Selbstmordanschlag in Algerien: Experten machen al-Qaida verantwortlich

Seit Monaten überrollt eine Welle von Terroranschlägen Algerien - doch das Selbstmordattentat vor einer Polizeischule war besonders verheerend. Mindestens 43 Menschen starben, 38 wurden verletzt. Experten vermuten einen Anschlag des algerischen Arms von al-Qaida.

Algier - Es war ein Anschlag, wie es ihn in Algerien lange nicht gegeben hatte: Ein Attentäter sprengte Augenzeugen zufolge vor einer Polizeischule sich und mindestens 43 Menschen in den Tod. Vor dem Eingang hatten Bewerber für eine Polizeiausbildung auf Einlass gewartet. 38 weitere seien bei der Explosion im ostalgerischen Issers verletzt worden, teilte das Innenministerium am Dienstag mit. Zu der Tat bekannte sich bislang niemand.

Am Explosionsort klaffte Augenzeugen zufolge ein mehrere Meter breiter Krater. Auch die eingestürzte Fassade der Polizeischule, mehrere eingestürzte Häuser, zerstörte Schaufenster benachbarter Geschäfte und umgestürzte Bäume zeugten von der großen Wucht der Explosion. Zerfetzte Leichen lagen auf dem Boden. "Das ist ein richtiges Blutbad", sagte der Vater eines der Polizeianwärter, dessen Sohn bei dem Anschlag ums Leben kam. "Gott möge diejenigen bestrafen, die dieses Verbrechen begangen haben gegen junge Menschen und ihr Land."

Ein Fahrgast eines Busses, der zum Zeitpunkt der Explosion an der Polizeischule vorbeifuhr, sagte, er habe zuerst an einen Unfall geglaubt. "Ich bin dann aus dem Fenster gesprungen und landete auf den herumliegenden Leichen", sagte der 24-jährige Nassim. Inzwischen hat der algerische Innenminister Yazid Zerhouni den Anschlagsort besucht. Er sprach vor Journalisten von einer "Tat gegen die Algerier". Die Angaben von 43 Toten und 38 Verletzten sei nur eine vorläufige Bilanz.

Vor dem Anschlag in Issers hatten drei algerische Zeitungen übereinstimmend berichtet, dass am Montag bei einem Angriff mutmaßlicher Islamisten im Osten des Landes elf Sicherheitskräfte und ein Zivilist getötet worden seien. Zudem seien rund ein Dutzend Sicherheitskräfte verletzt worden, als ihr Konvoi in der Bergregion Skikda in einen Hinterhalt geriet. Nach der Zündung einer Bombe brachen Kämpfe aus, bei denen den Berichten zufolge auch vier Angreifer starben.

Schon in den vergangenen Monaten gab es in der Region vermehrt Attentate, darunter auch drei Selbstmordanschläge, bei denen zusammen sieben Menschen getötet und 57 weitere verletzt worden waren. Die Terrororganisation al-Qaida im islamischen Maghreb (AQIM) hatte sich zu zwei der Selbstmordanschläge bekannt.

Auch wenn sich zum Selbstmordanschlag in Issers bislang niemand bekannt hat, bei dem Anschlag besteht unter Experten und Analysten praktisch kein Zweifel, dass die Nordafrika-Filiale von Osama Bin Ladens Terrornetzwerk dahintersteckt. In al-Qaida nahestehenden Internet-Diskussionsforen wird der Anschlag bereits gefeiert.

Qaida-Arm wütet in Algerien

Der Anschlag vor der Polizeiwache wäre demnach nur einer von Dutzenden, die AQIM seit dem Qaida-Anschluss durchgeführt hat. "Er ist Teil einer laufenden Terrorkampagne", sagte der Berliner Terrorexperte Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik SPIEGEL ONLINE. Mindestens 200 Menschen fielen in den vergangenen 18 Monaten AQIM-Anschlägen zum Opfer.

"Das muss uns Sorge bereiten", warnt Steinberg. Denn die Zahlen sprächen dafür, dass AQIM mittlerweile eine "gefestigte Organisation" sei: "Mutmaßungen, die Gruppe sei geschwächt, haben sich als falsch erwiesen." Sie sei vielmehr in der Lage, regelmäßig und häufig zuzuschlagen, "auch gegen harte und gut bewachte Ziele".

Internationale Geheimdienstanalysten schätzen, dass die AQIM über Kämpfer im niedrigen vierstelligen Bereich verfügen kann, verteilt über praktisch alle nordafrikanischen Staaten. AQIM unterhält in unzugänglichen und schwer kontrollierbaren Gegenden auch Ausbildungscamps und veröffentlicht regelmäßig Fotos und Videos, die Rekruten beim Training zeigen.

Seit dem Anschluss an al-Qaida verfolgt AQIM eine zunehmend internationalistische Agenda, was sich daran nachweisen lässt, dass sie verstärkt Anschläge auf westliche und touristische Ziele durchführt. Im Februar 2008 entführte die Terrorgruppe zwei österreichische Touristen, die sie nach wie vor in ihrer Gewalt hat. Aber parallel führt AQIM oft Anschläge auf möglichst symbolträchtige staatliche Einrichtungen durch. In diese Kategorie fällt das Ziel, das am Mittwoch angegriffen wurde.

Doch bislang gab es noch kein entsprechendes Bekennerschreiben - auch wenn in vielen Fällen die AQIM-Medienabteilung nach erfolgten Anschlägen die Verantwortung übernommen und die Attentäter posthum präsentiert hat.

AQIM hat sich Anfang 2007 offiziell al-Qaida angeschlossen. Der Dachverband ist im Kern ein Zusammenschluss nordafrikanischer Dschihadisten unter Führung des Personals der algerischen "Gruppe für Mission und Kampf". Ihr Anführer nennt sich Abu Musab Abd al-Wudud. Die Gruppe ist der erste islamistische Zusammenschluss, der in Algerien Selbstmordattentate verübte.

fat/yas/AFP/dpa/Reuters

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