Schwulenparade in Polen "Wenn Abartige demonstrieren, brauchen sie den Knüppel"

"Homosexuelle muss man niederknüppeln". Solche Sätze äußern nicht nur polnische Skinheads, sondern auch Mitglieder der Regierungspartei LPR. Wenn Schwule und Lesben am Samstag demonstrieren, könnten Steine fliegen. Prominente sollen als Schutzschild dienen.

Von Antonia Götsch


Warschau - Dort drüben könnten wir wohl nicht so unbehelligt leben, sagt Magda, die ihren Nachnamen nicht verrät, weil ihre Familie nicht weiß, dass sie eine Frau liebt. Sie zeigt mit dem Finger aus dem Fenster auf eine Plattenbausiedlung, die sich keine 70 Meter entfernt hinter den Altbauten auf der gegenüberliegenden Straßenseite erhebt. Warschau ist die Hauptstadt der polnischen Homosexuellen. Hier könne man relativ unbehelligt leben, "solange man genug Geld hat".

Demonstranten in Posen: Von Skinheads angegriffen und anschließend verhaftet
AP

Demonstranten in Posen: Von Skinheads angegriffen und anschließend verhaftet

Genug Geld für den Kauf einer Drei-Zimmer Wohnung in einem Haus, das sich nicht jeder leisten kann. "Ich habe schlicht die Erfahrung gemacht, dass Leute mit höherer Bildung und besserem Einkommen toleranter sind", sagt Magda. Der Pförtner unten im Erdgeschoss nennt sie und ihre Freundin Schwestern. Die Nachbarn sagen, sie seien arme verlassene Ehefrauen, die sich nun gegenseitig unterstützen. "Das ist für polnische Verhältnisse schon das höchste der Gefühle", sagt Magda. "Alle wissen was los ist, schauen aber nicht so genau hin."

Auch Tomasz Baczkowski sagt, er sei froh sich abends ein Taxi leisten zu können. Er hält sein Gesicht in die Fernsehkameras, um für die Rechte Homosexueller zu kämpfen und organisiert die Gleichheitsparade am Samstag. Täglich bekommt er mindestens fünf Kurznachrichten auf sein Handy. Mit Texten wie: "Du schwule Sau" oder "wir beobachten dich". Er hat Angst, dass letzteres keine leere Drohung ist. Erst vor einem Monat wurde ein bekennender Homosexueller in Warschau mit einem Messer niedergestochen. Baczkowskis Name steht genau wie der des Opfers auf einer Internet-Abschussliste der Rechtsradikalen Skinheadtruppe "Blood and Honor". Es gibt eine handvoll Schwulenkneipen in Warschau, doch von einem toleranten Umgang mit Homosexualität ist auch die Metropole noch weit entfernt.

"Aber wir sehen, dass sich etwas bewegt, dass unser Kampf Früchte trägt", sagt Baczkowski. Im vergangenen Jahr waren 2.000 Menschen bei der Parade, obwohl Lech Kaczynski, damals noch Warschauer Bürgermeister, diese unter fadenscheinigen Sicherheitsgründen verboten hatte. Baczkowski marschierte damals mit der deutschen Grünen-Vorsitzenden Claudia Roth in der ersten Reihe und ließ sich mit Eiern bewerfen, was auch international für Schlagzeilen sorgte.

"Wir brauchen diesen Druck aus dem Ausland", sagt der 33-Jährige. Als er die Gleichheitsparade in diesem Jahr anmeldete, fragten die Vertreter im Rathaus zuerst: "Werden auch Politiker aus Deutschland kommen?" Volker Beck und Claudia Roth von den Grünen hatten ihre Teilnahme bereits angekündigt, auch der Comedian Thomas Hermanns und Schauspieler Georg Uecker (Lindenstraße) wollen nach Warschau kommen.

