Selbstmordbomber: Fahnder suchen Mitverschwörer des Stockholm-Attentäters

Von Yassin Musharbash

Wer sind die Hintermänner von Taimour Abdulwahab? Der Selbstmordattentäter von Stockholm handelte vermutlich nicht allein. Seine Spuren führen nach Großbritannien - womöglich aber auch bis in den Irak oder den Jemen.

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Für Cyber-Dschihadisten ist er bereits ein Held: Der Attentäter von Stockholm

Berlin - Vier Jahre: So lange dauerte das geheime Doppelleben von Taimour Abdulwahab. In der englischen Version seiner Abschiedsbotschaft sagte der Selbstmordattentäter von Stockholm laut "New York Times" wörtlich: "Es war nicht sehr einfach, die vergangenen vier Jahre mit dem Geheimnis zu leben, ein Mudschahid zu sein, oder, wie ihr es nennt, ein Terrorist."

Am vergangenen Samstag beendete er seine Existenz als Undercover-Dschihadist.

Vermutlich hatte er vorgehabt, sich in einem Bahnhof oder Kaufhaus der schwedischen Hauptstadt in die Luft zu sprengen; tatsächlich explodierte einer seiner Sprengsätze wohl zu früh und tötete den 28-jährigen gebürtigen Iraker. Die schwedische Hauptstadt entging knapp einer Katastrophe.

Was aber tat der studierte Physiotherapeut in diesen vier Jahren? Wen traf er in dieser Zeit? Wurde er in Terrortechniken geschult? Wie kam er zu dem Entschluss, das erste Selbstmordattentat auf skandinavischem Boden auszuführen? Und wer half ihm dabei, seine Bomben zu basteln?

Zu komplex für einen reinen Einzeltäter

Die Ermittler in Schweden, aber auch in Großbritannien, wo Abdulwahab zuletzt gelebt hatte, versuchen fieberhaft, diese Fragen zu klären - sie sind entscheidend. Denn je mehr sie über die Entstehungsgeschichte der Tat und über die Mitverschwörer in Erfahrung bringen, desto genauer lässt sich abschätzen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit weiterer Anschläge ist.

Bisher haben die Untersuchungen - jedenfalls so weit öffentlich bekannt - nur wenig ergeben. Die schwedischen Ermittler gaben am Montag bekannt, dass sie überzeugt sind, Taimour Abdulwahab habe Mittäter gehabt. Auch Terrorexperten, etwa Magnus Ranstorp vom Swedish Defense College, teilen diese Ansicht: Die Operation sei zu komplex für nur eine Person. Noch gibt es aber keine Verdächtigen - was bedeutet, dass im schlimmsten Fall weitere zu Attentaten bereite Unbekannte auf freiem Fuß sind.

Aber schon bei der Frage, wo dieses mutmaßliche Verschwörernetzwerk sich aufhalten könnte, beginnen die Spekulationen. Noch vor zweieinhalb Wochen wurde er der britischen Presse zufolge in Luton gesehen, einer Stadt nahe London. Hier lebte er mit seiner aus Rumänien stammenden Frau, den zwei Mädchen und seinem sechs Monate alten Sohn. Die Familie befindet sich mittlerweile offenbar in Obhut der britischen Behörden. Ob sie Erkenntnisse haben und diese teilen, ist nicht bekannt.

Der Umstand, dass Abdulwahab so kurz vor seinem Anschlag noch in England war, könnte bedeuten, dass seine Mitverschwörer möglicherweise nicht nur in Schweden, sondern auch in Luton und Umgebung zu suchen sind. Mehrere Hausdurchsuchungen in beiden Ländern haben aber bisher anscheinend keine Hinweise erbracht.

Hinweise aus der Abschiedsbotschaft

Aus der Abschiedsbotschaft des Bombers ergeben sich noch weitere Möglichkeiten. So deutet er an, dass er sich zwischenzeitlich im Nahen Osten aufhielt. Ein Land nennt er zwar nicht, aber in der britischen "Daily Mail" heißt es, Bekannte erinnerten sich daran, dass er in den Jemen gereist sei - und möglicherweise in weitere Länder der Region. Im Jemen könnte jemand, der einen entsprechenden Kontakt sucht und Arabisch spricht, ohne allzu große Schwierigkeiten Beziehungen zur dortigen Qaida-Filiale aufnehmen. Die Bin-Laden-Anhänger auf der Arabischen Halbinsel haben schon in der Vergangenheit sowohl Ausländer ausgebildet als auch selbst Ziele im Westen angegriffen - etwa einen US-Jet an Weihnachten 2009.

Aus Stockholmer Sicherheitskreisen heißt es indes, dass man eine Verbindung zu irakischen Terroristen derzeit noch für wahrscheinlicher hält. Abdulwahab ist in Bagdad geboren, er kam 1992 nach Schweden. Zudem macht er in seiner Abschiedsbotschaft eine Anspielung: Der "Islamische Staat", erklärt er, habe sein Versprechen gehalten. Und dann: "Wir sind keine Einbildung, wir sind real, und wir leben unter euch, Europäer". Al-Qaidas Filiale im Irak tritt unter dem Namen "Islamischer Staat Irak" auf. Auch zu ihrer Strategie zählen Anschläge auf Ziele im Westen; den schwedischen Karikaturisten Lars Vilks, dessen Mohammed-Zeichnung auch Abdulwahab als Motiv benennt, haben die Qaida-Terroristen im Irak schon 2007 ins Visier genommen.

