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Sellafield: "Schwerster Atomunfall seit 13 Jahren"

Sellafield ist seit Jahrzehnten ein Zankapfel zwischen Briten und Iren. Immer wieder entließ die Wiederaufbereitungsanlage strahlendes Material in die irische See. Zuletzt kamen der Anlage über neun Monate 83.000 Liter verseuchtes Abwasser abhanden. Bemerkt hatte das in Sellafield niemand.

Sellafield: Eine der ältesten Nuklearanlagen der Welt
DPA

Sellafield: Eine der ältesten Nuklearanlagen der Welt

London/Dublin - Sellafield, versichern Betreiber British Nuclear Group (BNG) und die britische Regierung immer wieder, sei sicher. Sicher ist auch, dass die atomare Wiederaufbereitungsanlage immer wieder in den Schlagzeilen landet: Sei es, wegen angeblicher Leukämie-Cluster im Umland, strahlenden Fischen aus der irischen See oder - wie Mitte Februar bekannt wurde - weil ihr im letzten Jahr scheinbar 29,6 Kilogramm Plutonium abhanden gekommen waren.

Das wäre zwar genug Material für den Bau von rund sieben Atombomben, sei aber letztlich nicht der Aufregung wert, versichert BNG: Natürlich gehe der Plutonium-Schwund auf ein "Buchhaltungsproblem" zurück, sei also rein virtuell, ein reiner Rechenfehler. Der bewege sich im Bereich von deutlich unter einem Prozent, wenn man ihn gegen die bewegte Gesamtmenge aufrechne, und liege darum innerhalb der Toleranzen.

Viel Toleranz für Sellafield haben die Nachbarn der Briten auf der anderen Seite der irischen See nicht. Seit die Anlage unter dem Namen Windscale ab 1951 aufgebaut wurde, gab es Streit um die Risiken. Als 1957 einer der Atomreaktoren der Anlage Feuer fing, blies der so viel kontaminiertes Material in die Umwelt, dass das ausreichte, das "Windscale-Fire" als schlimmsten Atomunfall aller Zeiten in den Geschichtsbüchern landen zu lassen - bis es dort 1986 durch Tschernobyl abgelöst wurde.

Jetzt hat es Sellafield einmal mehr in die Schlagzeilen geschafft: Eine Untersuchung des im letzten Monat bekannt gewordenen Unfalls mit 83.000 Litern "verlorener", mit Plutonium, Uran und Spaltprodukten kontaminierter Flüssigkeit, die unbemerkt in einen Tank flossen, brachte für Betreiber BNG hoch peinliche Details zu Tage. Dazu gehört nicht nur die schiere, schwer nicht zu bemerkende Menge, die abfließen konnte, ohne dass das jemand bemerkte. Dazu gehört auch, dass die Verrohrung der Anlage anscheinend gut neun Monate lang unbemerkt vor sich hin triefte.

Dass aber "die Hälfte des Inhalts eines Olympia-Schwimmbeckens" an hochtoxischem, strahlendem Material von einem kaputten Rohr in einen so per Unfall zweckentfremdeten Tank tropfen konnte, sei "der schlimmste britische Atomunfall seit 13 Jahren", kommentierte der "Independent". Auch die International Atomic Energy Authority klassifizierte den Unfall als "ernst" und verortete ihn auf Rang Drei ihrer siebenstelligen Skala für Nuklearunfälle. Die britische Nuclear Decommissioning Agency schloss das Werk vorerst. Ab Montag soll nun versucht werden, die Plutonium-Plörre wieder dahin zurück zu pumpen, wo sie hin gehört.

Betreiber BNG versicherte der Öffentlichkeit derweil, dass zu keinem Zeitpunkt Gefahr für Umwelt oder Angestellte bestanden hätte: Der Tank, in dem die Abwässer gelandet seien, sei aus absolut rostfreiem Stahl und dafür gebaut, auch solchen Belastungen widerstehen zu können. Auch die Atemluft im und um das Werk hätte keine Verschmutzungen aufgewiesen.

Der Druck auf Downing Street wächst

Sehr beruhigend, doch diesmal könnte die peinliche Panne die Regierung dazu zwingen, "die umstrittene Anlage endgültig zu schließen", spekuliert der "Independent". Das aber würde den britischen Steuerzahler mehrere Milliarden Pfund kosten. Mehr noch: Der Vorfall könnte Pläne der Regierung und der Energiebranche zum Bau neuer Atomkraftwerke in Großbritannien behindern.

Umweltminister Dick Roche: Protestierte im Namen der irischen Regierung
AP

Umweltminister Dick Roche: Protestierte im Namen der irischen Regierung

Denn tatsächlich wirft er schwerwiegende Fragen auf. Sellafield/Windscale war durchaus nicht als nukleare Recyclinganlage aufgebaut worden, sondern ursprünglich zur Produktion von waffenfähigem Plutonium. Die Sicherheitsvorschriften von Sellafield seien bis heute wasserdicht, versichert der Betreiber BNG.

Das aber gilt anscheinend nicht für die Rohre dort: Der Unfall sei auf eine "Verkettung technischen und menschlichen Versagens" zurückzuführen. BNG musste widerwillig eingestehen, dass Angestellte möglicherweise schon seit August vergangenen Jahres Anzeichen für das Leck übersehen hätten. Wirklich bemerkt wurde der Flüssigkeitsverlust dann erst Mitte April. Umgehend habe die Firma daraufhin mit einer Untersuchung des gesamten Leitungssystems begonnen. Jenseits der irischen See sorgten die Nachrichten für blanke Empörung. Der irische Umweltminister Dick Roche sprach von einem "weiteren vernichtenden Urteil" über die mangelhaften Sicherheitsvorkehrungen in Sellafield. Seine Regierung werde auf eine "sichere und ordentliche Schließung" des Werks drängen.

Das tut sie schon seit Jahren, unterstützt von zahlreichen Bürgerbewegungen und Umweltorganisationen in England, Irland und Norwegen. Kontaminierungen aus Sellafield ließen sich wiederholt in der Luft, im Wasser der irischen sowie der Nordsee nachweisen. Im vergangenen September kündigte die EU-Kommission eine Klage gegen Großbritannien wegen Kontrollmängeln in der Atomanlage an. Sie warf dem Sellafield-Betreiber vor, europäische Sicherheitsbestimmungen zu missachten.

Dabei geht es um ein Abkühlbecken, in dem nach Auskunft von Umweltschützern radioaktives Material lagert. Laut britischen Medienberichten könnte bei ungünstiger Witterung radioaktives Wasser in die Umwelt gelangen. Brüssel fordert bereits seit Monaten uneingeschränkten Zugang für Sicherheitsinspektionen zu der Anlage und eine genaue Erfassung der gefährlichen Stoffe.

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