Je mehr Prominente, desto mehr Polizisten

Die Veranstaltung ist bewilligt – fast überraschend - wie auch eine Gegendemonstration der "Allpolnischen Jugend", einer extrem nationalistischen Gruppe, die von der rechtspopulistischen "Liga polnischer Familien" (LPR) finanziell unterstützt wird. Nach einem Appell des Parteivorsitzenden Roman Giertych - während der WM solle es keinen ideologischen Streit geben -, sagte die Gruppe ihre Demonstration ab.

Trotzdem werden allpolnische Glatzköpfe wohl wie in den Vorjahren mit Eiern und Steinen werfen, ganz im Sinne von LPR-Vize Wojciech Wierzejski, der erst im Mai tönte: "Wenn die Abartigen zu demonstrieren beginnen, brauchen sie den Knüppel". "Je mehr Prominente in Warschau dabei sind, desto stärker fällt die Polizeipräsenz aus", sagt Baczkowski und so sollen die Gäste nicht nur international für Schlagzeilen sorgen, sondern auch Schutzschild sein.

Baczkowski hofft auf 10.000 Teilnehmer, mindestens 600 sollen allein aus Deutschland kommen. Prominente und verschiedene deutsche Initiativen haben im Vorfeld der Gleichheitsparade den "Warschauer Pakt 2006" gegründet. Ihr wichtigstes Ziel: Aufmerksamkeit für die Nachbarn, daher lädt das Bündnis nicht nur zur "Bustour nach Polen ein", sondern ermöglichte mit Spenden auch die Einladung des schwulen Sängers Jimmy Somerville aus England.

Die schwul-lesbische Reisewelle bereitet den Veranstaltern allerdings auch Sorgen. "Die Deutschen kennen solche Paraden einfach ganz anders", erklärt Yga Kostrzewa vom Warschauer Homosexuellenverband Lambda. "Bei uns ist der Umgang mit Sexualität nicht so offen. Wir veranstalten keine Party, sondern eine politische Demonstration." Und so mahnt der "Warschauer Pakt" auf seiner Homepage: "Fummel fällt in Polen unters Vermummungsverbot."

Wer für Schwule ist, ist gegen die Regierung

Schrille Paradiesvögel und Dragqueens wären für die Ziele der polnischen Homosexuellen kontraproduktiv. Denn erzkonservative Medien wie "Radio Maryja" stigmatisieren Schwule als krankhafte Exhibitionisten und auch gewöhnliche Bürger kriteln: "Wir Normalen tragen unsere Sexualität doch auch nicht auf der Straße zur Schau".

Trotzdem werden am Samstag wesentlich mehr Teilnehmer aus Polen erwartet. "Der Kampf für die Rechte von Lesben und Schwulen ist zu einem Kampf gegen die Regierung geworden", sagt Baczkowski. "Zeitungen, die früher fast schon homophob berichtet haben, schlagen sich auf unsere Seite, weil sie gegen die Regierung sind." Etliche Studenten wollen sich anschließen. "Am Beispiel der Homosexuellen sehen wir, wie repressiv die Regierung gegen Minderheiten vorgeht. Erst durch die Regierungsbeteiligung von Schwulenhassern wie Lech Kaczynski und Roman Giertych ist es eine Frage der Demokratie geworden, ob die Homosexuellen ungestört demonstrieren können oder nicht", erklärt Justyna Dziewota-Jablonska, die vor zwei Wochen die Studentenproteste organisiert hat. 

Auch Magda wird am Samstag demonstrieren und ihren Eltern sagen, dass sie die Forderungen der Lesben und Schwulen lediglich unterstützt, falls ein Foto von ihr in der Zeitung erscheint. Sie und ihre Freundin bewegen sich hauptsächlich in feministischen Kreisen. "Eine Art Elfenbeinturm", wie Magda sagt: "Es macht keinen Spaß hinaus zu gucken." Ein paar Mal hat sie überlegt auszuwandern, "aber als Lehrerin für polnische Literatur, wo soll ich da einen Job finden?" So wartet sie, dass ein Land sich ändert und verkauft ihre Beziehung zu einer anderen Frau bei Verwandten und am Arbeitsplatz als Wohngemeinschaft.



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