Andererseits aber hat al-Qaida im Irak sich bisher nicht zu dem Anschlag von Stockholm bekannt; zudem handelt es sich um eine Gruppe, die großen Wert auf Einheitlichkeit in ihrer Propaganda legt. Noch nie aber hat einer ihrer Selbstmordattentäter eine Abschiedsbotschaft vor einem Anschlag abgeschickt. Schließlich: Wieso nur solch eine vage Anspielung, wenn Abdulwahab im Auftrag von al-Qaida im Irak agierte?

Neue Anschlagsdrohungen

Analysten halten es daher für vorstellbar, dass der Bomber vielleicht nur eine lose Beziehung zu dem Terrornetzwerk geknüpft hat, eventuell während eines kurzen Aufenthaltes im Irak - stark genug, um den Anschlag al-Qaida im Irak zu "widmen"; zu schwach, um offiziell als "ihr" Attentäter in Erscheinung zu treten. Wie der Terrorforscher Bryan Fishman am Montag nachzeichnete, wäre er nicht der erste Extremist mit schwedischem Hintergrund, der mit al-Qaida im Irak in Kontakt kam.

Eine weitere mögliche, aber sehr vage Spur findet sich im Internet. In einem dschihadistischen Internetforum, das auch al-Qaida nutzt, hat ein User, der sich "Abu Sulaiman Nasir" nennt, am Sonntagnachmittag ein Foto des Attentäters veröffentlicht und seinen Namen genannt. Zwar kursierte der Name zu diesem Zeitpunkt bereits seit 20 Stunden auf schwedischen Websites, wie der Terrorexperte Thomas Hegghammer nachwies.

Aber "Abu Sulaiman Nasir" ist noch aus einem anderen Grund interessant: Bereits Ende November veröffentlichte er eine an die Nato und ihre Partner (wie zum Beispiel Schweden) gerichtete Drohbotschaft. Sie liegt SPIEGEL ONLINE vor. Darin heißt es unter anderem, es werde Anschläge "im Herzen Europas" geben. Und weiter: "Wir untersuchen, studieren und planen Attacken in euren Ländern." Als Signatur wählte er die Selbstbeschreibung "Einer der Unterstützer des globalen Dschihad".

Wer ist "Abu Sulaiman Nasir"?

Nach dem Anschlag veröffentlichte derselbe User erneut eine Drohung - diesmal in Form einer Tonaufnahme und unter Erwähnung der Stockholmer Bomben. Die Tat Abdulwahabs sei die Folge der Missachtung seiner ersten Warnung. Nun habe eine neue Ära des Dschihad begonnen. Länder, die nicht aus Afghanistan abziehen und den "Krieg gegen den Islam" nicht beenden, würden angegriffen werden.

Es ist gut möglich, dass "Abu Sulaiman Nasir" nur ein Wichtigtuer ist. Er ordnet sich selbst auch keiner Gruppe zu, was eher merkwürdig ist. Aber Terroranalysten wollen zu diesem Zeitpunkt - auch aus Mangel an anderen zwingenden Hinweisen - noch nicht ausschließen, dass der mysteriöse Internet-Poster tatsächlich in einer irgendwie gearteten Beziehung zu Taimour Abdulwahab stand.

Aufschluss könnte die - vom Unternehmen mittlerweile gelöschte - Facebook-Seite des Selbstmordattentäters geben. Finden sich hier Spuren zu Mitwissern seiner Tat? Der Internetaktivist Aaron Weisburd kommt nach einer ersten eigenen Auswertung zu der Erkenntnis, dass Abdulwahab in Kontakt mit Personen stand, die wiederum mit US-amerikanischen Dschihadisten Samir Khan bekannt sind - und der sich vor einigen Monaten seinen eigenen Angaben zufolge al-Qaida im Jemen angeschlossen hat. Sicher ist, das offenbart schon ein flüchtiger Blick auf die eingestellten Videos, dass Abdulwahab ein eifriger Konsument dschihadistischer Propagandavideos war.

Es wird noch dauern, bis Klarheit darüber herrscht, wie vernetzt Taimour Abdulwahab war - und was daraus für Schlüsse gezogen werden müssen. Den derzeitigen Stand resümiert der norwegische Terrorexperte Thomas Hegghammer in seinem Fachblog folgendermaßen: "Ich glaube nicht, dass er von einer großen, etablierten Organisation instrumentalisiert wurde. Es könnte sein, dass ein paar Menschen in Schweden und Luton direkt involviert waren, aber ich wäre sehr überrascht, wenn Taimour direkte Befehle von al-Qaida in Pakistan oder dem "Islamischen Staat Irak" ausgeführt hätte."

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