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Streit um Senkaku-Inseln: "Handelskrieg wäre größere Gefahr als militärischer Konflikt"

Zwischen China und Japan eskaliert der Streit um das rohstoffreiche Senkaku-Archipel. Zehntausende Demonstranten gingen in China auf die Straße, es gab Ausschreitungen gegen japanische Unternehmen. Im Interview erklärt der Politikwissenschaftler Eberhard Sandschneider, warum keines der Länder nachgeben wird - und wann die Folgen des Streits Europa treffen.

AFP

SPIEGEL ONLINE: Der Konflikt um die Senkaku-Inseln spitzt sich zu: In Peking attackieren Tausende wütende Chinesen die japanische Botschaft. China und Taiwan entsenden Marineschiffe ins Ostchinesische Meer. Wer kann jetzt noch für Entspannung sorgen?

Sandschneider: Einer der beteiligten Staaten müsste in diesem Konflikt zurückdrehen, doch das wird keiner tun. Was wir derzeit beobachten, ist ein klassischer Hochschaukler, der beachtliche Risiken birgt. In dieser Krise gibt es keine gute Lösung. Alle Beteiligten beanspruchen die Eilande mit Maximalforderungen, von denen sie so schnell nicht mehr runter können.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist das so?

Sandschneider: Jede der Regierungen, egal ob in Tokio, Peking oder Taipeh, wird innenpolitisch gewaltig unter Druck kommen, wenn sie erkennen lässt, dass sie im Streit um die Senkaku-Inseln nicht nationale Interessen vertritt. Vor allem Nationalisten heizen die Stimmung in den Ländern auf. Das macht die Sache so brisant. Gewinnen kann dabei keiner, verlieren können alle.

SPIEGEL ONLINE: Droht eine militärische Auseinandersetzung?

Sandschneider: Natürlich besteht die Gefahr eines militärischen Zwischenfalls, in den letztendlich auch die USA mit hineingezogen werden können, die in der Region militärisch verstärkt Präsenz zeigen. Aus dem Streit, der schon seit Jahrzehnten vor sich hin schwelt, kann aus heiterem Himmel ein heißer Konflikt werden. Der würde auch die Wirtschaft im asiatisch-pazifischen Raum beeinflussen: Wenn die kriegsbedingt lahmt, werden wir das auch in Europa zu spüren bekommen.

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China und Japan: Inseln im Fokus von Nationalisten
SPIEGEL ONLINE: Schauen wir auf die einzelnen Akteure: Warum setzt China auf Konfrontation und rüstet verbal auf?

Sandschneider: Was soll Peking sonst sagen? Die Regierung muss innenpolitisch belegen, nationale Interessen schützen zu können. Taiwan und Japan tun dasselbe, das macht die Lage ja so verfahren.

SPIEGEL ONLINE: Aber hat Pekings konfrontativer Stil nicht auch damit zu tun, dass China die Industriemacht Japan vorführen und zeigen will, wer in der Region das Sagen hat?

Sandschneider: Vorführen ist vielleicht zu viel gesagt. Aber die strategische Konkurrenz zwischen beiden Staaten zeigt sich auf allen Ebenen. Sowohl politisch als auch ökonomisch, in Fragen der Vergangenheitsbewältigung und eben erst recht bei den gegenseitigen Gebietsansprüchen.

SPIEGEL ONLINE: Wieso verhält sich Japan so stur und kauft die Senkaku-Inseln, obwohl Tokio weiß, dass es damit die Volksrepublik massiv provoziert?

Sandschneider: Auch Tokio wird von den Nationalisten im Land getrieben. Die sind ja schon mit viel Brimborium zu den Inseln gefahren und haben japanische Flaggen aufgestellt. Die Führung musste reagieren.

SPIEGEL ONLINE: Es geht in diesem Streit konkret um drei Eilande. Japan sagt, das sind unsere, wir verwalten sie seit 1972. China und Taiwan zeigen auf Karten aus dem Mittelalter und behaupten: Nein, das sind unsere. Wem gehören die Felsen denn nun?

Sandschneider: (lacht) Das ist doch ein beliebiges Spiel. Irgendeiner findet immer noch eine ältere Karte und meint, damit beweisen zu können, dass das Gebiet ursprünglich zu seinem Nationalstaat gehört hat. Dazu kommen die politischen Realitäten, die sich in den letzten Jahrzehnten ergeben und verfestigt haben. Hier stehen historische Ansprüche gegen machtpolitische Realitäten. Solche Regionalkonflikte sind nicht zu lösen, ohne dass eine Seite massiv Gesicht verliert.

SPIEGEL ONLINE: In der Volksrepublik wird bereits diskutiert, ob ein Chinese nicht "Verrat am eigenen Land" begeht, wenn er ein japanisches Auto fährt. Steht ein Handelskrieg bevor?

Sandschneider: Potentiell kann ich ihn nicht ausschließen - und ein Handelskrieg ist vielleicht noch eine größere Gefahr als eine militärische Konfrontation. Das Risiko ist für beide Staaten sehr hoch, sie sind wirtschaftlich voneinander abhängig. Die aufgeheizte Stimmung einzudämmen, ist gar nicht so einfach. Zumal in China die Führung unmittelbar vor einem Wechsel steht. Eine Situation, in der manch eines der Nachbarländer vielleicht glaubt, dass Peking nicht ganz so handlungsfähig ist wie sonst. Das ist meiner Meinung nach eine falsche Einschätzung. Peking ist jederzeit in der Lage, die nationale Sicherheit herzustellen.

