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Sechs-Tage-Krieg: "Israel handelte gegen seine eigenen Interessen"

Vor 40 Jahren triumphierte Israel im Sechs-Tage-Krieg. Zumindest zum Teil hätte der Krieg vermieden werden können, findet der israelische Historiker und Autor Tom Segev. Im Interview spricht er über vertane Chancen und warum die jungen Menschen heute nicht mehr an den Frieden glauben.

SPIEGEL ONLINE: Herr Segev, haben Historiker heute Zugang zu allen relevanten Dokumenten, die den Sechstagekrieg betreffen?

Segev: Über eine zentrale Frage wissen wir nichts: Wo damals das Nuklearprojekt stand.

SPIEGEL ONLINE: Man kann also nur spekulieren?

Segev: Die nukleare Frage war damals ein sehr wichtiges Thema. Washington glaubte den Versicherungen Israels nicht, wonach es keine Atombombe habe. Die Angst, dass die Ägypter den Atomreaktor in Dimona zerstören würden, spielte zudem in Israel eine große Rolle. Schimon Peres, der damalige stellvertretende Verteidigungsminister, schlug vor, dass Israel einen Atomversuch durchführen solle, als Abschreckung, um den Krieg zu vermeiden.

SPIEGEL ONLINE: Hätte sich der Sechstagekrieg Ihrer Meinung nach denn vermeiden lassen?

Segev: Wir sprechen von drei Kriegen, die in ein und derselben Woche stattfanden: Kriege gegen Ägypten, Syrien und Jordanien. Der Krieg mit Ägypten war unvermeidlich. Allerdings nicht aus den militärischen oder diplomatischen Gründen, die in der Regel genannt werden.

SPIEGEL ONLINE: Sondern?

Segev: Es sind vor allem psychologische Gründe, die den Krieg gegen Ägypten unvermeidbar machten. Ende Mai 1967 befand sich Israel in einer regelrechten Panikstimmung. Man war davon überzeugt, dass der Staat von der Übermacht der arabischen Armeen ausgelöscht würde. Die tief empfundene Holocaustpanik kontrastierte stark mit dem stolzen Gefühl zu Beginn der sechziger Jahre, Teil einer der dramatischsten Erfolgsstorys des 20. Jahrhunderts zu sein. Der Staat existierte seit Jahrzehnten, man hatte bereits zwei Kriege gewonnen, Berühmtheiten aus der ganzen Welt besuchten Israel.

SPIEGEL ONLINE: Die Israelis waren mit sich und der Welt zufrieden.

Segev: Sie waren optimistisch und zuversichtlich, dass es ihre Kinder besser haben würden. Doch im Jahre 1966 war es mit dieser Hochstimmung plötzlich zu Ende. Das Land schlitterte in eine tiefe, dramatische Krise, auch wirtschaftlich. Die Auswanderung war höher als die Einwanderung. Der starke Gründervater David Ben-Gurion war von einem nüchternen Politiker abgelöst worden, dem viele misstrauten. Bereits 1965 setzen zudem palästinensische Terrorakte gegen Israel ein. Fast täglich ging irgendwo im Land eine Bombe hoch, wurden Zivilisten und Soldaten getötet.

SPIEGEL ONLINE: Und dann verschob Ägypten im Mai seine Truppen in den Sinai, der eigentlich entmilitarisiert sein sollte.

Segev: Weil damals auch die Uno-Soldaten die israelisch-ägyptische Grenze verlassen hatten, fühlte sich Israel von Feinden umgeben. Es hätte starke Nerven gebraucht, in dieser Situation zu warten, zu verhandeln, um damit die Spannung zu entschärfen. Wir hatten aber weder die Nerven noch eine starke Führung - und deshalb ließ sich der Krieg nicht vermeiden.

SPIEGEL ONLINE: Und die Kriege gegen Jordanien und Syrien?

Segev: Die Regierung wollte nach dem Blitzsieg über Ägypten auch die syrischen Golanhöhen erobern - aber der einflussreiche Verteidigungsminister Mosche Dayan warnte davor. Er befürchtete vor allem, sich mit den Russen anzulegen. Die Eroberung des Golans würde eine komplizierte Operation erfordern und zudem zu nichts führen, sagte Dayan. Die Regierung schob deshalb den Entschluss über den Angriff auf Syrien auf.

