin vor Stunden in ihrer Heimat am Flughafen von Anchorage ankam, wurde sie von begeisterten Anhängern mit Jubelschreien empfangen - 2012 könnte sie sich selbst für das Amt des Staatschefs bewerben. Auf die Frage von Journalisten, ob sie das tun wolle, antwortete die gescheiterte Vize-Kandidatin von John McCain: "Wir werden sehen, was passiert."

Wenn es nach einigen führenden Mitgliedern der Republikaner geht, wird mit Sarah Palin gar nichts passieren - jetzt, da die Partei ein Desaster historischen Ausmaßes zu verarbeiten hat und man der Frau aus Alaska ein Gutteil davon zuschreibt.

Die Zeit der Abrechnung ist gekommen. Selbst in konservativen Medien wie FoxNews wird inzwischen offen die Frage thematisiert, wie kompetent Palin für ihren Posten wirklich war - und schonungslos berichtet, wie erbittert in der Partei ihretwegen gestritten wird.

Bei Bill O'Reilly, einem der Frontmänner der TV-Station, war in der Sendung Carl Cameron zugeschaltet, der politische Chefkorrespondent von FoxNews. Er packte aus, was seine Informanten bei den Republikanern über Palin denken. Die Details sind so erschütternd, dass der Schluss nahe liegt, dass manche Palins nationale Karriere vernichten wollen.

Schon vor der Kür zur Kandidatin habe es in McCains Team Leute gegeben, die die Entscheidung für "riskant" befunden und an Palins Kenntnissen gezweifelt hätten, erzählte Cameron. Um den Wahlkampftrend zu drehen, habe man sich trotzdem für die Gouverneurin aus Alaska entschieden. Nur habe man schnell festgestellt, dass sie vieles nicht wusste.

"Da gab es richtige Probleme mit Basiswissen", unter anderem über die Aufgabenverteilung in der US-Politik, berichtete Cameron. "Sie wusste nicht, dass wir in die Nafta involviert sind", die Freihandelszone aus den USA, Kanada und Mexiko, zitierte Cameron seine Quellen. McCains Leute hätten ihm gesagt, dass "sie nicht wusste, dass Afrika ein Kontinent ist und kein Land". Palin habe gefragt, ob Südafrika nicht einfach ein Land in einem größeren Land sei. Sie habe mit der Idee des amerikanischen Exzeptionalismus nichts anfangen können, also dem Konzept, dass die USA als herausgehobene Nation in der Welt besondere Aufgaben haben. "All diese Dinge haben große Zweifel ausgelöst."

Auch Details über die verheerenden Interviews zu Beginn ihres Wahlkampfs werden bekannt. Vor dem Gespräch mit Charles Gibson von ABC habe sie noch "ein bisschen Training" zugestimmt - im Gegensatz zu dem schon legendären Interview mit Katie Couric von CBS, in dem Palin stellenweise völlig versagte und nach dem sie für viele Komiker zum Gespött des Wahlkampfs wurde (siehe Video mit Imitatorin Tina Fey).

McCains Team habe Courics Fragen keineswegs als unfair empfunden, berichtete Cameron. Palin dagegen habe nach dem verheerenden Interview die Schuld auf andere geschoben. Sie sei nicht gewarnt worden, beklagte sie demnach. O'Reilly ergänzte, darum also habe später McCain persönlich in mehreren Interviews neben ihr gesessen.

Auf O'Reillys Frage, was es mit Berichten auf sich habe, dass Palin unter dem enormen Druck langsam ausgeflippt sei, bestätigt Cameron, dass es solche Informationen gebe. Seinen Quellen zufolge sei sie beim Durchsehen der Presseberichte ausgerastet. Manchmal sei sie "so fies und verärgert gewesen", dass Mitarbeiter in Tränen ausbrachen und Papiere durch den Raum geworfen wurden.

McCains Team sei von Palin schlicht überrascht worden. Einmal hätten Mitarbeiter sie von ihrem Hotelzimmer abholen wollen, aber sie habe nur ein Badetuch angehabt, weil sie gerade aus der Dusche kam. Das habe man doch sehr befremdlich gefunden, berichtet Cameron. Auch dass Palin "ein bisschen ein Shopaholic" sei, also kaufwütig, sei verwundert aufgenommen worden - die Vize-Kandidatin hatte ohnehin eine Garderobe von 150.000 Dollar (rund 95.000 Euro) bekommen und sich deshalb angesichts der Finanzkrise viel Kritik eingehandelt (siehe Fotostrecke).

