Debatte in Frankreich: Hetze gegen Homosexuelle nimmt zu

Von Stefan Simons, Paris

Homophobie in Frankreich: Das Coming-out der Schwulenfeinde Fotos
AP

Frankreichs Parlament will am Dienstag der Homo-Ehe zustimmen. Doch die Debatte hat das Land gespalten. Schwulenhetze nimmt zu, Verbände beklagen eine gestiegene Aggressivität. Jüngstes Beispiel: Der Vorsitzende der Nationalversammlung erhielt einen mit Schießpulver gefüllten Drohbrief.

"Das ist das Gesicht der Homophobie", schrieb Wilfred de Bruijn unter das Foto, das er Anfang April auf seinem Facebook-Profil veröffentlichte. Der Niederländer war am Abend zuvor mit einem Freund im 19. Arrondissement von Paris unterwegs, eingehakt, als drei oder vier Personen über die beiden herfielen. "Ach schau mal, Schwule", soll einer von ihnen gesagt haben. Dann verprügelten sie de Bruijn auf brutale Weise.

"Tut mir leid, dass ich euch das zeigen muss", notiert de Bruijn unter dem Foto mit seinem entstellten Gesicht, das sein Freund zunächst für die Polizei dokumentierte, wo er Anzeige erstattete wegen vorsätzlicher Körperverletzung aus schwulenfeindlichen Motiven. Seither macht das Porträt im Internet die Runde - als Beleg für die gefährlich steigende Aggressivität gegen Frankreichs Homosexuelle.

Schwule und Lesben werden beschimpft, beleidigt, bespuckt. Gerade Jugendliche, von denen viele am Sonntag an der Place de la Bastille gegen die Homophobie demonstrierten, sind verunsichert. "Wir erhalten derzeit mehr und mehr Anrufe von jungen Menschen, die total durcheinander sind", sagt Nicolas Noguier von der Beratungsorganisationen Refuge ("Zuflucht").

"Eine Explosion von Hass und Gewalt"

Nachdem Unbekannte die Szenebar "Vice Versa" in Lille überfielen, hat sich unter vielen Schwulen und Lesben Angst breitgemacht. Die vier Täter waren gegen 22 Uhr abends vor dem Lokal in der Altstadt aufgetaucht, an deren Eingang das Regenbogen-Banner der Homosexuellen-Bewegung aushängt. Sie zertrümmerten Mobiliar und warfen das Schaufenster ein, der Besitzer des "Vice Versa" und ein Angestellter wurden verletzt.

"Eine Explosion von Hass und Gewalt", konstatiert der Pariser Verein Act Up, die Organisation SOS Homophobie beklagte eine Woche von Gewalttaten. "Es gibt ein Klima der Homophobie, die zu aggressiven Handlungen veranlasst", so deren Präsidentin Elisabeth Ronzier. Grund für die "Verkrampfung" und die "Radikalisierung" sei die seit Monaten schwelende Debatte über die Homo-Ehe.

Denn seit im Parlament der Gesetzvorschlag "Ehe für alle" beraten wird, hat sich im Land eine Front gegen Homosexuelle formiert. Ausgerechnet in Frankreich, wo im Juli 1982 die Homosexualität von Strafandrohung befreit wurde und gleichgeschlechtliche Paare den Heteros bei zivilrechtlichen Lebensgemeinschaften seit 1999 gleichgestellt sind, hat die Dauerdebatte um die Homo-Ehe längst vergessene Vorurteile zum Leben erweckt.

Mehrheit der Franzosen befürwortet die Homo-Ehe

Die Reform erweist sich nicht nur als gesellschaftliches Aufregerthema, das von wertkonservativen Ultras und der rechten Opposition zur politischen Mobilisierung gegen den unpopulären Präsidenten genutzt wird. Im Windschatten des Protests feiern Schwulen- und Lesbenhasser ihr Coming-out. Jüngstes Beispiel: Am Montag erhielt der Vorsitzende der Nationalversammlung, Claude Bartolone, einen mit Schießpulver gefüllten Drohbrief: "Unsere Methoden sind radikaler und flinker als die Demonstrationen. Ihr wolltet den Krieg, nun habt ihr ihn", droht eine Gruppe mit dem Namen "Interaktion der Ordnungskräfte".

François Hollande, der das Gesetz als "Vorschlag Nummer 31" in seinen Wahlversprechen aufgelistet hatte, wurde von der landesweiten Kampagne und den massiven Aufmärschen völlig überrascht - immerhin sind 58 Prozent der Franzosen für die Einführung der "Ehe für alle", 53 Prozent lehnen nur beim Adoptionsrecht die Gleichstellung von Homo- und Heterosexuellen ab. Umso mehr wetterte der Staatschef nach tätlichen Übergriffen auf Schwule und Lesben "mit Nachdruck" gegen "Gewalt" und "jede Form von Homophobie".

Die meisten Reformgegner überschlagen sich mit Bekenntnissen zur friedlichen Form des Widerstands. Doch die ideologischen Wortführer rund um das Aktionsbündnis "Kundgebung für alle" schüren weiter den Hass gegen Lesben und Schwule, während sie vorgeben, die Reform zu rügen: "Da wird eine Büchse der Pandora geöffnet", sagt Alain Escada, Chef der christlichen Fundamentalisten-Gruppe Civitas. "Als Nächstes werden sie Ehen zu dritt oder viert machen wollen", wetterte Lyons Erzbischof Philippe Barbarin, "und dann fällt auch noch das Verbot des Inzests."

"Dann kommt Geschlechtsverkehr mit Tieren"

"Wer kann im Namen der sakrosankten Liebe dann noch Geschlechtsverkehr mit Tieren oder die Vielmännerei als unrechtmäßig darstellen", sorgte sich seinerseits der Dachverband islamischer Organisationen. "Hollande will Blut haben, dann wird er es bekommen", giftete Frigide Barjot, selbsterklärte Ikone des Widerstands, bevor sie den Ausfall korrigierte.

Ist die Homophobie damit Beweis für einen Meinungsumschwung auf Dauer oder nur bloß ein vorübergehendes, hässliches Phänomen? Louis-Georges Tin hat die Feindseligkeit gegen Homosexuelle nicht überrascht. "Die Debatte über die 'Ehe für alle' ist in dieser Hinsicht nur ein verstärktes Indiz gewesen", sagt der Verfasser eines "Wörterbuchs der Homophobie" in der Tageszeitung "Libération".

Tin meint, die Kirche und die konservative Opposition verfolgten hinter ihrer teilweise scharfen Ablehnung der Reform eine Agenda in eigener Sache: Die einen seien geschwächt durch die Pädophilie-Affären, die anderen entkräftet durch interne Grabenkämpfe. Grund genug, das Thema zu nutzen, um damit eine moralische Runderneuerung zu versuchen. "Die Homophobie kommt in neuen Kleidern daher, hübscher und komplexer, ist aber dennoch völlig unnütz", so der Autor. Tin bleibt optimistisch: "Diese Ausbrüche sind bald Geschichte."

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