SPIEGEL ONLINE: Sie ließ sich also von den Kibbuzim am Fuß der Golanhöhen, die von den Syrern unter Beschuss waren, nicht beeinflussen?

Segev:Dayan argumentierte schonungslos. Es sei seiner Meinung nach besser, zehn Kibbuzim um 15 Kilometer zu verlegen und aus der Schusslinie zu ziehen, als sich mit der Besetzung des Golan zu beschäftigen.

SPIEGEL ONLINE: Und weshalb kam es dann doch zum Angriff auf den Golan?

Segev: Am Morgen nach der Regierungssitzung gab Dayan eigenmächtig den Befehl, gegen Syrien zu marschieren. Vermutlich hatte der Geheimdienst ein Gespräch abgehört, das die Schwäche der syrischen Armee offenbarte. Die Regierung segnete den Angriff erst nachträglich ab.

SPIEGEL ONLINE: Und die dritte Front mit Jordanien?

Segev: Auch als der Krieg mit Jordanien ausbrach, gab es für Israel keine existentielle Bedrohung mehr, da wir die ägyptischen Flugzeuge bereits am Boden zerstört hatten.

SPIEGEL ONLINE: Hätte der jordanische Angriff auf Jerusalem denn ohne Antwort bleiben sollen?

Segev: Keineswegs. Aber die Antwort hätte auch anders ausfallen können: Ein Sieg über die jordanische Armee, eine Zerstörung der jordanischen Panzer, der Luftwaffe oder des königlichen Palastes in Amman. Aber weshalb die Westbank erobern? Dafür gab es keine rationalen Gründe.

SPIEGEL ONLINE: Sie werfen der damaligen Regierung also vor, kopflos gehandelt zu haben?

Segev: Die Eroberung des Westjordanlands widersprach den nationalen Interessen Israels. Das sage ich nicht nur im Rückblick, sondern aufgrund der damaligen Definition. Denn im Dezember 66 und im Januar 67 tat man in Israel etwas, das man nicht oft tut: Man dachte nach.

SPIEGEL ONLINE: Worüber?

Segev: Unter welchen Bedingungen es nötig sein könnte, das Westjordanland zu erobern. Das Problem war wegen der Infiltration von Terroristen aktuell geworden. Sechs Monate vor dem Krieg gingen hochrangige Experten der Frage nach, was sie im Fall der Fälle mit dem Westjordanland tun sollten: Annektieren? Einen palästinensischen Staat auf der Westjordanland gründen? Im Januar 1967 legten die Chefs des Mossad und des militärischen Geheimdienstes sowie Diplomaten aus dem Außenministerium der Regierung das Resultat ihrer Arbeit auf den Schreibtisch. Und da gab es nichts zu interpretieren: Es wäre nicht im Interesse Israels, das Westjordanland zu besetzen, sagten sie. Israel könnte zu Maßnahmen gegen die Palästinenser gezwungen werden, die für einen Polizeistaat charakteristisch seien, warnten sie.

SPIEGEL ONLINE: Herr Segev, Sie waren 1967 22 Jahre alt. Wie würden Sie den Unterschied zwischen Ihrer Generation und der heutigen Jugend in Israel beschreiben.

Segev: Wir sind mit dem Glauben an den Frieden aufgewachsen. Die jungen Leute glauben heute nicht mehr daran. Sie glauben höchstens noch an die Möglichkeit, den Konflikt zu managen. Und das ist natürlich viel komplizierter geworden.

SPIEGEL ONLINE: Weshalb?

Segev: Die Siedlungen spielen da eine Rolle, aber auch die Unterdrückung und der palästinensische Terror. Es ist nicht so einfach, wie sich das viele Leute vorstellen, Es reicht nicht, ein Dokument auszuarbeiten, und dann zu warten, bis sich der Frieden einstellt, so wie sich das die Leute von der Genfer Initiative vorgestellt haben.

Die Fragen stellte Pierre Heumann, Nahostkorrespondent der Schweizer "Weltwoche"

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Tom Segev: "1967. Israels zweite Geburt" , 796 Seiten, Siedler Verlag, 2007, 28 Euro

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