Spicer über Assad "Nicht einmal Hitler hat Chemiewaffen eingesetzt"

Trumps Sprecher Sean Spicer hat einen historisch falschen Vergleich zwischen Syriens Staatschef Assad und dem NS-Regime gezogen. Für eine Klarstellung benötigte er zwei Anläufe.


Der Sprecher des Weißen Hauses hat dem syrischen Diktator Baschar al-Assad unterstellt, schlimmer als Hitler zu sein. "Nicht einmal Hitler ist so weit gesunken, Chemiewaffen einzusetzen", sagte Sean Spicer auf einer Pressekonferenz in Washington.

Politiker und Historiker wiesen Spicers Aussage kurz nach Bekanntwerden entschieden zurück. Hitler hatte das Giftgas Zyklon B zur systematischen Vernichtung von Juden eingesetzt.

Noch auf der Pressekonferenz hakte eine Journalistin nach: "Ich möchte Ihnen die Möglichkeit geben, das klarzustellen: Was meinten Sie mit der Aussage?" Spicer verhaspelte sich bei seiner Antwort und sagte schließlich, Hitler habe Chemiewaffen nicht "in derselben Weise eingesetzt" wie Assad, da er sie nicht auf Stadtzentren habe niedergehen lassen.

Dass Hitler Gas in den "Holocaust-Zentren" eingesetzt habe, sei ihm klar. Mit dem Begriff meinte Spicer offenbar die Konzentrations- und Vernichtungslager der Nationalsozialisten.

Rücktrittsforderungen gegen Spicer

Nach der Pressekonferenz rechtfertigte er sich deutlicher. "Ich habe in keiner Weise versucht, die Abscheulichkeit des Holocausts zu schmälern", erklärte er. Es sei ihm um eine Unterscheidung zu der Taktik gegangen, chemische Waffen über Bevölkerungszentren einzusetzen.

Später entschuldigte sich Spicer im TV-Sender CNN. Er habe einen "unangebrachten und unsensiblen" Bezug zum Holocaust verwendet, sagte er. "Es war ein Fehler, das zu tun."

Meinungskompass

Zuvor hatte es schon Rücktrittsforderungen gegen Spicer gegeben. Die Fraktionschefin der oppositionellen Demokraten im Repräsentantenhaus, Nancy Pelosi, forderte Präsident Donald Trump auf, seinen Sprecher zu feuern und sich von dessen Äußerungen zu distanzieren. Während jüdische Familien im ganzen Land das Passahfest begingen, spiele der Präsidentensprecher "den Horror des Holocaust herunter".

Auch der Direktor des Anne-Frank-Zentrums in den USA, Steven Goldstein, forderte Spicers Entlassung, da dieser "den Holocaust geleugnet" haben.

Im Video: Spicers Vergleich und der Versuch der Klarstellung:

Gefallen war der Vergleich im Zusammenhang mit der Rolle Russlands im Syrienkonflikt. Spicer brachte ihn als Argument vor, weshalb der russische Präsident Wladimir Putin seine Zusammenarbeit mit dem syrischen Regime noch einmal überdenken sollte.

Hintergrund ist ein mutmaßlicher Chemiewaffenangriff Assads: In der von Rebellen kontrollierten Stadt Chan Scheichun waren dadurch vergangene Woche mindestens 87 Menschen getötet worden, darunter zahlreiche Kinder.

Als Reaktion ließ US-Präsident Donald Trump den Stützpunkt Schairat der syrischen Luftwaffe mit Marschflugkörpern beschießen. Von der Basis aus sollen nach US-Angaben die Gasangriffe geflogen worden sein. Auf dem Stützpunkt sind auch russische Militärs stationiert.

Derzeit untersuchen die USA eine mögliche Komplizenschaft Russlands bei dem mutmaßlich von syrischen Regierungstruppen verübten Giftgasangriff. Der russische Präsident Putin hatte hingegen erklärt, der Gasangriff sei inszeniert gewesen, um Assad dafür verantwortlich zu machen.

Das wiederum wiesen hochrangige Vertreter der US-Regierung zurück: Russland habe schon in der Vergangenheit widersprüchliche Informationen verbreitet, um Verwirrung zu stiften, verlautete am Dienstag aus dem Präsidialamt in Washington. Laut US-Verteidigungsminister Jim Mattis gibt es keinen Zweifel daran, dass das syrische Regime für den Giftgasangriff verantwortlich ist.

sun/AP/AFP

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