Dem Fox-News-Reporter zufolge ist inzwischen nicht nur zwischen McCains und Palins Teams ein Kampf um die Schuldfrage ausgebrochen, sondern auch innerhalb der Teams. In der vergangenen Woche sei Randy Scheunemann gefeuert worden, der als Palin-Fan Interna über den Umgang mit der Vize-Kandidatin an Zeitungen verraten habe. Scheunemann dementierte den Rauswurf allerdings in der "New York Times", wie auch andere führende McCain-Berater.

Tatsächlich waren eine Woche vor der Wahl plötzlich in allen großen US-Medien Berichte erschienen, dass es zwischen Palins und McCains Wahlkampfteam große Spannungen gibt. Ein Berater nannte die Vize-Kandidatin "Diva", ihr Team lästerte zurück. Der ungewöhnlich harte interne Konflikt eine Woche vor der Wahl war ein Zeichen für große Nervosität angesichts des absehbaren Desasters.

Dass die Enthüllungen nun weitergehen, zeigt, dass keine Seite die Schuld an Obamas historischem Sieg bei sich sehen will. Nicht nur FoxNews hat Details zum Kampf zwischen McCain und Palin zu berichten, sondern auch die "New York Times".

Ein führender Berater McCains machte in der Zeitung anonym seinem Unmut über Palins Telefonstreich-Interview in einem kanadischen Radiosender Luft. Ein Moderator hatte sich als Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy ausgegeben und Palin mehr als fünf Minuten für dumm verkauft - sie bemerkte es nicht einmal dann, als der Comedian den Porno "Nailin' Palin" als Dokumentation über ihr Leben lobte.

Unter anderem ließ sich die Gouverneurin von Alaska zu der Aussage verleiten, sie könne sich vorstellen, in acht Jahren für die Präsidentschaft anzutreten. Der Vorwurf des McCain-Beraters: Es sei schlimm genug, dass Palin den angeblichen Sarkozy-Anruf ahnungslos in ihren Terminkalender aufnahm und ihn dann auch tatsächlich entgegennahm. Noch schwerer wiege aber, dass sie es versäumte, McCain über die Sache zu informieren.

Palins Lager wies die Vorwürfe zurück. Die Anschuldigungen seien absurd. Das Gespräch habe drei Tage lang auf Palins Terminplan gestanden, und sie könne nicht dafür verantwortlich gemacht werden, wenn McCains Leute so nachlässig seien, dies nicht zu bemerken.

Die "New York Times" spricht von einer Episode im einem "Bürgerkrieg" zwischen dem Kandidaten und seiner Stellvertreterin. Er habe im September angefangen und bis zu jener Rede gedauert, in der McCain in der Nacht auf Mittwoch seine Niederlage eingestand.

Am Ende habe sich Palin nur noch gelegentlich mit McCain besprochen, berichtet die Zeitung und zitiert einen Leiter von McCains Wahlkampfteam: "Ich meine, es war eine schwierige Beziehung." McCain habe Palin wegen ihres politischen Talents aber durchaus bewundert.

Die jetzt zu Tage tretenden Spannungen weisen auf tiefe Verwerfungen innerhalb des McCain/Palin-Teams hin. Etliche Republikaner haben sich inzwischen über einen negativen, schlecht gemanagten Wahlkampf beklagt.

Palin selbst hat am Morgen nach der Wahl im Bundesstaat Arizona verkündet: "Ich bin absolut keine Diva!" Etwas später am Tag lehnte sie es ab, die Zwietracht in der Teamspitze zu kommentieren: "Ich beabsichtige keineswegs, mich negativ zu äußern, weil ich das ganze als positiv werte." Außerdem gelte es jetzt, den Sieg Obamas zu würdigen, anstatt sich in "diesem historischen Moment" mit "Geringfügigkeiten" wie dem inneren Ablauf eines Wahlkampfs zu befassen.

Auf CNN fügte sie hinzu: "Wenn ich John McCain auch nur eine Stimme gekostet habe, dann tut mir das Leid - weil John McCain, und daran glaube ich, der amerikanische Held ist."

asc/plö/AP

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