Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Sechs-Tage-Krieg: "Es war ein aufregendes Gefühl"

Eine Zwei-Staaten-Lösung in Palästina ist erst durch den Sechs-Tage-Krieg 1967 möglich geworden, sagt Sari Nusseiba, Präsident der Ost-Jerusalemer Kuds-Universität, im Interview mit dem SPIEGEL. "Ohne den Krieg würden wir uns vielleicht immer noch nicht gegenseitig anerkennen."

DER SPIEGEL: Wie haben Sie den Krieg von 1967 erlebt?

Intellektueller Nusseiba: "Ein aufregendes Gefühl"
AP

Intellektueller Nusseiba: "Ein aufregendes Gefühl"

Nusseiba: Ich war zu der Zeit in London. Die Nachrichten vom Krieg haben wir in den Räumen der Arab Students Association verfolgt. Zwei Monate später beschloss ich, nach Jerusalem zurückzukehren. Vor dem Krieg konnten wir nur über Jordanien aus- und einreisen. Jetzt wollte ich versuchen, nach Tel Aviv zu fliegen. Tatsächlich bekam ich von der israelischen Botschaft in London ein Einreisevisum.

DER SPIEGEL: Als sie nach London gingen, waren das Westjordanland und Ostjerusalem noch unter jordanischer Kontrolle, als Sie zurückkamen, hatten die Israelis diese Gebiete besetzt. Ein deprimierendes Gefühl?

Nusseiba: Nein, es war ein aufregendes Gefühl. Natürlich hatten wir den Krieg verloren, aber dafür war unser Land jetzt nicht mehr geteilt. Als Kind erzählten mir meine Eltern von diesem Land namens Palästina. Aber ich hatte es nie gesehen. 1949 war ein Teil israelischer Staat geworden, das Westjordanland wurde von den Jordaniern besetzt, der Gaza-Streifen von den Ägyptern. 1967 kam ich zurück in ein wiedervereinigtes Land. Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich von Tel Aviv nach Jerusalem fahren.

DER SPIEGEL: Auch viele Israelis betrachteten das Westjordanland und den Gaza-Streifen als "befreite Gebiete".

Nusseiba: Es ist eine konstante Paradoxe bei den Israelis, dass sie verlieren während sie siegen. Ich glaube nicht, dass sie damals ahnten, in welches Chaos sie sich verstrickt hatten. Aber auch die Araber hatten keine Vorstellung von der Zukunft. Es passiert oft, dass Menschen Gefangene von Umständen werden, die sie glauben, selbst geschaffen zu haben.

DER SPIEGEL: Welche Fehler hat die Palästinensische Befreiungsorganisation gemacht?

Nusseiba: Die PLO hinkte der Realität lange hinterher. Vor 1967 weigerte sie sich, Israels Existenz überhaupt anzuerkennen. Die Araber dachten, Israel könne einfach von der Landkarte getilgt werden. Nach 1967 forderte die PLO die "bedingungslose" Rückgabe der im Sechs-Tage-Krieg besetzten Gebiete. Erst später erkannten unsere Politiker, dass sie mit den Israelis verhandeln müssen.

DER SPIEGEL: Unrealistische Forderungen bestehen auf palästinensischer Seite bis heute, zum Beispiel das uneingeschränkte Rückkehrrecht für alle palästinensischen Flüchtlinge.

Nusseiba: Wir müssen die Tatsache anerkennen, dass Israel die Rückkehr der Flüchtlinge niemals akzeptieren wird. Ich war der erste führende Palästinenser, der das öffentlich gesagt hat. Dafür habe ich viel Prügel einstecken müssen. Wenn wir einen palästinensischen Staat im Gaza-Streifen und dem Westjordanland gründen wollen, haben wir ein Interesse daran, dass die meisten Flüchtlinge dorthin kommen und nicht nach Israel. Wir wollen schließlich nicht zwei palästinensische Staaten gründen.

DER SPIEGEL: Selbst der gemäßigte Präsident Mahmud Abbas rückt vom Rückkehrrecht der Flüchtlinge nicht ab.

Nusseiba: Abbas weiß auch, dass Israel die Rückkehr der Flüchtlinge nicht akzeptieren wird. Aber er betrachtet die Flüchtlingsfrage als eine Karte in den Verhandlungen. Ich habe Abbas gesagt, dass diese Karte verspielt ist. Denn die Israelis wissen, dass wir die Forderung nicht ernst meinen. Unsere Führer müssen sich um die Flüchtlinge kümmern, aber sie dürfen ihnen keine falschen Versprechungen machen.

DER SPIEGEL: Wo stehen Israelis und Palästinenser 40 Jahre nach dem Sechs-Tage-Krieg?

Nusseiba: Die meisten Israelis und Palästinenser haben verstanden, dass es nur eine Zwei-Staaten-Lösung geben kann. Die Siedlungen sind aus demographischen Gründen nicht zu halten. Es sei denn, Israel will eine Ethnokratie werden und den Palästinensern das Wahlrecht verweigern. Dann aber bekommen sie nicht nur mit der internationalen Gemeinschaft ein Problem, sondern auch mit ihren eigenen Leuten. Wenn der Krieg 1967 nicht stattgefunden hätte, würden wir uns vielleicht immer noch nicht gegenseitig anerkennen.

Das Interview führte Christoph Schult

Mehr zum Thema finden Sie in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL.


Demnächst erscheint von Sari Nusseiba: "Once Upon a Country: A Palestinian Life" , 542 Seiten, Farrar Strauss & Giroux, 2007

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: