Wut über Sean Spicer bei den Emmys "Wie Eva Braun bei Letterman"

Selbstironie oder politisches Whitewashing? Der Auftritt von Ex-Trump-Sprecher Sean Spicer bei den Emmys empört das liberale Amerika. Die Diskussion: Darf man mit einem Feind der freien Presse witzeln?


"Zu sehen, wie Stephen Colbert am Ende seines Monologs einen Witz mit Sean Spicer macht, war nicht nur verstörend - es war unfassbar enttäuschend."
Nicht nur das amerikanische Onlinemagazin Vox.com kommentiert in deutlichen Worten den "Überraschungsauftritt" des ehemaligen Trump-Pressesprechers Sean Spicer bei der diesjährigen Emmy-Verleihung. (Lesen Sie hier einen Kommentar zu Sean Spicer bei den Emmys).

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Emmys 2017: Ein Award für den Präsidenten

Politikberater, Journalisten, Schauspieler und TV-Zuschauer äußern harsche Kritik an Moderator Colbert - eigentlich bekannt für seine Vehemenz kontra Donald Trump - und die Veranstalter des "TV-Oscars". "Schaut ihr auch gerade, was Sean Spicer als die größten Emmys aller Zeiten bestätigt hat?", wurde über den Account von Colberts Satiresendung "The Late Show" getwittert. "Nein", antwortete ein User. "Erinnert ihr euch daran, als er noch das Sprachrohr eines Rassisten war?" Der Schriftsteller Hari Kunzru spottete: "War auch superwitzig, als er von diesem Pult das Einreiseverbot für Muslime verkündet hat."

Spicer war während der Eröffnung der Preisverleihung mit einem fahrbaren Pult auf die Bühne gerollt und hatte auf seine bizarre erste Pressekonferenz angespielt, bei der er fälschlicherweise behauptet hatte, Trumps Amtseinführung sei die größte aller Zeiten gewesen. Dass dieser Moment, für viele amerikanische Beobachter eine Zäsur im Verhältnis zwischen Politik und Medien, als Steigbügel für einen kruden Witz genutzt wird, noch dazu herab vom symbolischen Sprecherpult - zu viel.

"Geschmacklos, Spicer nutzte dieses Pult täglich, um für Trump zu lügen", befand die ehemalige Obama-Beraterin Karine Jean-Pierre. Der TV-Produzent David Stassen kritisierte: "Sean Spicer war das erste Mitglied der Trump-Administration, welches das amerikanische Volk angelogen und unsere freie Presse als Feind behandelt hat." Dem schickte er eine nicht ganz zitierfähige Verwünschung hinterher.

Politikprofessor Brian Klaas wagte eine Kurzanalyse: "Diese Behandlung von Spicer ist eine weitere Erosion der politischen Norm. Wenn wir scherzen und Menschen belohnen, die im Amt lügen, werden es mehr tun." CBS-Analyst Jamelle Bouie spottete: "Dass Spicer keinerlei Konsequenzen zu drohen scheinen, ist ein Ausblick auf die Post-Trump-Zukunft."

Selbstironie oder politisches Whitewashing? Die Meinungen liefen nicht so weit auseinander, wie es sich die Macher vermutlich erhofft hatte. "War eine nette Erinnerung an den Abend, als Eva Braun bei Letterman war", twitterte der Comedian Randy Rainbow.

Normalisiert diesen Menschen und seine Taten nicht - das ist der Appell, den das traditionell linke Hollywood und die eher liberale Zielgruppe der Emmys an diesem Abend heraustwittern. Schauspieler und Regisseur Zach Braff ("Scrubs") schrieb: "Ich bin nicht willens 'mit' Sean Spicer zu lachen. Ich finde, er ist ein bösartiger opportunistischer Lügner, der unserem Land geschadet hat."

Ähnlich sahen es wohl die prominenten Zuschauer im Microsoft Theater von Los Angeles, die zwischen Irritation, Schock und dem Eindruck auf sie gerichteter Kameras würdevoll zu reagieren versuchten.

