Selbstmordanschlag: Stockholm entgeht knapp der Terrorkatastrophe

Rohrbomben, ein Rucksack voller Nägel und Gasflaschen in einem Auto: Ein Selbstmordattentäter hat die schwedische Hauptstadt Stockholm in Angst und Schrecken versetzt. Der Außenminister spricht von einer Terrorattacke.

Stockholm: Selbstmordanschlag in der Innenstadt Fotos
AFP

Stockholm - Es hätte nicht viel gefehlt zur Terrorkatastrophe in der Stockholmer Vorweihnachtsidylle: Bei der Explosion eines Sprengsatzes am Samstagnachmittag mitten in der Fußgängerzone starb der Selbstmordattentäter. Kurz zuvor explodierte 200 Meter entfernt in der belebten Einkaufsstraße ein Auto. Zwei Passanten wurden leicht verletzt.

Die Explosionen versetzten die Weihnachtseinkäufer zeitweise in Angst und Panik. Passanten flüchteten durch Rauch und Qualm. "Zuerst hörte ich eine gewaltige Explosion, der mehrere kleinere Erschütterungen folgten", sagte ein Augenzeuge der Zeitung "Dagens Nyheter". "Dann sah ich das in Flammen stehende Auto." Ein anderer Augenzeuge berichtete von panisch fliehenden Menschen. "Es gab viel Rauch und roch nach Schießpulver."

"Es sah so aus, als ob der Mann etwas getragen hätte, das in seinem Bauch explodiert ist", sagte ein Rettungssanitäter der Internetseite DN.se. "Ich habe ein Palästinenser-Tuch von seinem Gesicht entfernt, um seine Atemwege zu frei zu machen. Aber es war zu spät." In dem Auto waren nach Angaben einer Polizeisprecherin mit Gas gefüllte Zylinder.

Junger Iraker

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE handelt es sich bei dem Selbstmordattentäter um einen jungen Iraker, der sehr aktiv in verschiedenen sozialen Netzwerken im Internet gewesen war, und sich dort gegen die Kriege im Irak und in Afghanistan positioniert hatte. Schwedische Behörden gehen davon aus, dass der Mann auch Absender der Warnung war, die zehn Minuten vor den Explosionen an die schwedische Nachrichtenagentur TT und die Sicherheitspolizei gegangen war.

TT erhielt eigenen Angaben zufolge eine E-Mail, in der das Land wegen seiner Unterstützung des Nato-Einsatzes in Afghanistan bedroht wurde. In der mit der Mail verschickten Ton-Aufnahme wird der Regierung ein Krieg gegen den Islam vorgeworfen, zudem wird Schweden für Mohammed-Karikaturen des einheimischen Zeichners Lars Vilks kritisiert.

In der Ton-Aufnahme sagt ein Mann laut TT: "Unsere Taten werden für sich sprechen, so lange Ihr Euren Krieg gegen den Islam sowie die Demütigung des Propheten nicht beendet und Eure dumme Unterstützung für das Schwein Vilks." Und weiter: "Jetzt werden eure Kinder, Töchter und Schwestern genauso sterben wie unsere Brüder, Schwestern und Kinder." Die Aufnahme war den Angaben zufolge in Schwedisch und Arabisch.

Wie der dänische Karikaturist Kurt Westergaard ist auch Vilks wiederholt wegen seiner Zeichnungen bedroht wurden. Im Mai wurde ein Brandanschlag auf sein Haus verübt, im März ein Amerikaner wegen der Planung eines Attentats auf ihn angeklagt.

Vilks hat den Propheten im Jahr 2007 mit dem Körper eines Hundes dargestellt. Der Islam lehnt Bilder seines Religionsstifters ab. Schweden hat etwa 500 Soldaten in Afghanistan im Einsatz, vor allem in dem großenteils von der Bundeswehr kontrollierten Norden des Landes.

"Versuch eines Terroranschlags"

Schwedens Außenminister stufte die beiden Explosionen als "Versuch eines Terroranschlags" ein. In einer Mitteilung im Kurzmitteilungsdienst Twitter schrieb Bildt in der Nacht zum Sonntag: "Das war ein höchst beunruhigender Versuch eines Terroranschlags in einem belebten Teil Stockholms. Missglückt - aber es hätte wirklich katastrophal ausgehen können."

Schwedens führender Terrorexperte Magnus Ranstorp, Forschungsdirektor des Swedish Defense College, sagte SPIEGEL ONLINE, dass der Mann nach bisherigen Informationen weitere Sprengsätze und einen große Menge Nägel in seinem Rucksack bei sich trug. "Es hätte ein Massaker sein können", so Ranstorp.

Sprecher der Polizei und des Sicherheitsdienstes Säpo wollten sich dennoch Sonntagnacht nicht auf einen Terroranschlag festlegen. "Wir wissen noch nichts über die Identität des toten Mannes oder Hintergründe", sagte der zuständige Säpo-Sprecher Michael Gunnarsson. Man habe auch die Terrorbereitschaft für Schweden nicht angehoben. Am Vormittag wollten sich die Ermittler in Stockholm äußern.

