Flüchtlingsretter im Mittelmeer "Europa setzt uns unter Druck"

Sea-Eye rettet Flüchtlinge im Mittelmeer. Nun gerät eine ihrer Crews selbst in Gefahr - weil die internationale Leitstelle für Seenotfälle in Rom keine Hilfe schickt. Die NGO vermutet "politisches Kalkül".

Überfülltes Deck der "Seefuchs"
Erik Marquardt

Überfülltes Deck der "Seefuchs"

Ein Interview von


Der Verein aus Regensburg, Sea-Eye, rettet mit zwei selbst umgebauten Frachtern Flüchtlinge aus dem Mittelmeer. Die rund 300 Mitglieder finanzieren die Einsätze und stellen auch die beiden Crews. Der Vereinsvorsitzende Tilman Mischkowsky, ein ehemaliger Unfallchirurg, warnt vor einer Tragödie auf See.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert gerade auf der "Seefuchs"?

Mischkowsky: Von der internationalen Leitstelle für Seenotfälle in Rom (MRCC) haben wir den Auftrag erhalten, mit den Flüchtlingen an Bord selbst einen Hafen in Italien anzusteuern, Augusta auf Sizilien, das sind noch 200 Kilometer. Dafür braucht man rund 20 Stunden. Aktuell befinden sich die Menschen ungeschützt an Deck, zusammengepfercht wie die Ölsardinen, die sanitären Verhältnisse sind katastrophal. Es gibt eine Toilette, die Wasser und Nahrungsvorräte gehen gerade zu Ende.

SPIEGEL ONLINE: Ist das unter diesen Bedingungen zu schaffen?

Mischkowsky: Das Boot hat bereits Schlagseite und droht zu kentern, ein Wetterumschwung ist angekündigt. Das bedeutet eine unmittelbare Gefährdung für die Flüchtlinge, die Mannschaft und das gesamte Schiff, sagt der Kapitän, ein erfahrener Weltumsegler. Unser Schiff ist 26 Meter lang und ab einer Personenzahl von 50 Menschen ab Windstärke drei akut gefährdet. Wir benötigen dringend Unterstützung durch die Übernahme der Flüchtlinge auf ein anderes, großes Schiff. Aber, anders als bisher üblich, sagt MRCC in Rom, sie könnten nicht helfen. Wir glauben dagegen, Italien will keine weiteren Flüchtlinge mehr aufnehmen. Die Helfer sollen nun selbst so unter Druck geraten, dass sie ihre Aktionen aufgeben.

SPIEGEL ONLINE: Privaten Seenotrettern wie Ihrer Organisation wird vorgehalten, dass libysche Schlepper sie im Mittelmeer regelrecht als Taxi einplanen, um ihre Kunden sicher nach Italien zu bekommen. Sie seien also selbst Teil der Schlepperkette. Nährt die Flüchtlingsrettung das Schleppergeschäft?

Mischkowsky: Da distanzieren wir uns radikal. Wir hatten nie Kontakt mit Schlepperorganisationen und handeln ausschließlich auf Anordnung des MRCC. Wenn wir ein Boot entdecken, melden wir dies sofort nach Rom und bitten um Weisung. Üblicherweise nehmen wir Flüchtlinge auch nicht an Bord, sondern leisten nur Erste Hilfe, mit Schwimmwesten, Wasser, Sonnenschutz, bis ein größeres Schiff sie übernehmen kann, wozu es nach internationalem Seerecht verpflichtet ist. Ausnahmen von diesem Prinzip sind entweder schwere Verletzungen oder Erkrankungen, die wir in unserem kleinen Lazarett versorgen können, oder, wie jetzt geschehen, wenn unmittelbare Gefahr droht. Das Boot der Flüchtlinge sank. Ob die Schlepper mit uns rechnen, uns irgendwie einplanen, kann ich nicht beurteilen.

SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich von Europa im Stich gelassen?

Matthias Petry

Mischkowsky: Der Plan der Europäischen Union ist, den Flüchtlingsstrom durch die libysche Küstenwache abfangen zu lassen und alle Flüchtlinge nach Libyen zurückzubringen. Die Europäische Union unterstützt die libysche Küstenwache mit Millionen Euro, um das dreckige Geschäft der Flüchtlingsrückführung in die Konzentrationslager nicht selber besorgen zu müssen. Das ist übrigens nicht mein Ausdruck, sondern der des deutschen Außenministeriums.

SPIEGEL ONLINE: Wären die Libyer überhaupt in der Lage, alle Flüchtlinge zu retten?

Mischkowsky: Zusammen mit anderen Flüchtlingsorganisationen haben wir in den vergangenen Wochen weit über 400 Menschen aus dem Wasser gezogen, die sonst ertrunken wären. Libyen kann das gleiche nicht leisten, logistisch nicht, nautisch nicht und auch personell. Auf vielen Küstenwachen-Schiffen befindet sich nicht einmal jemand, der ausreichend Englisch spricht. Erst, wenn die Libyer in der Lage sind, alle Menschen in Sicherheit zu bringen, sind wir überflüssig.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie sich abschrecken lassen?

Mischkowsky: Wir sehen in Europa einen klaren politischen Richtungswechsel. Man will unsere Arbeit unmöglich machen. Wir fahren auch wieder hinaus, notfalls, um einen einzigen Menschen vor dem Ertrinken zu retten.



© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.