Am aufschlussreichsten war wohl der Kameraschwenk auf Comedy-Darstellerin Melissa McCarthy, die schon in der Woche zuvor für ihre Sean-Spicer-Imitation in der Satiresendung "Saturday Night Live" ausgezeichnet worden war. McCarthy hatte Spicer mit seinem fahrenden Pult als überforderten wie kadavergehorsamen Wutbürger dargestellt - und konnte über die Trivialisierung von Spicers Rolle nicht lachen. Oder, wie es das Portal "Mashable" zusammenfasste: Wir alle sind gerade Melissa McCarthy.

ayy

insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
Stoew 18.09.2017
1. Wie die Hamburger Klatschmäuler.
Diese dauereregierten "Liberalen" sollten mal was Vernünftiges tun. Statt sich nur über andere aufzuregen. Was hier im Spiegel als liberal gilt, sind Verleumder und chronische Schlechtmacher. Die sogar Ironie, Persiflagen und Satire verbieten lassen wollen. Also das genaue Gegenteil von "liberal" sind.
Americanet 18.09.2017
2.
Oh, Mann. Es war mal eine liebenswerte Stärke von Amerika, auch über sich selbst lachen zu können und nicht alles mit furchtbar viel Moralin konsumieren zu müssen. Es wäre traurig, wenn die Polarisierung jetzt auch diese Eigenschaft unter sich begraben hätte. Ich würde es anders sehen, wenn Spicer noch im Amt wäre, aber er ist zurückgetreten; wohl auch weil er das von Trump Geforderte nicht mehr leisten konnte oder wollte. Vor dem Hintergrund ist sein Auftritt bei den Emmys eine gelungene Pointe und vielleicht sogar ein netter kleiner Seitenhieb.
Papazaca 18.09.2017
3. Die Wahrheit ist: Es wurde über Spicer gelacht!
Und das ist doch gut. Damit wurde der Bedeutungsgehalt seiner Amtszeit nicht nur in Frage gestellt sondern lächerlich gemacht. Was ist daran falsch? Moralisten, auf welcher Seite auch immer, sind mir ein Graus.
gandhiforever 18.09.2017
4. Ich weiss nicht,
Zitat von StoewDiese dauereregierten "Liberalen" sollten mal was Vernünftiges tun. Statt sich nur über andere aufzuregen. Was hier im Spiegel als liberal gilt, sind Verleumder und chronische Schlechtmacher. Die sogar Ironie, Persiflagen und Satire verbieten lassen wollen. Also das genaue Gegenteil von "liberal" sind.
Ich weiss nicht, ob es angebracht ist, wenn ein Luegner mit einer Persiflage seine Luege in ein anderes Licht stellen will. Schliesslich ist es auch nicht angebracht, einem intoleranten Antidemokraten mit Toleranz zu begegnen. Im umgekehrten Fall wuerden etliche Reaktionaere von Appeasement quatschen. Ein 'eregierter' Liberaler
gandhiforever 18.09.2017
5. Spicer
Zitat von AmericanetOh, Mann. Es war mal eine liebenswerte Stärke von Amerika, auch über sich selbst lachen zu können und nicht alles mit furchtbar viel Moralin konsumieren zu müssen. Es wäre traurig, wenn die Polarisierung jetzt auch diese Eigenschaft unter sich begraben hätte. Ich würde es anders sehen, wenn Spicer noch im Amt wäre, aber er ist zurückgetreten; wohl auch weil er das von Trump Geforderte nicht mehr leisten konnte oder wollte. Vor dem Hintergrund ist sein Auftritt bei den Emmys eine gelungene Pointe und vielleicht sogar ein netter kleiner Seitenhieb.
Spicer wurde von niemandem gezwungen, einen Job anzunehmen, bei dem er fuer seinem Boss so luegen musste. Die Typen, die sich mit Trump einliessen, waren gewarnt worden, dass sie kaum unbeschadet entrinnen koennten.
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