SPIEGEL ONLINE: Hinter dem Streit um die drei Inseln verbergen sich auch handfeste wirtschaftliche Interessen. Dort werden riesige Öl- und Gasvorkommen vermutet. Taiwan hat vorgeschlagen, diese Rohstoffe gemeinsam auszubeuten. Ist das eine Lösung für den Konflikt?

Sandschneider: Ja, eindeutig. Solche Konsortien, an denen die drei Staaten beteiligt sind, die gemeinsam die Rohstoffe erschließen, wären der einzig brauchbare Weg. Nur ist die wunderbare Variante extrem weit davon entfernt, umgesetzt zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Wieso?

Sandschneider: Wie schwierig ökonomische Zusammenarbeit sein kann, zeigt etwa in Europa die heftige Diskussion über die geplante Fusion von EADS und BAE und die Debatte, wer die Führung in dem Unternehmen übernimmt. Dass ein Japaner, ein Chinese und Taiwaner gemeinsam ein Konsortium auf den Senkaku-Inseln leiten, ist in dieser konfrontativen Situation nicht vorstellbar.

SPIEGEL ONLINE: Können die USA ein möglicher Schlichter sein? Außenministerin Clinton hat mehrfach für einen Verhaltenskodex geworben, um Streitfälle in der Region gemeinsam zu lösen.

Sandschneider: Theoretisch klingt das schön, aber die USA sind für diese Rolle denkbar ungeeignet. Peking weiß genau, dass Washington enge strategische Beziehungen sowohl nach Japan als auch Taiwan pflegt. Die Auseinandersetzungen in der Region werden uns noch auf lange Zeit begleiten - wie auch die militärischen Machtspiele. Rempeln ist eine schöne Sache, nur ist das Risiko groß, dass dabei etwas schiefgeht und der Konflikt plötzlich und unkalkulierbar eskaliert.

Das Interview führte Christina Hebel

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1.
hxk 16.09.2012
Keine Angst. Die chinesischen Medien weisen bereits darauf hin, dass ein Boykott japanischer Waren China selbst sehr schaden würde. Da die Medien zensiert sind, gehe ich davon aus, dass die chinesische Führung die Leute etwas Dampf ablassen lässt -selbstverständlich gewaltlos- und dann zur Tagesordnung übergeht.
2. Das Problem liegt im internationalen Recht
n+1 16.09.2012
Es wird höchste Zeit, dass eine Insel mit weniger als 10 000 qkm keinerlei Rechte begründet, außerhalb der Dreimeilenzone wirtschaftliche Rechte irgendwelcher Art geltend zu machen.
3.
Wololooo 16.09.2012
Wenn es in einem Land wie China, wo überall Polizeipräsenz herrscht und man bei einer Versammlung von ca. 4 Leuten schon nach dem Ausweis/ Visum gefragt wird, eine solche Demonstration gibt, dann weiß man, dass diese zentral gesteuert wird. Die ganzen armen Bauern und Wanderarbeiter gehen gerne für 50 Kuai auf die Straße zum demonstrieren. Auch Studenten wird man so gewinnen können. So lässt sich wunderbar von internen Problemen ablenken. Z.B. von Fang Daguo, Hohe Beamte die junge Frauen vor ihren 3-jährigen Kindern verprügeln (in Shandong Binzhou) oder dem katastrophalen Katastrophenmanagement nach dem Erdbeeben in Yunnan.
4. Einfach mal auf die Landkarte schauen!
mwinter 16.09.2012
Die besagten Inseln liegen mehr als 2000km vom japanischen Staatsgebiet entfernt (in der Nähe von Taiwan, ehemals schon von Japan besetzt) und weit außerhalb japanischer Seegrenzen. Vielleicht nochmal über die eindeutige Parteinahme durch Verwendung des Begriffes "Senkaku-Inseln" nachdenken, Spiegel? Das ist doch nichts weiter als ein erneuter Versuch Japans, einen Fuß in die Tür zum asiatischen Festland zu bekommen... Wozu das beim letzten Mal geführt hat, war ja 1937 sehr gut zu beobachten. Die Chinesen werden keinesfalls zulassen, dass dies noch einmal passiert.
5.
maruku 16.09.2012
Wenn man solche Meldungen hört, dann ist man doch froh Europäer zu sein. Könnte die EU nicht ein passender Schlichter sein?
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Zur Person
  • DGAP
    Eberhard Sandschneider (57) ist seit 2003 Otto Wolff-Direktor des Forschungsinstitutes der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Seit 1998 hat er den Lehrstuhl für Politik Chinas und Internationale Beziehungen an der Freien Universität Berlin inne. Seine Forschungsschwerpunkte sind die deutsche Außenpolitik, die transatlantischen Beziehungen und die internationalen Beziehungen im Raum Asien-Pazifik. Sandschneider ist Autor der Bücher "Der erfolgreiche Abstieg Europas - Heute Macht abgeben um morgen zu gewinnen" (2011) und "Globale Rivalen - Chinas unheimlicher Aufstieg und die Ohnmacht des Westens" (2008).

Karte

japanische Bezeichnung: Senkaku
chinesische Bezeichnung: Diaoyu

Fläche: 377.944 km²

Bevölkerung: 127,016 Mio.

Hauptstadt: Tokio

Staatsoberhaupt:
Kaiser Akihito

Regierungschef: Shinzo Abe

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Fläche: 9.572.900 km²

Bevölkerung: 1367,820 Mio.

Hauptstadt: Peking

Staatsoberhaupt: Xi Jinping

Regierungschef: Li Keqiang

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