Nach Medienangaben trug der Mann sechs miteinander verbundene Rohrbomben, von denen nur eine explodierte. Techniker untersuchten demnach die Taschen des Toten mit Hilfe von Robotern. Auf den Röntgenbildern war neben dem Sprengstoff eine große Menge Nägel zu sehen. "Aus irgendeinem Grund wurden die Kabel zwischen den Ladungen zerrissen, so dass nur eine der Rohrbomben explodierte", hieß es. Nach Zeugenaussagen soll der Mann "etwas auf Arabisch gerufen" haben, ehe die Bombe detonierte.

jdl/dpa/Reuters

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insgesamt 135 Beiträge
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1. War ja nur eine Frage der Zeit nach London, Glasgow und Madrid
Rodri 12.12.2010
Jetzt sind es die Mohamed-Karikaturen, demnächst ist es der Verkauf von Alkohol und westliche Musik. So etwas ist nur Vorwand von Muslimen um andere Kulturen zu unterwerfen - die Muslime in Europa sollten endlich mal Farbe bekennen, ob sie ernsthaft gegen Terror sind oder ob sie solche Anschläge befürworten - Letztere sollte man für immer abschieben.
2. Und das ausgerechnet Schweden!
atherom 12.12.2010
Zitat von sysopRohrbomben, ein Rucksack voller Nägel und Gasflaschen in einem Auto: Ein Selbstmordattentäter hat die schwedische Hauptstadt Stockholm in Angst und Schrecken versetzt. Der Außenminister spricht von einer Terrorattacke. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,734168,00.html
Schweden beteiligt sich an keinem Krieg "gegen den Islam", Schweden lässt keine Gelegenheit Israel zu kritisieren, schwedische Organisationen, Arbeiterverbände, Universitäten usw. versuchen sich jedem, auch so unsinnigem Boykott gegen Israel, anzuschließen. In Schweden "gewährt" man den Minderheiten mit "Migrationshintergrund" nahezu jede Freiheit und nimmt z.B. in Kauf, dass als Folge dessen die schwedische jüdische Minderheit scharenweise das Land verlässt. Und jetzt dieser Anschlag? Da kann zurecht jeder Schwede zurecht fragen: haben wir uns nicht genug angebiedert, was sollen wir noch machen?
3. ?????????
arinari 12.12.2010
Zitat von sysopRohrbomben, ein Rucksack voller Nägel und Gasflaschen in einem Auto: Ein Selbstmordattentäter hat die schwedische Hauptstadt Stockholm in Angst und Schrecken versetzt. Der Außenminister spricht von einer Terrorattacke. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,734168,00.html
"...solange ihr euren Krieg gegen den Islam..." Wieder ein Hinweis auf den Islam. Aber immer wieder wird geleugnet, dass die Terrorakte mit dem Islam etwas zu tun haben. Womit dann? Wer sich auf diese Religion beruft, um zu morden, der müßte von den anderen islam. Religionsanhängern geächtet werden. Hören wir etwas? sehen wir etwas?
4. Neutralität hilft wohl auch nicht
felixcm 12.12.2010
Vor ein paar Jahren sagte Bin Laden noch in einer Videobotschaft "Ihr solltet euch fragen, warum wir Schweden nicht angreifen" (mit Blick auf dessen Neutralität). Nun gut, das gilt dann wohl auch nicht mehr. Aber wenn ohnehin jederzeit an jedem Ort irgendwas passieren kann, sollte man sich auch nicht mehr daran orientieren, was irgendwelche Terroristen drohen. Vielleicht geht das Ding sogar nach hinten los und Schweden bindet sich stärker an die NATO.
5. So wird es kommen...
FFMer 12.12.2010
Für mich ist der tunnelblickartige Fokus der Antiterrormaßnahmen auf den Lufftverkehr schon immer ein Aktionismus, der denkfaule Wähler in falscher Sicherheit wiegen soll. Es gab längst schwere Anschläge auf Busse (England) und Bahnen (Spanien). Was ist die Konsequenz? Noch mehr Kontrollen für Flugreisende. Kein Gepäck, kein Reisender wird kontrolliert, wenn er in einen Bus oder eine Bahn einsteigt. Ist halt kaum leistbar? Ja, stimmt und deswegen wird der nächste erfolgreiche Anschlag wo anders stattfinden, als in einem Flugzeug. Und was wird dann die Konsequenz sein? Noch mehr Kontrollwahnsinn beim Flugverkehr...
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Stockholms Einkaufsstraße Drottninggatan

Fläche: 450.295 km²

Bevölkerung: 9,483 Mio.

Hauptstadt: Stockholm

Staatsoberhaupt: König Carl XVI. Gustaf

Regierungschef: Fredrik Reinfeldt

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