Aus Washington berichtet Veit Medick
Verlieren ist schlimm. Aber wenn man nach der Entscheidung die Details auswertet, wirkt meist alles noch viel schlimmer. Entsprechend entsetzt reagieren viele Republikaner auf die Analysen der Präsidentschaftswahlen. Frauen haben der Partei den Rücken gekehrt. Junge Wähler haben sich abgewendet. Besonders schlecht sieht es bei den Latinos aus. Nur 27 Prozent der Einwanderer entschieden sich für Mitt Romney. Ein verheerender Wert.
"Wir haben da versagt", meint Ex-Gouverneur Mike Huckabee unverblümt.
Den meisten in der Partei ist klar: Es muss etwas geschehen, wenn die Republikaner in dieser wichtigen und stetig wachsenden Wählergruppe nicht auf Dauer den Anschluss verlieren wollen. Endlich mal eine einheitliche Haltung zur Reform des Einwanderungsrechts. Ein neues Gesicht. Ein neuer Ton. Es gäbe da unterschiedliche Ansätze. "Wenn wir bei den Hispanics nicht besser werden, werden wir raus sein aus dem Weißen Haus. Und zwar für immer", fasst die republikanische Strategin Ana Navarro die Lage drastisch zusammen.
Vor allem auf einen richten sich in der Partei jetzt die Blicke: Marco Rubio. Floridas aufstrebender Senator ist, wenn man so will, aus der Wahlnacht als einziger Sieger bei den Republikanern hervorgegangen.
Dem 41 Jahre alten Sohn kubanischer Einwanderer dürfte mehr noch als bisher in den kommenden Jahren eine Schlüsselrolle zukommen: Er soll die Konservativen mit den Einwanderern versöhnen und der Partei so mittelfristig wieder eine Machtperspektive sichern. Womöglich sogar, indem er 2016 selbst als Präsidentschaftskandidat antritt. Presidente Rubio, davon träumen inzwischen nicht wenige bei den Konservativen.
Plädoyer für mehr Engagement
Rubio, so eloquent wie ehrgeizig, scheint sich in dieser besonderen Rolle zu gefallen. "Konservative Werte müssten eigentlich besonders attraktiv bei Minderheiten und Einwanderern sein", schrieb er kurz nach dem Wahlergebnis auf seiner Facebook-Seite: "Und Republikaner müssen härter als jemals zuvor daran arbeiten, diesen Gruppierungen unsere Überzeugungen zu vermitteln." Die Sätze wurden weithin als Bewerbungsschreiben wahrgenommen, den neuen Kurs der Republikaner maßgeblich mitzugestalten.
Dabei braucht er eigentlich gar kein Bewerbungsschreiben mehr. Schon seit längerem versuchen sie bei den Republikanern, Rubio in den Vordergrund zu schieben. In den großen Talkshows ist er ein regelmäßiger Gast. Auf Romneys Krönungsmesse in Tampa, Florida, durfte er im August unmittelbar vor dem Kandidaten sprechen, zur besten Sendezeit vor nationalem Publikum. Die Kritiken seiner Rede fielen euphorisch aus.
Rubio, so viel ist klar, wird künftig noch häufiger zu sehen und zu hören sein. Er ist jung, selbst Latino und hat den Ruf, prinzipienfest zu sein - viele seiner Parteifreunde halten das für eine ziemlich perfekte Kombination, um die Partei wieder an die Einwanderer heranzuführen. Dass er aus Miami kommt, dürfte auch nicht schaden. Die Stadt liegt in Florida, und diesen Staat müssen Republikaner erfahrungsgemäß gewinnen, wenn sie eine Chance aufs Weiße Haus haben wollen. Und dann ist da noch seine Lebensgeschichte: einfaches Elternhaus, Uni-Abschluss, Anwalt, Hochzeit mit einer Cheerleaderin der Miami Dolphins, vierfacher Vater, Senator. Ein amerikanischer Traum.
In Einwanderungsfragen gilt er als gemäßigt. Rubio schien zwischenzeitlich gar dafür offen, mit dem Präsidenten auf diesem Feld zusammenzuarbeiten und jenen illegalen Zuzüglern ein Bleiberecht zu gewähren, die als Kinder in die USA kamen. Seine zumindest temporäre Offenheit für den sogenannten Dream Act dürften bei den Hispanics einige mitbekommen haben.
Fiskal- und außenpolitisch ist Rubio ein Hardliner. Von einer Öffnung der Beziehungen zu Kuba hält er ebenso wenig wie von einem gemäßigten Kurs gegenüber Iran. Das könnte in der Mitte manche Wähler abschrecken, innerparteilich ist ihm dieser Kurs aber durchaus nützlich. Bei den Radikalen von der Tea Party kommt er mit seinen Positionen jedenfalls bestens an.
Demokratisches Übergewicht hat sich über Jahre verfestigt
Doch das Problem wird für die Republikaner kaum im Handumdrehen zu lösen sein. Die Einwanderungspolitik ist bei den Konservativen zum jetzigen Zeitpunkt ein wenig geeignetes Feld für große Reformvorschläge. Das Thema ist innerparteilich hoch umstritten. In der sensiblen Nachwahlphase wird es - statt neue Auseinandersetzungen zu suchen - erst einmal darum gehen müssen, den Laden zusammenzuhalten, Gemeinsamkeiten zu finden. Und da wollen viele Republikaner die Priorität zunächst auf die Wirtschafts- und Fiskalpolitik legen.
Das Ergebnis vom Dienstag ist zudem mehr als ein Denkzettel für die verschwurbelte Haltung in Einwanderungsfragen, die in den entsprechenden Wählergruppen bislang überwiegend so ankommt, als wollten die Republikaner das Land gegen Neuankömmlinge komplett abschotten. Das demokratische Übergewicht unter Latinos und anderen Zuzüglern hat sich über die Jahre verfestigt, auch, weil sich viele unterprivilegierte Einwanderer in sozialen Fragen den Demokraten näher fühlen. Es wird mehr brauchen als ein neues Gesicht und eine neue Haltung zu Grenzkontrollen und Visa-Verfahren, um dieses Übergewicht auszubalancieren.
Das wird auch Rubio wissen. Ausgerechnet in seiner Heimat, dem wichtigen und wählerträchtigen Bezirk Miami-Dade, in dem rund 65 Prozent der Bevölkerung einen lateinamerikanischen Hintergrund haben, wurde Mitt Romney in diesem Jahr regelrecht gedemütigt. Obama holte dort fast doppelt so viele Stimmen wie sein Herausforderer. Und das obwohl der smarte Senator in der Region etliche Wahlkampfauftritte mit Romney absolvierte.
Immerhin: Mit seinem Facebook-Eintrag zu einer Neuaufstellung der Republikaner in Sachen Einwanderer scheint Rubio schon mal einen Nerv getroffen zu haben. Mittlerweile gefällt der Eintrag mehr als 20.000 Nutzern.
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